Truckin’ in Andalucia

Obwohl Grateful Dead für uns die beste US-Band und eine unserer Lieblingsbands überhaupt ist, brauchten wir eine Weile um einen Einstieg für diese Artikelserie zu finden. Es ist oft schwerer, über etwas zu schreiben das man sehr mag. Denn man ist mehr darauf bedacht, neue Blickwinkel zu erkunden und über abgedroschene journalistische Klischees wie ‘Grateful Dead die Hippie-Band’ und ‘Grateful Dead die Drogen-Band’ hinauszugehen. Die Klischees sind nicht falsch, aber nur ein Teil der Geschichte. Eine Brise frischen Wind brachte uns eine DVD namens ‘Grateful Dawg‘ (2000): Hinter dem Titel, der mitunter auf eine ländliche Aussprache für das Wort dog anspielt, steckt ein Doku das Licht auf die frühen musikalischen Wurzeln des Grateful Dead Gitarristen Jerry Garcia wirft, nämlich Bluegrass. Also eigentlich archetypische folk music. Nicht die heute vorherrschende kommerzielle Form von country music die sich in Klang und Produktion kaum von Mainstream-Popmusik unterscheidet, sondern Musik die aus ländlichen, eher armen Gegenden Amerikas stammt und heute noch, ähnlich wie vor 100 Jahren, mit Banjos, Geigen, Mandolinen, akustischen Gitarren auf Feten und in Wirtshäusern gespielt wird. Es ist faszinierend, auf der DVD Bilder von einem jungen, geschniegelt aussehenden Jerry Garcia vor der Gründung von Grateful Dead zu sehen, mit obskuren Bands wie Asphalt Jungle Mountain Boys. Unser Ansatz für diese Serie ist, Grateful Deads Rolle als moderne Folkband zu untersuchen, wenn auch als elektrisierte, experimentelle, bahnbrechende Folkband. Grateful Deads Art von folk music erzählt nicht nur jahrhundertealte Geschichten sondern auch Geschichten aus jüngerer Vergangenheit: Zum Beispiel von Versuchen alternativer Lebensweisen, mit allen möglichen Desastern und Erfolgen. Dabei werden wir über Figuren wie Jack Kerouac und Ken Kesey sprechen und auf Tom Wolfes Klassiker ‘The Electric Kool-Aid Acid Test’ (1968) eingehen. Wie auch immer man zu jenen Zeiten und Leuten stehten mag, es ist schwer zu leugnen dass Grateful Dead und ihr Umfeld interessanter sind als viele heutige Bands die allem Anschein nach, am Reisbrett von Vermarktungsfirmen entworfen werden. Wenn folk music etwas ist das Geschichten erzählt eher als auf das große Geld zu spekulieren, dann könnte man sagen dass Grateful Dead gemeinschaftlich erlebte Träume, Gefühle und Erfahrungen einer mittlerweile historischen Periode darstellt. Mit Ecken und Kanten. Denn Künstler, Dichter und Abenteuerer versuchen ja schon seit Jahrhunderten die Grenzen monotoner Alltage und Denkweisen durch riskante, teils dionysische Erfahrungen zu durchbrechen. Und wenn sie dabei manchmal scheitern? Ok. Auch davon erzählen eine ganze Reihe von Sagen und Volksliedern

Das erste Lied in unserer Top-10 von Grateful Dead? Als wir hier in Andalusien anfingen, unsere 10 Lieblingslieder auszusuchen, zudem Lieder die sich Leser am Ende der Serie als Souvenir für den Hausgebrauch als Album zusammenstellen können, fiel uns auf dass es schwieriger war als bei anderen Bands. Besonders wenn man versucht, die Lieder so zu hören wie jemand der die Band noch nicht kennt. Grateful Dead erweist sich als eine Art Gesamtkonzept das schwer auf Häppchengröße zu reduzieren ist. Die Lieder klingen, ohne den Kontext eines Albums oder eines gewissen Lebensgefühls, auf Anhieb nicht sehr eingängig und nicht einmal so mystisch so wie man anhand der markanten LP-Cover mit Totenköpfen & Rosen etc. vermuten könnte. Grateful Dead greift selten zu den vertrauten Erkennungszeichen der Rockmusik, wie Betonklotz-Gitarren-Riffs, laute Backbeats oder mit double-entendres beladene Boy-meets-Girl-Gesangstexte. Durchaus mal bei ihren Coverversionen von älteren Rockklassikern, aber bei ihren eigenen Kompositionen hat die Band lyrisch, musikalisch und vom Gesang her, einen sehr eigenen Stil. Nicht jedem gefallen auf Anhieb, Jerry Garcias und Bob Weirs Gesangsstimmen die, rock-untypisch und unaffektiert, so klingen wie ihre Sprechstimmen. Es ist auffällig dass die Band bei Liedern die der verstorbene Keyboarder Ron McKernan sang, viel mehr nach einer typischen Bluesrockband á la Canned Heat klingt – super, aber auch etwas konventioneller. Nicht jeder Zuhörer mag langwierige Improvisationen oder den synkopierten swing der durch zwei Schlagzeuger entsteht. Grateful Dead ist kein stromlinienförmiges Produkt das man leicht in eine Schublade einordnen kann. Unsere erste Liedauswahl, ‘Jack Straw‘ vom Live-Album ‘Europe ‘72‘ ist eins der schönsten Lieder der Band. Und auch ein gutes Beispiel für den Stil von Robert Hunter, dem Textschreiber von Grateful Dead der, quasi als ‘nicht-spielendes-aber-mitreisendes-Mitglied’ der Band eine wichtige Rolle spielte. Dass Hunter auch Gedichtsbände mit seinen Übersetzungen von Rilkes Duineser Elegien und Die Sonnette an Orpheus veröffentlichte, verdeutlicht dass wir es nicht mit0815-Rockstars zu tun haben. Werfen wir einen näheren Blick auf ein Lied mit einer bizarren Geschichte über Outlaw-Kaltblütigkeit und Außenseiterromantik

Wovon handelt das Grateful Dead-Lied Jack Straw? Das Lied besteht aus Gesprächsfragmenten von zwei flüchtigen Kriminellen namens Shannon und Jack die sich als blinde Passagiere auf Güterzügen durch das Amerika des frühen 20. Jahrhundert durchschlagen. Bizarrerweise mischen sich dabei – fast á la Travoltas ‘Pulp Fiction‘ – Details von Raubmorden mit idylischen Bescheibungen von Adlern am blauen Sommerhimmel, brüderlich geteilten Weinflaschen und…brüderlich geteilten Frauen! Das Ganze läuft jedoch auf ein bitteres Ende hinaus, da Shannon scheinbar unterwegs ist um Rechnungen mit einem alten Kumpel zu begleichen. Das Lied lässt offen ob: 1. Das beabsichtigte Opfer vielleicht sogar Shannons momentaner Gesprächspartner Jack Straw ist oder ob 2. Jemand anders in Tulsa ermordet werden soll, oder ob 3. Bei der Ermordung dieser Person, mögliicherweise Shannon erwischt wurde und an den Galgen kam. Die Ambiguität stammt daher dass es am Ende des Lieds heisst, Jack Straw ‘cut his buddy down., and dug for him a shallow grave’ – was sowohl bedeuten kann dass Jack Straw letztendlich Shannon tötete und die Leiche versteckte oder ihn vom Galgen abschnitt und in ein Grab legte

Welche Stilelemente eines Folk Songs hat Jack Straw? Seit dem Progressiven Rock der 60er und 70er Jahre, gibt es bei Liederschreibern eine Tendenz in der 2. oder 3. Person zu schreiben, obwohl offensichtlich die eigenen Gefühle oder Ansichten geschildert werden, Beispiel: ‘He’s a real Nowhere Man…’ (Beatles, Nowhere Man). Oder: ‘All you touch and all you see, is all your life will ever be’ (Pink Floyd, Breathe). Bei Country- und Folk-Liedern ist oft umgekehrt, es gibt hier die Perspektive der 1. Person obwohl das Lied unmöglich vom Sänger selbst handeln kann. Zum Beispiel weil der Protagonist des Lieds tot ist und quasi aus dem Jenseits singt, wie in The Long Black Veil oder in The Deserter. Auch die Verse des Grateful-Dead-Lieds ‘Jack Straw’ haben mit Jack & Shannon persönliche Erzähler, das heißt der Texter Robert Hunter schreibt ich und wir obwohl er, vermuten wir mal, noch niemanden umgebracht hat. Eine weitere interessante Eigenheit von Hunters Texten ist der häufige Gebrauch von Orts- und Eigennamen wie Santa Fe, Tulsa, Cheyenne,Witchita (das mit seinem Reim auf Jack Straw den hook oder Refrain liefert) oder der Name der Great Northern Eisenbahn. Etwas das Liedern ein Folk-typisches dokumentarisches Gefühl verleiht. Viele Dead-Lieder bekommen zusätzliche On-the road-Authenzität durch den Einbezug von milieu-spezifischen Redewendungen: In ‘Jack Straw heißt es ‘We done shared’ anstatt des korrekten ‘We have shared’. Absichtlich verwendete ‘Einfache-Leute-Sprache’, ähnlich wie das zum Hippie-Schlagwort gewordene, Südstaaten-Slang imitierende Truckin’. Einer der bemerkenswertesten Aspekte, was das Lied und die Band generell anbelangt, ist dass diese archetypischen Hippies sich nie schwer taten, etwas patriotische Flagge zu zeigen. Oder besser gesagt, es schafften, die positiven Seiten des amerikanischen Mythos’ für sich zu reklamieren.  So wird in Jack Straw die Zeile ‘from sea to shining sea‘ zitiert – von einem Gedicht aus dem 19. Jahrhundert, das zur Quasi-Nationalhymne America the Beautiful wurde

Entstehungsgeschichte des Grateful Dead Lieds Jack Straw? Anscheinend sah Sänger und Gitarrist Bob Weir eines abends zuhause eine Verfilmung von Steinbecks Roman ‘Von Mäusen und Menschen’ (1937) und war so beeindruckt davon dass er zusammen mit Robert Hunters Lyrics daraus ein Lied über zwei hoffnungslose Außenseiter im amerikanischen Heartland machte. Wir schätzen, das müsste die Verfilmung von 1939 gewesen sein, da erst 1981 ein neuer TV-Film gedreht wurde. Die Story mit dem Film entnehmen wir einem Bob-Weir-Interview aus einem alten Musikmagazin. Wir sammeln solche Sachen!

Wie wird ‘Jack Straw’ von Grateful Dead musikalisch interpretiert? Mit über einem Dutzend Akkorden ist das Lied musikalisch komplexer als es auf Anhieb wirkt. Micht so sehr eine typische jam sondern ausgefeilte Kompositions. Auch die zum Teil dreistimmigen Gesangsharmonien von Bob Weir, Jerry Garcia und Bassist Phil Lesh sind hier so gut dass sie es ausnahmsweise sogar mit Perfektionisten wie Crosby, Stills & Nash aufnehmen können. Die idylische Musik verführt dazu, das Lied spontan als romantische Ballade einzustufen. Erst bei genauerem Hinhören merkt man dass es hier eigentlich um eine ziemlich bizarre Räubergeschichte geht. Weil Bob Weir und Jerry Garcia auf der live in Paris aufgenommenen Version von ‘Jack Straw‘ verschiedene Zeilen singen (Weir singt Hauptstimme zu Beginn des Lieds und Garcias Hauptstimme beginnt mit der Zeile ‘I just dropped the watchman…’) wird jedoch klar dass dies ein recht ernster Dialog zwischen den dubiosen Figuren Shannon und Jack ist. Die in Kopenhagen gefilmte Version von Jack Straw auf YouTube ist zwar nicht 100% identisch mit der Version vom Album ‘Europe ’72‘, aber ziemlich ähnlich. Das ruhige Tempo des Lieds, das zwischen ca. 68 und 72 bpm variiert, erlaubt der Band zwischen den Strophen, sogar zwischen einzelnen Gesangszeilen, kleine Solomelodien einzufügen. Auch Bassist Phil Lesh lässt sich, gewohnheitsgemäss, diesen Spass nicht nehmen. Das Piano klimmpert entspannt und unaufdringlich. Jerry Garcias Gitarrenspiel klingt sonnig, flüssig, melodisch, fast kindisch, aufgrund seiner Art scheinbar immer den Bruchteil einer Sekunde am Takt vorbei zu spielen und nach ungewöhnlichen Melodien und Harmonien zu suchen. Mehr Gitarren-Info gefällig? Nächster Absatz

Apropos Musikinstrumente: Welche Gitarren von Grateful Dead gefallen uns am besten? Obwohl Jerry Garcias speziell für ihn handgebauten Gitarren namens ‘Wolf‘ und ‘Tiger‘ am berühmtesten sind, nicht zuletzt weil sie im Jahr 2002 für umgerechnet jeweils über eine halbe Million Euro versteigert wurden, müssen wir gestehen dass wir weniger Fans von Unikat-Gitarren sind sondern klassische Marken á la Fender und Gibson bevorzugen. Zumal wir sowohl die dunkelbraune Tiger als auch die gelbe Wolf von der Form her als nicht völlig ausgewogen empfinden. Häresie, aber nur unsere Meinung. Wolf ist fast durchgehend im Konzertfilm ‘The Grateful Dead Movie’ (gedreht 1974 / veröffentlicht 1977) zu sehen. Der 2-DVD-Set mit Massen an Extras ist leider nur in Amerika erhältlich. Garcias Tiger, die erst um 1979 an die Öffentlichkeit kam, klingt zugegebenermaßen sehr gut, z. B. auf dem Rockpalast-Auftritt von 1981, den einige Leser kennen werden. Aber wir mögen trotzdem lieber Garcias naturfarbene oder sunburst Fender Stratocasters und die dunkelrote Gibson SG vom Woodstock-Auftritt. Die Stratocasters wurden, wie  im obigen Jack Straw Clip zu sehen sehen, auf der Tour Europe ‘72 gespielt. Die Fender Sunburst, durch deren Lack die Holzmaserung schön durchschimmert, ist auf dem phänomenalen wenn auch unvollstándigem Live-Filmdokument ‘At Old Renaissance Faire Grounds,1972′ zu sehen, das wir als DVD haben.

Hier sieht man auch Phil Leshs semiakustischen Alembic-Bass mit seinem Glorreichen Dutzend (oder mehr) an Tonreglern. Was Gitarren-Verstärker anbelangt: In dem Doku ‘Anthem To Beauty‘ ist Garcia so wie auch Bob Weir während ‘China Cat Sunflower’ mit Kofferverstärkern Marke Fender Twin-Reverb zu sehen, deren Lautsprecher mit bunten Batik-Tüchern bespannt sind. Co-Sänger Bob Weir, der hauptsächlich Rhythmusgitarre spielt, ist in den 60er, 70er Jahren meist mit einer Gibson ES-345 Semi-acoustic zu sehen. Erst Mitte der 70er kam die Ibanez mit schönen Perlmutteinlagen dazu, zu sehen z. B. auf ‘Dead Ahead Live, Radio City Konzert‘, 1980. Beide Gitarristen, speziell Weir, spielen mit einem relativ natürlichen Klang ohne Massen von Effekten. Garcia benutzte öfters ein Wah-Wah-Pedal (auf ‘Renaissance Faire Grounds’ konnten wir die Marke ‘Colorsound’ erkennen) und ist auf Liedern wie ‘Help on the Way / Slipknot’ auch mal mit Verzerrer zu hören. Was Akustikgitarren anbelangt, sahen wir von Bob Weir in einer Fachzeitschrift Werbung für eine gut aussehende Yairi WY1 mit Cutaway und internem Mic / Pickup. Leser die sich für solche Sachen interessieren, könnten Spaß an dem Buch ‘Grateful Dead Gear, The Band’s Instruments, Sound Systems, and Recording Sessions from 1965-1995’ haben

Klingen Grateful Dead besser live als im Studio? Fans werden sagen, logo, rhetorische Frage! Aber wir finden einige Lieder, vielleicht fast das ganze Album ‘American Beauty‘ (1970), als Studioversion am besten. Andererseits klingt ‘Morning Dew’ live auf ‘Europe ‘72‘ besser als die etwas ulkige Version auf der Debut-LP ‘The Grateful Dead‘ (1967). Andere Lieder, wie auch ‘Jack Straw’ sind allerdings überhaupt nie auf Studio-LPs erschienen. Gleichfalls gibt es viele Coverversionen wie ‘Me and Bobby McGee’ oder Floyds ‘Wish You Were Here’ nur als Liveaufnahmen. Manche Dead-Lieder klingen live nicht nur etwas anders sondern erhalten einen ganz neuen Charakter, wie z. B. ‘Friend of the Devil’ das auf ‘Europe ‘72′ viel langsamer gespielt wird als die Bluegrass-Version auf der Studio-LP. Aber kein Zweifel, Jams, also improvisierte Passagen wie sie oft bei Grateful Dead vorkommen, funktionieren naturgemäß besser vor einem Publikum. Zudem spiegelt sich im Erfolg der Dead-Konzerte und Live-Alben ein weiterer interessanter Aspekt der Band. Zum einen, das exzellente und riesige Konzert-Equipment (gut im Film The Grateful Dead Movie zu sehen) das es der Band erlaubte, aufgrund sehr ausgeklügelter Technik, vor den PA-Lautsprechern zu spielen anstatt, wie es Bands normalerweise tun, dahinter. So hörte die Band, durch Owsley Stanleys berühmte Wall of Sound, die Musik genau wie das Publikum. Zudem hatte Grateful Dead eine im Musikgeschäft fast einzigartige Kontrolle über ihr Produkt, nämlich die Mastertapes von ihren Aufnahmen. Die meisten Band, damals und heute, machen mit Medienkonzernen den faustischen Pakt, der Vorschussgeld im Tausch für den Besitz der Aufnahmen und der Musikrechte besiegelt. Ironischerweise war es das Hippie-Prinzip der ‘Unabhängigkeit vom System‘ etc, das Grateful Dead – die nie so richtig Chart-Erfolg hatten – im Laufe der Jahrzehnte zu einem recht gut laufenden Business werden ließ. Viele Musiker werden falsch oder schlichtweg zu Tode vermarktet, oftmals durch schlechte Kompilationen über die Bands keine Komtrolle haben. Was den Live-Klassiker ‘Europe ‘72′ mit dem Lied Jack Straw anbelangt, wurde das ehemals aus drei Vinyl-LPs bestehende Album nach der Tour von der Band technisch stark bearbeitet, teils neu aufgenommen. Mehr zum berühmten ‘Live’-Klang von ‘Europe ‘72′ im nächsten Absatz

Making & Marketing of des Europe ‘72 Livealbums? Zwei interessante Anekdoten die wir zu ‘Europe ‘72 ‘in Grateful-Dead-Biografien gefunden haben: Der perfekte ‘Live-Sound’ des Albums wurde angeblich dadurch erzielt, dass die Band teils Studio-Aufnahmen von Liedern durch die Lautsprecher ihres Live-Equipments abspielte und dann, quasi mit Konzert-Ambienz, neu und ‘live’ klingend wieder aufs Tonband brachte. Was das Marketing des Albums anbelangt, wollte die Band angeblich nicht, dass die Firma Warner das Album, gemäß dem ungewöhnlichen Umfang von drei Vinyl-LPs, für teure 12 Dollar verkaufte. Dies konnte nur verhindert werden indem die Band einen stark reduzierten Prozentsatz von Tantiemen akzeptierte. Dinge wie diese waren anscheinend Mitgrund für die Entscheidung der Band gewesen sein, ihre eigene Record Company Grateful Dead Records zu gründen. Was allerdings auch Probleme mit sich brachte, u. a. weil Büroarbeit eins der weniger ausgeprägten Talente der Band war. Der Liveklassiker ‘Europe ‘72′ mit dem oben besprochenen Lied ‘Jack Straw’ hat übrigens ein, nach heutigem Standard, höchst unkorrektes Cover mit einem Zeitgenossen der sich seine Eiswaffel auf die Stirn haut. Das erinnert an bitterböse Witze und wurde in der Tat jahrelang durch ein alternatives Cover ersetzt. Die neuste Ausgabe hat den Burschen jedoch rehabilitiert und der Doppel-CD-Set ist, jetzt sogar mit 7 Bonustracks, insgesamt 25 Liedern ein Muss

Was für ein Mensch war Jerry Garcia? Bei solchen Fragen kann man, wenn man eine Person nicht persönlich kennt, sich auf Biografien beziehen, wobei das Problem ist dass diese manchmal umstritten sind und oft auch eine Art Agenda haben, z. B. eine Person sensationalistisch (und verkaufsfördernd) als ‘besonders problematisch’ darzustellen. Bei Jerry Garcia scheinen sich manche Schreiber besonders auf Drogengeschichten zu konzentrieren, so etwas verkauft sich besser als die Analyse von Liedern. Unser persönlicher Eindruck, anhand von Filmen und Interviews (z. B. in der exzellenten DVD ‘Anthem To Beauty‘, einem 75 Min. Grateful-Dead-Doku) von Jerry Garcia ist dass der Mann primär von einer grossen Liebe zu Musik geprägt war. Der auf der Konzertbühne manchmal ernst und abwesend wirkende Garcia, blüht in Interviews beim Thema Musik sichtbar auf auf und spricht darüber mit einem ansteckenden, fast kindischen Enthusiasmus. Eine interessante Szene im Doku ‘Anthem To Beauty‘ ist ein Interview in einer TV-Show der 60er Jahre, mit merkwürdigem, künstlichen Dekor, Marke Pappkarton: Hier plaudert Garcia, ultra-freakig mit langen Haaren – und Indianer-Poncho! – völlig offenherzig mit dem geschniegelten Moderator in Anzug und Krawatte, ganz ohne die damals teils vorhandene Hippie-Arroganz gegenüber ‘Normalos’. Was Anekdoten über Garcias Gebrauch von Drogen anbelangt: Wir interessieren uns mehr für die öffentlich zugängigen Werke von Künstlern. Die Besessenheit von Schreibern, mit den Schwierigkeiten mit denen Menschen privat zu kämpfen haben, scheint sich im Kern einfach an Problemen anderer Leute aufzugeilen eher als irgend jemandem behilflich zu sein. Anstatt Witzchen, geheimer Bewunderung oder zur Schau gestellter Empörung werden im nächsten Absatz kurz unsere Ansicht über Drogengebrauch darstellen

Warum führen Drogen so gut wie immer zu grossen Problemen? Drogen existierten, in verschiedenen Formen, für Jahrtausende bei vielen Völkern im Kontext von religiösen und schamanistischen Riten. Interessante Fakten dazu in dem Buch ‘High Society: Mind-Altering Drugs in History and Culture‘ (2009). Moderne Drogen, wie LSD, das zu Beginn der Hippie-Zeit in den 60er Jahren noch nicht illegal war, wurden anfangs von Musikern in einem idealistischen, kommunalen, vielleicht sogar quasi-religiösen Kontext verwendet, vielleicht teils als Opposition zum krassen Materialsmus und Militarismus in der Zeit des Vietnamkriegs und des Atom-Wettrüstens. Da in modernen Gesellschaften der rituelle, religiöse Kontext von Drogenerfahrungen nicht mehr vorhanden oder schwer realisierbar ist, finden sich jedoch selbst intelligente Leute mit Drogen sehr oft und sehr bald in einer ähnlichen Misere wie jeder arme Schlucker. Oder in der Misere der vielen Menschen die heute von Beruhingsmitteln und anderen öffentlich erhältlichen Medikamenten abhängig sind. Nicht ganz zufällig kommt diese Stellungnahme vor der Kurzvorstellung eines Buchs, in dem Drogen eine Rolle spielen – und in dem die Grateful Dead einige Gastauftritte haben

Tom Wolfes Megaklassiker ‘Electric Kool-Aid Acid Test’ und Grateful Dead? Die Band spielt hier zumindest eine Nebenrolle. Das Buch handelt hauptsächlich von Ken Kesey, der oft als Pionier auf dem Gebiet psychedelischer Drogen bezeichnet wird, und seinem Kreis von Freunden und Anhängern namens ‘The Merry Pranksters‘. Wir werden in dieser Serie noch öfters auf ‘The Electric Kool-Aid Acid Test‘ (1968) zurrückkommen und heute nur eine Passage – frei und auszugsweise – aus dem Original nacherzählen. Tom Wolfe sieht das Trips Festival von 1966 als direkter Vorläufer, sogar Katalysator für modernes Multimedia-Entertainment: Hier sieht er  eine direkte Verbindung zu der Art wie die Acid Tests Licht- und Filmprojektionen, Stroboskope, Tonbänder, Rock’n’ Roll, UV-Licht und Acid Rock kombinierten. Und die Vorläufer von all dem waren für ihn die Grateful Dead bei den Acid Tests. Für ihn war die Band das akustische Ebenbild von den Lichtprojektionen des Merry Pranksters Roy Seburns. Und Wolfe sieht auch Toningenieur Owsley Stanley als indirekt verantwortlich für einiges davon. Dieser hatte angefangen, Geld in die Grateful Dead zu stecken und Equipment zu kaufen wie es bis dahin noch keine Band gehabt hatte, inklusive der Beatles. Unser Kommentar: Lesenswertes Buch über die damalige counterculture. Das interessante ist dass Tom Wolfe (geb. 1931) der heute, könnte man sagen, eine Säule des konservativen Establishments ist, schon damals, mit anfang Dreißig, der Gentleman-Journalist mit Anzug und Krawatte war und seine Reisen und Erlebnisse in der Acid- und Hippie-Szene großteils mit kritischer Distanz plus Humor beschrieb. Aufschlussreich fanden wir auch seinen Eindruck von Ken Kesey, der weniger aus der intellektuellen, städtischen Bohème á la Timothy Leary stammte, als dass er von Haus aus eher ein Landei, ein All-American Country Boy war und damals, so schildert es Wolfe, immer noch einige red neck Charakteristiken hatte. Das ergäbe insofern Sinn als dass zu den Merry Pranksters nicht nur sensible Künstlernaturen sondern auch Leute aus Biker-Gangs und ehemalige Vietnam-Soldaten gehörten

Mitgestaltungsmöglichkeit für Leserin dieser Serie? Wir sehen uns alles an was Leser und Fans zum Thema Grateful Dead schreiben.

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