Tam Lin: Allein gegen die Elfenkönigin

Eine kleine Verbindung mit der legendären Folkrock-Band Fairport Convention und Sängerin Sandy Denny haben wir, großzügig betrachtet, dadurch dass wir in den 80er Jahren mal ein Konzert mit Fairport-Gründer und Bassist Ashley Hutchings sahen. Er spielte mit seiner Albion Band in einem prall gefüllten Provinztheater in Wales. Das Konzert war unterhaltsam, gut gelaunt und unangeberisch wie es Folk und Folkrock-Gigs so sind. Damals ahnten wir noch nicht dass Hutchings frühere Band Fairport Convention mit ihren Interpretationen alter Volkslieder, der Ausgangspunkt dafür sein würde, uns mit heidnischen Mythologien und alten europäischen Traditionen zu beschäftigen. Fairport-Gründer Hutchings verließ die Band nach der bahnbrechenden LP ‘Lief & Liege‘ (1969), dem ersten Album das alte Volkslieder mit E-Gitarre, E-Bass und einem rocktypischen 4/4 Schlagzeug-Rhythmus kombinierte. Nicht zu vergessen, die mit Tonabnehmer versehende Geige. Bis dahin hatte britische Folkmusik, ähnlich wie es bei deutscher Volksmusik heute weitgehend immer noch der Fall ist, für junge Leute ein ziemlich spießiges Image. Fairport Convention spielten eine große Rolle dabei, das zu ändern. Die Veränderung war nachhaltig. Anhand von Radiopräsenz und Medienprofil, liegen britische Folk- und Folk-Rockbands heute, über 40 Jahre später, besser im Rennen als je zuvor. Obwohl Fairports ‘Lief & Liege‘ heute nicht besonders avantgardistisch klingt, war es für Gründer Hutchings nicht die musikalische Richting die er weiterverfolgen wollte. Er verließ die Band, quasi auf ihrem Zenith, mit der Absicht, wieder eine traditionellere, weniger von Rock geprägte Folkmusik zu erkunden. Fairport spielte weiter und existiert bis zum heutigen Tag. Trotz damaliger Schicksalsschläge, wie dem unfallbedingten Tod ihres ersten Schlagzeugers und die Trennung und dem frühen Tod von Sängerin und Liederschreiberin Sandy Denny (1947-1978) die mit ihrer offenherzigen, schönen Stimme für viele Folk-Fans, inklusive uns, eine der besten Sängerinnen aller Zeiten ist. Bezeichnend für Sandy Dennys heutige relative Unbekanntheit außerhalb von Folkmusik-Kreisen, ist dass die meisten Leute ihre Stimme, nicht unbedingt ihren Namen, von dem Duet mit Robert Plant auf ‘Battle of Evermore’ kennen. Jenes mystisch-heidnisch angehauchte Lied auf ‘Led Zeppelin IV‘ (1971). Dass die Band Sandy mochte und respektierte, sieht man u. a. vielleicht daran dass die Sängerin auf der inneren Albumhülle, ähnlich wie die vier Bandmitglieder, ihr eigenes kleines Symbol bekam: Drei Dreiecke, oder sind es Pyramiden, deren Spitzen sich berühren. Was immer das bedeutet, wir schätzen, es lohnt sich für Leser, Sandy, ihre Stimme, ihre Lieder und einige ihrer Soloprojekte näher kennenzulernen. Wir werden im Laufe dieser Artikelreihe unsere 10 Lieblingslieder von Fairport und Sandy besprechen und die faszinierenden Hintergründe der Texte von einigen, zum Teil sehr alten europäischen Volkslieder erkunden

Tam Lin: Ein Lied über keltische Götter? Die frühsten Aufzeichnungen von dem Volkslied Tam Lin, das Fairport Convention zu einem innovativen Folkrock-Klassiker machten, führen fast 500 Jahre zurück nach Schottland. Wobei schriftliche Dokumentationen von Volksliedern nicht selten auf weit älteren mündlichen Überlieferungen beruhen. Manche Forscher glauben dass die magische Figur des Tam Lin auf dem Sohn der keltischen Göttin Danu beruht. Mehr dazu gleich. Das Lied Tam Lin wird auch Child Ballad 39 genannt. Nach dem in Amerika geborenen Folklore-Forscher Francis James Child (1825-1896) der in Berlin und Göttingen studierte und von Vorlesungen der Gebrüder Grimm inspiriert wurde. Im Laufe seines Lebens veröffentlichte Child mehrere Bände seiner als Standardwerk geltenden Sammlung englischsprachiger Volkslieder. Eine moderne Ausgabe von Childs ‘The English & Scottish Popular Ballads’ finden Sie bei den Amazon-Links am Ende Artikels. Die 305 Child Ballads sind die Grundformen von Volksliedern von denen es wiederum viele verschiedene regionale Variationen gibt die Child ebenfalls dokumentierte. Von Tam Lin beispielsweise gibt es mehr als ein Dutzend, auch Namen und Schreibweisen variieren: Tamlyn, Young Tambling etc. Ein weiterer wichtiger Sammler von britischen Volksliedern und Tänzen war der Engländer Cecil Sharp (1859-1924). Das von der English Folkdance & Song Society betriebene Zentrum Cecil Sharp House in London war und ist bis heute Pilgerstätte für Folk-Fans. Einer davon war Fairport Gründer Ashley Hutchings, der damals in den Archiven nach guten Liedern für die Band suchte – und fündig wurde

Was für eine Geschichte erzählt das alte Volkslied über Tam Lin? Hier ist unsere persönliche, freie Nacherzählung des englischen Originaltexts: Gleich am Anfang des Lieds wird gewarnt dass es Jungfrauen verboten ist, zu dem schottischen Ort Carterhaugh zu reisen. Denn dort ist Tam Lin, dem man als Tribut entweder sein grünes Kleid oder seine Jungfräulichkeit überlassen muss. Eine junge Frau namens Janet geht trotzdem hin und wird dann beim Rosenpflücken von Tam Lin überrascht. Er fragt, warum sie ohne Erlaubnis zu ihm kommt? Janet sagt ihm, sie kommt und geht wie sie will. Ihr Vater ist bestürzt als Janet später schwanger nach Hause kommt. Aber Janets Liebe zu Tam Lin ist ihr mehr wert als, wie vom Vater erwünscht, die Frau eines Ritters zu werden. Tam Lin erklärt ihr dass die Königin der Elfen ihn in ihr Reich entführte als er einmal von seinem Pferd fiel. Alle sieben Jahren muss die Elfenkönigin einen Tribut an die Hölle zahlen und Tam Lin, als gut aussehender Bursche, fürchtet dass er selbst das Opfer sein wird. Aber heute, in dieser Nacht ist Halloween, die Elfen reiten aus und die Menschen haben eine Chance, die Person die sie lieben von den Elfen zu befreien. Janet soll deshalb erst die schwarzen dann die braunen Pferde vorbei reiten lassen und dann den Mann der auf einem weißen Pferd reitet, herunter reißen. Dies ist nämlich Tam Lin, der früher ein Ritter war. Er warnt Janet dass die Elfen versuchen werden ihn, Tam Lin, in ihren Armen in einen Frosch oder eine Schlange zu verwandeln, aber dass sie ihn trotzdem festhalten soll, denn er ist der Vater ihres Kindes, selbst wenn er in Janets Armen in einen Löwen verwandelt werden sollte. Wenn die Elfen ihn dann in einen nackten Mann verwandeln, soll Janet ihn in ihren Mantel hüllen und verstecken. Janet tut was Tam Lin gesagt hat und befreit ihn auf diese Art. Die Elfenkönigin ist erbost, verflucht Janet und sagt, wenn sie gewusst hätte was diese Nacht passieren würde, hätte sie Tam Lin mit ihrem Blick in einen Baum verwandelt

Das Besondere an Fairports musikalischer Interpretation von Tam Lin? Fairport Conventions Version (Clip bei YouTube) ist aufgrund des komplexen Textes, sowie Geigen- und Gitarrensolos mehr als sieben Minuten lang, also länger als ‘Bohemian Rhapsody‘ und fast so lang wie ‘Stairway to Heaven‘. Es ist eine Kunst, moderne Hörer mit so langen und uralten Liedern bei der Stange zu halten. Zumal die 21 Strophen, wie es bei vielen alten Volksliedern der Fall ist, nicht durch einen Refrain aufgelockert sind und die Akkordfolge durchgehend wiederholt wird. Aber Fairport schafft es, u. a. mit einem melodischen Gitarren-Riff das etwas an Wishbone Ash erinnert, eine faszinierende, hypnotische Folkrockhymne aus Tam Lin zu machen. Die sparsam eingesetzte, aber interessant akzentuierte Rhythmusgitarre und der ungewöhnliche Schlagzeug-Rhythmus geben dem Lied, ähnlich wie bei manchen Stücken von The Police, ein spannendes, stakkatohaftes Gefühl. Zusammen mit dem geschäftigen aber sanft gespielten Bass und einer akustischen Gitarre im Hintergrund, enthüllt Tam Lin auch bei wiederholtem Anhören neue Details. Wie die Harmonien die Dave Swarbrick auf der Geige zu Sandys Stimme spielt, wobei er, im Kontrast zu Sandys warmer, runder Stimme, die Geige zwischen den Strophen wie ein eindringlich zirpendes Gitarrensolo á la Jefferson Airplane klingen lässt. Auch Gitarrist Richard Thompson zaubert zwischen Sandys Zeilen auf seiner Gibson Les Paul Gold Top viele kleine Riffs und Solos. Aber die Fähigkeit der Musiker, Freiräume zu lassen, erlaubt der Gesangsstimme im Vordergrund zu stehen und man bekommt das Gefühl dass Sandy dem Hörer ein Märchen vorstellt in dem sie selber eine Rolle spielt

The Making of Fairport Conventions ‘Lief & Liege’ (1969)? Obwohl wir auch dieVinyl-LP besitzen, war die Neuausgabe der CD für uns eine Bereicherung: Mit über einem Dutzend schöner alter Fotos von der Band in dem Landhaus wo sie im Sommer 1969 zusammen lebten, kochten und Musik machten und die Lieder für ‘Lief & Liege‘ eingeübten. Man sieht die Band in einem gemütlichen Wohnzimmer mit Holzboden im Kreis sitzen, hinter ihnen ein Fender-Verstärker und in der Ecke, ein altes Piano. Simon Nicol sitzt mit einer Semi-Akustikgitarre gegenüber von Richard Thompson und seiner Les Paul, anscheinend permanent auf ‘Rhythm’-Tonabnehmer geschaltet. Links von ihm ist Hutchings auf dem Sofa mit seinem Rickenbacker Bass. Schlagzeuger Dave Mattacks sitzt, kaum mehr als einen Meter von den anderen entfernt, ebenfalls in der Runde. Sandy Denny ist ein Stückchen hinter Swarbrick und seiner verkabelten Geige nahe der Wand und schaut, Zigarette in Hand, etwas verträumt durchs Fenster hinaus. Auf anderen Fotos sieht man Hutchings draußen mit Dave Swarbricks Collie. Richard Thompson mit Teetasse auf einer Schaukel am Baum und Simon Nicol spielt Fussball. Dann sieht man die ganze Band auf dem Rasen um eine metallene Tabakdose und ein Buch das selbst wir nicht genau entziffern können. Obwohl die Tombandaufnahmen später, Oktober ‘69 an 4 Tagen im Londoner Sound Techniques Studio von Produzent Joe Boyd stattfanden, schätzen wir dass die Sommertage im ländlichen Hampshire auf den Liedern von ‘Lief & Liege‘ mitklingen

Tam Lin als Kino-Thriller? Die Legende wurde als psychedelisch angehauchter Horrorfilm ‘Tam-Lin‘ (1970) verfilmt, mit unter als ‘The Devil’s Widow‘ (Kinoposter) veröffentlicht, war aber kommerziell unerfolgreich. Ava Gardner spielt die wiederauferstandene Elfenkönigin, diesmal im England der flippigen 60er Jahre. Der junge Mann der im Bann ihrer Halbwelt gefangen ist, heißt ganz modern Tom Lynn (Ian McShane) und wird durch die Liebe der jungfräulichen Pfarrerstochter Janet (Stephanie Becham) gerettet. Voilà! Der Soundtrack des Films enthält interessanterweise eine Tam Lin Version der britischen Folkrock-Band Pentangle. Auf Anhieb klingt Pentangle’s Tam Lin (Clip mit Musik & Filmszenen) viel folkiger und traditioneller. Aber bald setzten Sitar, Flöte und verhallte Hintergrundstimmen ein. Dann ein Acapello-Interlude mit Klangeffekten aus dem Film, Dann Fetzen von Orchesterklängen und gegen Ende des 7:27 Min. langen Lieds machen die bedrohlich klingende Paukenschläge das Lied insgesamt zu einer faszinierenden Musikcollage. Wir haben dieses jahrelang unveröffentlichte Lied mit dem exzellenten Pentangle-Box-Set ‘The Time Has Come 1967-1973‘ (2007) erstanden und dies scheint die einzige Veröffentlichung von Pentangles Tam Lin zu sein. (Amazon-Link am Ende des Artikel). Der Film ‘The Devil’s Widow‘ bzw. Tam-Lin (1970) ist nicht als DVD erhältlich (mit etwas Mühe jedoch als Vhs zu kriegen), was schade ist, denn wir finden ihn, so als Kultfilm, ziemlich gut. Zumal fasziniernde Drehorte wie das 1000 Jahre alte Taquair House ideal für schottische Legenden sind. Wir warten auf eine Neuveröffentlichung und halten Sie auf dem Laufenden

Parallelen von Tam Lin zu anderen Sagen und Mythen? Viele Volkslieder beziehen sich auf spezifische historische Ereignisse wie z. B. die napoleonischen Kriege, aber bei Tam Lin sind mythologische Verbindungen unübersehbar: Halloween, das im Lied erwähnt wird, ist das alte keltische Neujahrsfest Samhain, bei dem sich die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits öffnet und die Geister der Verstorbenen besänftigt werden müssen. Halloween findet am 29. Oktober statt, also am Vorabend zum 1. November der später von der Kirche zu Allerheiligen christianisiert wurde. Möglich sogar dass Tam Lin über den keltischen bzw. angelsächsischen oder skandinavischen Kontext vieler Volkslieder hinausreicht: Die Grundmotive des Lieds, also Verzauberung, Verwandlung und der letztendliche Sieg über den Zauber durch eine furchtlose Zähmung, sind auch eine Thematik in griechischen Mythen. Man denke z. B. an die Seenymphe Thetis die ihre Erscheinung verändern kann (u.a. in eine Schlange, die auch im Lied Tam Lin erwähnt wird) und die den Menschensohn Peleus erst heiratet als dieser sie, all ihren Verwandlungen zum Trotz, festhält und so ihre Flucht vereitelt. Auch Echos von alten Ernte- und Fruchtbarkeits-Riten könnten in Tam Lins Rettung durch die junge Janet erhalten sein: Wenn man die Elfenkönigin als den Tod bringenden Winter nach der herbstlichen Ernte interpretiert, könnte die junge Janet vielleicht ein Sinnbild für den kommenden, Leben spendenden Frühling sein. Interessant, dass im Lied Tam Lin als schicksalshafter Treffpunkt spezifisch der Ort Carterhaugh angegeben wird, denn hier gibt es nichts, außer dass an diesem Punkt zwei Flüsse ineinander fließen und so eine dreieckige Landzunge bilden. An diesen Orten wähnte man in vorchristlichen Zeiten Geister und Götter. Wie die keltische Göttin Danu, deren Name fließendes Wasser bedeutet. Möglicherweise ist in Janet, Tam Lins Retterin, etwas von dieser Figur enthalten

Wollen Sie Tam Lin selber mal probieren? Nein, nicht den jungen Mann, das Lied meinen wir natürlich. Wenn man Fairport Conventions Version  nachspielen will, erscheinen Rhythmus und Betonungen des Gesangs auf Anhieb ungewöhnlich. Die erste Strophe: ‘I forbid you maidens all that wear gold in you hair, to travel to Carter Hall, for young Tam Lin is there’ – funktioniert nur richtig wenn man die Worte betont die wir kursiv gekennzeichnet haben. Falls Sie eine Gitarre zur Hand haben: E-moll, D-dur, G-dur ist die Akkordfolge für die erste Zeile (bis all), gefolgt von E-moll, D-dur, E-moll für die zweite Zeile (bis hall) jeder Strophe. Fairports Interpretation hat das Lied musikalisch völlig umgekrempelt, aber das lenkte unsere Aufmerksamkeit auf ein ausgefeiltes Reimschema das uns bei anderen, traditionelleren Interpretationen von Tam Lin nicht so aufgefallen war: Speziell die Reime in (your hair) und Tam Lin (is there), die über die offensichtlichen Reime am Ende der Zeilen (all und hall – hair und there) hinausgehen. Dieser Extra-Reim wird nicht in jeder Strophe ausgeführt aber da sich zumindest die Betonungen dieser Stelle in jeder Strophe wiederholen, ist es ein Schlüssel um das Lied spielen zu lernen. Vielleicht auch Schlüssel zu anderen Geheimnissen um Tam Lin? Lesen Sie weiter

Geheimakte Theodor Fontane: War Tam Lin der schottische Mystiker Thomas der Reimer? Im Zusammenhang mit dem oben erwähnten ungewöhnlichen Reimschema von Tam Lin, ist interessant dass ein gewisser Thomas the Rymer, ein mittelalterlicher schottischer Mystiker, als möglicher Komponist oder zumindest als Verbreiter des Lieds gilt – und sogar als Kandidat für die Figur Tam Lin selber. (Der Name Tom wird im schottischen Akzent übrigens wie Tam ausgesprochen). Dass sich um diesen schottischen True Thomas, wie man ihn auch nennt, so viele Legenden ranken, deutet darauf hin dass es sich um jemanden handelt bei dem, ähnlich wie bei König Artus oder Robin Hood, historische und mythologische Figuren miteinander verschmolzen sind. Durch Thomas the Rhymer haben wir auch eine deutsche literarische Verbindung, denn Theodor Fontane (1810-1898) schrieb zu dieser Legende das Gedicht Tom der Reimer (Clip mit schöner Musik von Carl Loewe), in dem es u. a. lautet: ‘Die blonde Frau hält an ihr Roß: ich will dir sagen wer ich bin, ich bin die Himmelsjungfrau nicht, ich bin die Elfenkönigin! Nimm deine Harf und spiel und sing, und laß dein bestes Lied erschalln, doch wenn du meine Lippe küßt, bist du mir sieben Jahr verfalln!’. Verbindungen zu Tam Lin und der Elfenkönigin spiegeln sich auch in der keltischen Legende vom Ritter und der La Belle Dame sans Merci (‘Die schöne Dame ohne Gnade’), die als Gemälde von  J. W. Waterhouse und als Gedicht von John Keats verewigt wurde.

Warum brach Fairport Convention auf ihrem Zenith auseinander? Wenn man bedenkt dass Bands heute zwei, drei oder Gott weiß wie viele Jahre brauchen um ein einziges neues Album zu produzieren, ist es fast unglaublich dass Fairport Convention die drei Alben mit Sandy Denny, die wir als Klassiker betrachten, alle im Jahr 1969 herausbrachten: ‘What we did on our Holidays‘ (1969), ‘Unhalfbricking‘ (1969) und ‘Liege & Lief‘ (1969). Wer sagt, Hippies hätten keine Arbeitsmoral gehabt? Leider verließ Sandy Denny die Band noch bevor ‘Liege & Lief‘ veröffentlicht wurde. Gründe dafür waren anscheinend verschiedene Vorstellungen der Mitglieder über die Musikrichtung der Band, die berüchtigten musical differences. Nach Liege & Liefs Volkslied-Bonanza, wollte Sandy wieder mehr von ihren eigenen Kompositionen aufnehmen und auch das Klavier das sie neben der Gitarre gelernt hatte, in ihre Musik einbeziehen. Ashley Hutchings der Volksmusikliebhaber, hingegen wollte nach dem Folkrock von Liege & Lief wieder verstärkt in eine traditionelle Musikrichtung gehen. Er verließ die Band ebenfalls und gründete Steeleye Span und die Albion Band. Nach Lief & Liege hätte Fairport eine der größten Bands der 70er Jahre werden können, vielleicht mit einem kommerziellen Status von Bands wie Jethro Tull oder Crosby, Stills, Nash & Young. Gemeinsam hätten sie, mit Hutchings und Sandy, die Lieder, die Stimme und das musikalische Können dazu gehabt. Getrennter Wege ließ der große Erfolg etwas auf sich warten

Fairport Survival: Cropredy, das beste Folkfestival der Welt? Wahrscheinlich. Aber es passierte nicht über Nacht. Nachdem Sandy die Band verließ, folgte ein chaotisches Jahrzehnt, mit ständigem Kommen und Gehen von alten und neuen Mitgliedern. Aber Fairport überlebte. Die Band machte ohne Sandy, und dann auch ohne Gitarrist und Liederschreiber Richard Thompson, mehrere gute Alben und spielt bis zum heutigen Tag. Besonders auf ihrem alljährlichen, im Laufe der Zeit höchst erfolgreich gewordenen Folkfestival Cropredy Fair, mit Freunden und Gastmusikern wie Jethro Tull, Wishbone Ash, Incredible String Band, Lindisfarne und Dutzenden von anderen, auch neuen Bands. Auf Cropredy 2010 spielte sogar Rick Wakeman. Gut so, denn Progrock ist definitiv von Folk und Folkrock beeinflusst, über mythologische Themen und oft auch musikalische Elemente. Das dreitägige Cropredy Wochenende im August ist so ziemlich das beste Folkfestival das man besuchen kann. Es herrscht, trotz der Zahl von mittlerweile ca. 20.000 Besuchern und dem unzuverlässigen englischen Wetter eine gemütliche Art von Familiengefühl. Es gibt viel Platz zum Zelten und langjährige Fairport-Fans bringen mittlerweile ihren Teenager mit, vermutlich demnächst ihre Enkel. Es werden auch Lieder von Sandy Denny gesungen, u. a. mit Gastsängerinnen wie Chris While oder Julianne Regan von All About Eve. Bei Cropredy 2008 sang Robert Plant zusammen mit Gast- und Fairport-Musikern das Lied ‘The Battle of Evermore’ als Hommage an Sandy Denny (wir listen Clip der Original Zeppelin-Version auf der Sandy zu hören ist. Wer etwas vom Cropredy Festival auf DVD sehen will, hat einiges an Auswahl: Unser Tipp ist ‘Fairport Convention – Cropredy Festival 2001 mit vielen Fairport-Klassikern und, als Gastmusiker, Folk-Progrocker Ian Anderson von Jethro Tull

Was ging schief für Sandy Denny? Sandy hatte offenbar größere persönliche Probleme als der Rest der Band. Musikalisch ist auf ihren Soloalben nach Fairport hier und da eine gewisse Richtungslosigkeit zu spüren: Mal etwas Folk, mal etwas Country, mal etwas Pop, aber das wäre auf Dauer kein Problem gewesen, denn auf allen von Sandys Alben sind schöne Kompositionen zu finden, und früher oder später hätte sie sicher die passenden musikalischen Partner gefunden. In der Tat, mit der Band und dem gleichnamigen Album ‘Fotheringay‘ (1970) spielte Sandy Lieder ein die ihrem Fairport-Material ebenbürtig sind: ‘Winter Winds‘, ‘The Sea‘, ‘The Pond and the Stream‘ und ‘Banks of the Nile‘ sind von einer wundervollen, melancholisch-angehauchten Schönheit. Sandys wirkliche Probleme scheinen eher privater Natur gewesen zu sein. Sie stammte aus einem konservativen Elternhaus der Mittelschicht und das Musikgeschäft scheint für Sandy ein Lebensmodel voller Fallstricke gewesen zu sein. Sandys Verehrung in Musikerkreisen führte sie in den 70er Jahren in die Nähe eines Rockstar-Lebenstils, dem sie offensichtlich nicht gewachsen war. Alkohol scheint das Hauptproblem gewesen zu sein. Ihre nach außen selbstbewusste, kumpelhafte Art wirkt im Rückblick wie ein Schutzwall hinter dem sich eine sensible, ziemlich unsichere Person verbarg. Sandy hatte angeblich oft das Gefühl, nicht hübsch genug zu sein, Angst, nicht geliebt zu sein, von Männern verlassen zu werden, zu dick zu sein etc. Probleme die fast jeder kennt. Aber der Lebenstil von Musikern, mit hektischen Tourneen, Geldproblemen und Erfolgsdruck, wirkte vermutlich wie ein Multiplikator sämtlicher Sorgen. In seinem exzellenten Buch ‘White Bicycles: Making Music in the 1960s‘ (2006) sagte Joe Boyd, Fairports damaliger Manager und Produzent, dass ihn die von Renée Zellweger dargestellte Figur Bridget Jones auf tragische Weise an Sandy erinnerte. Ein Vergleich der uns erst etwas ärgerte, weil der Film unserer Meinung nach, unter dem Deckmantel von Humor ein degradierendes Frauenbild zeichnet. Aber vielleicht ist es einfach Tatsache dass viele Menschen, inklusive Sandy, es schwer haben, ihren ‘Darcy’ zu finden. Schöne Fotos & Solomusik von Sandy bei YouTube

Wie starb Sandy Denny mit nur 31 Jahren? Sandy heiratete 1973 den australischen Musiker und Mitgründer von Fotheringay, Trevor Lucas. Sie zogen sich 1974, nach einer unprofitablen Auslands-Tournee und Problemen mit ihrer Plattenfirma zurück aufs Land, in die Nähe des Dorfs Cropredy. Dies schien wie der Beginn einer stabilen Beziehung und eines häuslichen Lebenstils. Aber das Glück trügte: Das ländliche Umfeld voller gemütlicher Pubs und befreundeten Musikern die nah im Umkreis von Cropredy lebten, hatte offenbar verstärkten Alkoholkonsum zur Folge. Sandy und Trevors Ehe scheint damals zudem zu einer Art offenen Beziehung geworden zu sein. Ihr Mann hatte den Ruf, viel fremdzugehen. Nachdem Sandy im März 1978 mit Baby Georgia Rose im Arm eine Treppe hinunter gefallen war, nahm Trevor die Tochter, auf Nimmerwiedersehen, mit zu seinen Eltern nach Australien. In folgenden Tagen machten sich bei Sandy große Kopfschmerzen bemerkbar. Der Vorfall mit dem Sturz war im Haus von Sandys Eltern (die übrigens hier auf einem Fairport-LP-Cover zu sehen sind), in Anwesenheit ihrer Mutter. Tragischerweise deutet einiges daraufhin dass Sandy sich aufgrund einer schon länger zwischen den beiden existierenden Streitsituation betrunken hatte. Sandys Mutter war vom Lebensstil ihrer Tochter anscheinend alles andere als begeistert. Einige Wochen nach dem Sturz wurde Sandy bewusstlos im Koma gefunden. Sie starb drei Tage später, am 21. April 1978 im Krankenhaus. Als Todesursache wurde Schädel-Hirn-Trauma angegeben. Jahrzehnte später bleibt zu erwähnen dass es Sandys Tochter Georgia Rose heute, so weit uns bekannt ist, gut geht. Obwohl auch ihr Vater Trevor 1989, im Alter von 48 Jahren verstarb, ist Georgia Rose über die Jahre mit der Fairport-Band offenbar in Kontakt geblieben. Und mit ihren zwei Kindern hat sie Sandy nachträglich zur Großmutter gemacht. Von Sandy Denny, Fotheringay und Fairport bleiben uns viele bemerkenswerte Lieder erhalten von denen wir in dieser Serie noch neun weitere besprechen werden

Mitgestaltungsmöglichkeiten für Leser in dieser Serie? Leser können uns gerne ihre Fotoberichte von alten und neuen Konzerten von Fairport, Cropredy, Richard Thompson und Soloauftritten anderer Fairport-Musikern und Familienmitgliedern schicken. Natürlich auch von Sandy Denny.

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Avenita Kulturmagazin