Tipps für Bücher die nicht auf Deutsch erhältlich sind

Erstaunlich viele englischsprachige Bücher die wir mögen, sind schlichtweg nicht in deutscher Übersetzung erhältlich. Dies ist eine kleine journalistische Nische die wir in dieser Serie erkunden werden. Die englischen Bücher die hier rezensiert werden, müssen nicht unbedingt monumentale Weltklassiker in der Art von Orwells 1984, oder Tolkiens HDR sein. Zum einem gibt es die ganz großen Bestseller ohnehin auf Deutsch. Zum anderen sind es für uns oftmals gerade jene Bücher die auf einer kleineren, persönlicheren, Leinwand malen, die wir interessant finden.Viele der ‘Grossen Themen’ sind mittlerweile überstrapaziert sind und verleiten dazu, das sog. Selbe in Grün zu schreiben oder, schlimmer noch, Leser mit dem leidigen erhobenen Zeigefinger zu warnen und zu belehren. Wir persönlich mögen es, wenn Geschichten erzählt werden, speziell Geschichten die es Lesern gönnen, sich weitgehend selber einen Reim auf das Erzählte zu machen. Wir sagen nicht dass dies bei deutscher Literatur zur Zeit weniger der Fall ist, aber wir müssen gestehen dass wir weit mehr Bücher aus dem englischsprachigen Sprachraum lesen und dann auch vorzugsweise in englischer Originalfassung denn, selbst wenn Übersetzungen existieren, sind es nur mehr oder weniger gute Interpretationen eines Buchs und nicht das Buch selber. Zum Start der Serie gibt es, anstatt der Besprechung eines einzelnen Buches, heute, quasi zum Reinschnuppern, Kurzvorstellungen von sechs Büchern die es nur auf Englisch gibt. Einige dieser und anderer Bücher in unserer Serie werden zukünftig Thema von umfassenderen Besprechungen sein. Aber weil wir uns mit Feature-Artikeln in der Regel Zeit lassen und Bücher meist innerhalb eines bestimmten Rahmenthemas besprechen, listen wir hier schon mal einige Kurztipps. Vielleicht hört sich das eine oder andere für Sie so interessant an, dass Sie Lust haben es selber auszuchecken. Leser mit recht guten, nicht zwingenderweise perfektem Englisch, werden damit zurechtkommen. Bücher mit Thema die einen interessieren, sind zudem eine gute Art sein Englisch aufzubessern.Und Internet-Seiten wie ‘Leo Deutsch-Englisches Wörterbuch‘ geben blitzschnell Hilfe . Hier sind unsere heutigen englischen Buchtipps

‘Running for the Hills’ (2006) Horatio Clare, 288 Seiten
Unser Kommentar: Horatio Clare (Jahrgang 1973) wuchs der in den 70er Jahren auf dem Land in Wales auf. Seine Eltern wollten das Londoner Stadtleben aufgegeben und kauften damals eine windschiefe walisische Schafsfarm. Trotz vieler Probleme die die Familie durchmachte – der Ehemann verliess sie – schafften Mutter und Kinder es, ein abenteuerliches, wenn auch entbehrungsreiches Leben zu führen. Und Horatio Clare hat ein wundervolles Buch darüber geschrieben. Der Autor schafft es, neben vielen Details über Landleben auch unterhaltsam und  gefühlvoll zu schreiben. Wenn der Autor versucht, das Leben seiner Eltern vor seiner Geburt zu rekonstruieren, schimmert dabei eine tiefe Verbundenheit seiner Mutter und seinem Vater gegenüber durch, die wir oftmals bewegend fanden. Wir schätzen zudem dass man aus dem Buch einen guten Film machen könnte und empfehlen, die Rechte zu sichern

‘Duende: A Journey in Search of Flamenco’ (2003) Jason Webster 352 S.
Unser Kommentar: In 12 Sprachen übersetzt aber – typischerweise, möchte man fast sagen – nicht auf Deutsch erhältlich. Von unseren 5 Tipps ist dies das Buch bei dem wir am wenigsten nachvollziehen können dass deutsche Verlage hier nicht am Ball sind. Jason Webster hat mit Duende (sprich etwa dwende oder du-ende ) einen abenteuerlichen, informativen, quasi-autobiografischen Roman geschrieben den wir wir für sehr gut halten – und nicht nur weil wir selber in Andalusien leben. Will uns jemand vormachen dass es in Deutschland kein Interesse an Flamenco gibt? Ein Blick auf deutschsprachige Interneteinträge deutet eher auf das Gegenteil. Dies ist ein Buch von einem jungen Mann der nach Spanien auszog um die Flamenco-Kultur kennenzulernen. Selbst wenn hier und da etwas dramaturgische, dichterische Lizenz im Spiel sein sollte, klingt das was Webster an Eindrücken und Nachforschungen zum Thema Flamenco übermittelt, für uns ziemlich kompetent. Wobei die Flamenco-Kultur mitunter geheimnisumwobene, fast schamanistische Aspekte hat, die es schwierig machen, das letzte Wort bei dem Thema zu haben. Das fängt schon bei dem Buchtitel und Begriff duende an, der im Wörterbuch als Kobold übersetzt wird, aber in der Flamenco-Kultur – wir improvisieren jetzt mal aus dem Stehgreif mit unseren eigenen Worten – eher ein quasi-religiöses Gefühl beschreibt das durch trance-hafte Musik und Tanz entsteht. Vielleicht das Gefühl dass dabei eine Art Erdgeist heraufbeschworen wird? Jason Webster (geb. 1970) hat das Thema zu einer spannenden Geschichte verpackt. Das Buch beginnt zum Beispiel mit einem angeblichen Goethe Zitat über duende – bei dem wir übrigens lange suchen mussten um die deutsche Vorlage zu finden! Mehr darüber in unserem zukünftigen Feature-Artikel zum Thema Flamenco & Andalusien. Das Buch von Jason Webster, den wir übrigens nicht persönlich kennen, wird Lesern mit Interesse an Flamenco gut gefallen. Und wer noch nichts von Flamenco weiss, wird wird wahrscheinlich neugierig drauf werden

‘Enid Blyton. The Biography’ Barbara Stoney (Revised 2006) Taschenbuch / oder BBC-Blyton-Film DVD
Unser Kommentar: Die 2006 überarbeitete Neuausgabe dieses Buches aus dem Jahr 1974 gefiel uns gut und wir schätzen, jeder Blyton-Fan mit Englischkenntnissen wird das Buch verschlingen. Übrigens ist auch ein schönes Foto von einer jungen Enid auf dem Cover. Es wundert uns dass es von einer Autorin die in Deutschland Millionen Bücher verkauft hat und die heute noch fast jedem Erwachsenen ein Begriff ist, keine umfassende deutschsprachige Biografie existiert. Es gibt zwar die alte Autobiografie ‘Die Geschichte meines Lebens’ (1952) als Übersetzung aber, wie so oft, sind Recherche und Perspektive einer unabhängigen, gut bewanderten Biografin aufschlussreicher als eine Selbstdarstellung, besonders bei jemandem wie Enid Blyton, bei der die Konstruktion einer idealen Welt quasi Programm war. Neben Stoneys Biografie – die der Autorin Blyton wohlwollend aber nicht unkritisch gegenübersteht – erlauben wir uns, auch die exzellente BBC-Spielfilm-Biografie ‘Enid‘ (2009) zu listen und zu empfehlen, zumal der Film eine Widmung an die Biografin Barbara Stoney enthält und, schätzungsweise, zu einem beträchtlichen Teil auf obengenannter Blyton-Biografie beruht. Schauspielerin Helena Bonham Carter ist umwerfend gut als Enid Blyton und die BBC-Produktion schafft es, mit aufwendigen Dekor Blytons Zeiten aufleben zu lassen. Zudem scheint der Beeb, der in den 50er Jahren eher zur mannigfaltigen Anti-Blyton-Brigade gehörte, seinen Frieden mit der Autorin geschlossen zu haben. Obwohl es sinnlos wäre zu versuchen, die Privatperson Enid Blyton als rundum und immerdar nett, lieb und freundlich darzustellen, enthält dieser bemerkenswerte Spielfilm, hier und da, dennoch Züge einer kleinen Hommage. And about time! Die DVD gibt es, wie das Buch, nur auf Englisch aber wir empfehlen Blyton-Fans – und auch Blyton-Kritikern – sich Film und Buch auf keinen Fall entgehen zu lassen. Hier ein weiterer Blog-Eintrag von uns über den Film.

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The Great Irish Famine (1995) Cathal Poirteir 283 Seiten
Unser Kommentar: Sachbuch über ein Thema das, ausserhalb von Irland, viel zu wenig Beachtung bekommen hat. Die Grosse Irische Hungersnot ist die erschütterndste Begebenheit der europäischen Landwirtschaft in modernen Zeiten. Und es würde uns nicht wundern wenn Leser davon bis jetzt kaum etwas gehört hätten. Auf dem Titelbild dieses bemerkenswerten Buchs ist das Gemälde ‘The Discovery of the Potato Blight in Ireland‘ von Daniel McDonald. Und schon der erste Satz fasst es kurz und trocken zusammen (wir übersetzen): Im späten Sommer des Jahres 1845 schlug der Pilz phytopthora infestan in Irland zum ersten Mal ein und löste Kartoffelfäule aus. Wiederholte Ernteausfälle führten zum Tod von 1 Million Menschen in den nächsten fünf Jahren und 2 Millionen weitere Einwohner flohen Irland in den 10 Jahren nach dem Beginn der Grossen Hungersnot. Hinter solchen Zahlen stecken viele Geschichten und dieses Buch, mit Essays von 16 renommierten Fachleuten enthält viele Details über die Hungersnot und ihre Verbindungen mit Folklore, Literatur, Medizin, Politik – und natürlich mit der Landwirtschaft. Ein Grund warum Irland so abhängig von der Kartoffel geworden war, lag darin dass sie so gut zu den irischen Verhältnissen passte: Säurehaltige Böden, ein feuchtes, sonnenarmes Klima dessen relative Milde gut gegen den bis dahin grössten Feind der Kartoffel war: Den Frost. Die Kartoffel eröffnete armen Leuten neue Möglichkeiten denn diese Pflanze benötigte keine Maschinerie zur Weiterverarbeitung (wie Korn z. B. Mühlen benötigt) und konnte zudem, mit viel Handarbeit, an vorher unbebaubaren Orten wie Abhängen und felsigen Böden gepflanzt werden. Weil Gelände dieser Art meist unmöglich für den Pflug war, gibt es – und solche Details finden wir faszinierend – noch heute in Irland eine so grosse Vielfalt von Spatentypen. Auf dieses Buch und die Begebenheiten der Irischen Hungersnot werden wir noch oft zurückkommen

‘The Farm: The Story of One Family and the English Countryside’ (2005) Richard Benson
Unser Kommentar: Gutes autobiografisches Buch darüber wie für Kleinbauern das Überleben praktisch unmöglich geworden ist. Der Städter Richard Benson besucht seine Eltern und seinen Bruder auf dem Hof in Yorkshire auf dem er selber aufwuchs. Nach 200 jähriger landwirtschaftlicher Familiengeschichte ist der Hof am Ende und muss verkauft werden. Das Buch zeigt aber nicht nur den Finger auf ‘Die Bösen Anderen’ sondern erwähnt auch den komplexen Kreislauf der entsteht wenn Bauern neue Technologien benutzen (die Redaktion gibt hier mal das Beispiel Chemie-Dünger) durch die höhere Erträge erzeugt werden, die wiederum die Preise purzeln lassen, wodurch wiederum Bauern weniger verdienen etc, etc. Unser Eindruck ist dass es heute im englischen Sprachraum viel mehr Bücher (und übrigens kommerziell sehr erfolgreiche Bücher) über Landleben gibt als in Deutschland. Was vermutlich weniger mit Mangel an Leserinteresse zu tun hat als damit dass deutsche Verlage vielleicht zu betont versuchen sich und ihr Sortiment als ultra-modern zu präsentieren. Wenn dann, eher selten, mal ein deutschsprachiges ländliches Buch wie z. B. ‘Herbstmilch’ (1985) durchs Netz schlüpft, wird es prompt ein Mega-Erfolg. Das Buch ‘The Farm: The Story of One Family….’ (2005) könnte Verlage, aber auch Leute aus der Landwirtschaft inspirieren, zu überlegen ob es nicht auch von heutigen deutschen Bauernhöfen interessante Geschichten zu erzählen gibt?

‘Close to the Edge: The Story of Yes’ (2008) Chris Welch. 352 Seiten
Unser Kommentar: Alte Progrock-Fans sind in der Regel treu wie deutsche Schäferhunde, deshalb sind wir auch hier etwas überrascht dass es keine deutsche Fassung gibt. Der Autor hat den Vorteil die Progrock-Band Yes seit ihren Anfangsjahren persönlich zu kennen und beeindruckt mit einer Fülle an Anekdoten und Insider-Infos. Was die Geschichte von Yes auch über ihre äusserst originelle Musik hinaus interessant macht, sind mitunter die vielen Probleme mit denen diese Band, die nicht so ganz den ununterbrochenen Erfolgsstatus á la Pink Floyd erreichte, über die Jahrzehnte zu kämpfen hatte. Fallstricke im Musikgeschäft sind mannigfaltig, z. B. Luxus liebende Ehefrauen die Schwierigkeiten haben Bandeigentum und Privateigentum auseinander zu halten – können Sie sich so etwas vorstellen? Sie alter Zyniker. Oder Bands die so lange und so oft neue Mitglieder aufnehmen bis es irgendwann zwei Bands gibt von denen jede darauf besteht, die echte Band zu sein. Oder das Heranwachsen eines Kostenapparates der bewirkt dass Alben und Touren zunehmend aus Gelddruck begonnen werden und irgendwann kaum noch eine einzige Piano-, Bass- oder Gitarrensaite gezupft werden kann ohne dass vorher eine Armee von Anwälten und Managern darüber streitet. Oder dass Bands langjährig ausstehende Tantiemen manchmal erst bekommen wenn sie einen Hit haben, weil Musikfirmen dann befürchten müssen dass die Musiker dann genug Geld haben um vor Gericht zu ziehen. Manche Rock-Biografien sollten Pflichtlektüre für junge Bands sein. Hier ist noch ein ganz praktischer Rat aus dem Buch: Gartenwerkzeuge sollten von der Bühne ferngehalten werden. Yes-Bassist Chris Squire hat es tatsächlich mal geschafft, bei einem Konzert auf eine Harke zu treten deren Stiel ihm, physikalischen Gesetzen folgend, ins Gesicht schlug. Was machte die Harke auf der Bühne? Lesen Sie ‘The Story of Yes’ (2007). Das Buch wurde zuerst 1999 veröffentlicht aber diese Neusgabe ist erheblich erweitert und aktualisiert worden.

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