'The Subterranean Railway'. Christian Wolmar. How the London Underground was built and how it changed the city forever

Wir sind immer gerne mit Londons U-Bahn gefahren. Trotz aller Modernität hat man, vom Look und vom Stil her, das Gefühl in ein vergangenes Zeitalter einzutauchen. Und das tut man auch. Während sämtliche anderen U-Bahnen der Welt aus dem 20. Jahrhundert stammen, ist Londons Underground um Jahrzehnte älter und im 19. Jahrhundert verwurzelt. In einen literarischen Kontext ausgedrückt: Charles Pearson (1793–1862), treibende Kraft hinter Londons U-Bahn Projekt, war ein Zeitgenosse von Jane Austen, und 23 Jahre alt als die Autorin starb. Den Beginn der Zeit während Londons U-Bahn geplant, genehmigt und gebaut wurde (1854 – 1863) hat Charlotte Brontë noch miterlebt. New Yorks U-Bahn wurde erst 1904 eröffnet. Die von Paris im Jahr 1900. Hauptgrund für die U-Bahn-Idee war Londons gigamtisches Wachstum im 19. Jahrhundert, und die damit verbundenen Verkehrsprobleme. Es gab keine Autos, aber die Straßen waren bis zum Bersten gefüllt mit Fußgängern und von Pferden gezogenen Bussen – und Pferdemist. Gustave Dorés bekannte Zeichnung vom London-Verkehr ist keine Karikatur. Londons Bevölkerung war von ca. einer Million im Jahr 1800 auf 2.5 Millionen im Jahr 1850 gestiegen. Die Krise der Landwirtschaft und die Industrielle Revolution sorgten für Landflucht. Dadurch wiederum entstand ein riesiges Pool billiger Arbeitskräfte in London. Der jahrelange Bau des gigantischen U-Bahnprojekts kostete nur etwa 1 Million Pfund. Damals sehr viel Geld, aber die U-Bahn machte schon im ersten Jahr über 100.000 Pfund Profit. Der Ingenieur Sir John Fowler hatte für seine 10-jährige Arbeit & Plannung ein Gehalt von 137.700 Pfund, etwa 15 % des Gesamtbudgets erhalten. Damals übrigens viel mehr als die Gehälter und Bonuszahlungen von heutigen Bankern und Bossen. Der Idee einer kilometerlangen U-Bahn schlug anfangs Misstrauen entgegen. Eine U-Bahn war damals Science Fiction und hatte sogar Schwierigkeiten sich gegen Pläne für eine Schwebebahn durchzusetzen. Beim Bau der U-Bahn wurde vorrangig die sog. cut-and-cover Technik (Bild) eingesetzt. Die Presse beschwor, typischerweise, noch kurz vor der Eröffnung von Londons U-Bahn am 10 Januar 1863, Horrorszenarien herauf: 

‘Es beleidigt den gesunden Menschenverstand, anzunehmen dass Leute die preiswert per Bus in die Stadt fahren können, bevorzugen würden, durch Londons faulige Unterwelt, voller Ratten und Abwässern zu reisen, nur um etwas schneller anzukommen…’.

Notting Hill Gate 1868. Foto aus dem Buch von Christian Wolmar

Blah-blah. War die Presse damals in der Tasche von Busunternehmern? Wie auch immer: Der erste Tag war ein großer Erfolg: Es gab Tickets drei verschiedener Klassen. In der 1. Klasse war die Abteil-Beleuchtung per Gaslampen so hell dass man Zeitung lesen konnte. Damals was Neues. Und jede Klasse war so konzipiert dass ein großgewachsener Mann mit Zylinderhut aufrecht gehen konnte. Was will man mehr? Die Zahl von ca. 30.000 Reisenden (inkl. vielen Neugierigen) am ersten Tag war selbst nach einem Jahr noch der tágliche Durchschnitt. Wenn es ein anfängliches Problem gab, war es der Rauch der Dampfloks. Dies wurde weitgehend durch vorgebrannte, raucharme Kohle und spezielle kleine Loks von Beyer-Peacock gelöst. Elektrischer Betrieb wurde graduell ab 1903 eingeführt. Das Buch The Subterranean Railway (2004) von dem Briten Christian Wolmar (Wiki-Eintrag) ist gut, und auch unterhaltsam geschrieben. Wir sind heute, auszugsweise, auf die ersten drei Kapitel (von fünfzehn) eingegangen. Es gibt hier also viel, viel mehr für Eisenbahn-Fans zu erkunden. Leider momentan nur auf Englisch. Wir werden noch öters auf Bücher von Wolmar eingehen. Schon die Titel, wie Blood, Iron and Gold: How The Railway Changed The World Forever (2009) deuten daraufhin dass die Eisenbahn hier nicht nur in einem technischen sondern auch historischen Kontext betrachtet wird. Wir fügen noch etwas von dem Mythos hinzu, den die U-Bahn in der Kultur und Popkultur hinterlassen hat. In Liedern wie Saturday Night von Suede, und  Down in the Tube Station at Midnight von The Jam. In Sherlock Holmes Geschichten wie Die Bruce Partington Pläne (1912). In Krimis wie Der Mann im braunen Anzug (1924) von Agatha Christie und König Salomons Teppich (1991) von Ruth Rendell, als Barbara Vine. Ebenfalls eine Vielfalt von schönen alten Postern die Londons U-Bahn als etwas kultiviertes und umweltfreundliches darstellen sollten. Und das trifft auf London Underground bestens zu.

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Besuchstipp  Das London Transport Museum in London, hier ein Wiki-artikel darüber

Avenita Kulturmagazin