Sci-Fi, Horror und Verschwörungsfilme: Die Neuen Religionen?

Die Überschrift ist etwas provokativ formuliert, aber für uns hat die innere Thematik vieler Sci-Fi, Horror und Verschwörungsfilme kaum übersehbare mythologische und quasi-religiöse Züge. In einem SF-Klassiker wie ’2001: Odyssee im Weltraum’ (1968), sind religiöse Konnotationen (kurz gesagt: dass Außerirdische so etwas wie die Götter oder Lehrer der Menschheit waren und immer noch sind) besonders offensichtlich. Dass ’2001′ ein so gigantischer und bis heute einflußreicher Hit war, zeigt welch ein Markt für quasi-religiöse Themen in der Popkultur besteht. Eine religiöse oder mythologische Komponente war in der Kunst in sämtlichen Epochen, bis Ende des 19. Jahrhunderts stark vertreten. Diese Tendenz nahm, vielleicht teils als explizite Gegenbewegung und bewusste Abkehr von religiösen Themen, im Laufe des 20. Jahrhunderts ab. Heute ist Religion in der Modernen Kunst, zumindest in Feuilletons der Medien, als Thema kaum noch vorhanden. Aber eine Prämisse dieses Netzmagazins ist, dass die mythologischen, religiösen Elemente in Kunst & Kultur nicht einfach verschwanden sondern auf Wanderschaft gingen und zur Zeit ihr Zuhause anderswo gefunden haben. Wo? Im sonnigen Kalifornien, in Hollywood. Aber kann man das den alten Mythen, Göttern, Geistern und diversen Formen von Jenseitsglauben wirklich übel nehmen? Nach Jahrhunderten in Nebeln, Mooren, Dolmen, Klöstern und Wäldern, würden wir persönlich auch lieber am Swimmingpool Drehbücher diskutieren. Ultra-düstere Filme wie Ring (2002) sind ja im Kern die uralten Mutmaßungen darüber was passiert wenn Menschen sterben und welche Verbindung dieser Dinge zu unserem alltäglichen Leben haben. Es ist das alte Lied, same old fears. Wobei optimistische Filme wie 2001 vielleicht ‘same old dreams’ repräsentieren. Die Kirchen werden leerer, die Kinos voller, die HD-Bildschirme größer. Haben die Leute am Swimmingpool gewonnen? Die zunehmende, kommerziell erfolgreiche Verschmelzung von Sci-Fi, Fantasy und Horror zu quasi-religiösen Filmthemen, deutet auf einen großen öffentlichen Bedarf – und auf einen Mangel an anderweitiger Auseinandersetzung mit religiösen Themen. Traditionell waren die Kirchen für solche Dinge zuständig. Aber haben die Kirchen, teils mehr, teils weniger, durch ihr Ausweichen auf einen eher sozial-politischen Diskurs, die Verbindung zu Themen verloren, die viele Menschen bewegen? Falls an unserer Theorie etwas dran ist, wäre die bittere Ironie dieser Entwicklung folgendes: Die kaum zu verleugnende soziokulturelle Relevanz einiger moderner Filme enstand großteils durch das Bestreben, Geld zu verdienen. Somit hätten die unsentimentalen Kräfte des Marktes – sich selbst zum Trotz? – religiöse Themen zurück in den Mittelpunkt der Gesellschaft gebracht. Verfolgen wir die Spuren quasi-religiöser Themen im Kino genauer

Welche quasi-religiösen Themen greift das Kino auf? Es gibt unter Komödianten anscheinend die Faustregel dass es 7 Witze auf der Welt gibt, und dann unendlich viele Variationen davon. Klingt plausibel, denn auch in Sci-Fi, Horror & Verschwörungsfilmen tauchen bestimmte Themen immer wieder auf. Zum Beispiel die Frage ob Maschinen oder künstlich geschaffene Wesen ein Bewusstsein haben können? Aber dies ist tatsächlich eine interessanteste Frage denn: Wenn Maschinen, Computer, Roboter, Androiden etc. durch technischen Fortschritt irgendwann einen Bewusstseinszustand erreichen würden, der der menschlichen Perspektive des ICH oder des ICH BIN gleichkäme – was mit dem Sci-Fi-Buchtitel ‘I, Robot (1950) knapp und gut auf den Punkt gebracht ist – das wäre wirklich eine Sensation, denn das könnte ja bedeuten dass Menschen auch nur eine Art von hochentwickelten, organischen Maschinen sind, Hurra! Oder wäre das vielleicht doch nicht so toll? Kino und Popkultur deuten darauf hin dass Menschen unwohl bei diesem Gedanken ist. Bücher und Filme über eine Mechanisierung des Menschen oder eine Vermenschlichung von Maschinen sind nämlich am erfolgreichsten wenn sie düstere Visionen von dererlei Dingen heraufbeschwören. Interessanterweise scheint dieses Kulturelle Unbehagen im Laufe der Jahrzehnte nicht abzunehmen: Schon in ‘Metropolis‘ (1927) gab es eine manipulative Mensch-Maschine in Frauengestalt. In der Tat, schon vor fast zweihundert Jahren gab es mit Mary Shelleys Frankenstein (1816), den vielleicht ersten modernen Sci-Fi-Horror-Roman – und eine klassische Frankenstein-Verfilmung – mit recht düsteren Aussichten zum Thema Künstliches Leben. Stellen wir die nächste Frage

Was fasziniert uns an der Thematik Mensch und Maschine? In verschiedenen Variationen erscheint diese Thematik im Kino häufig: In 2001: Odyssee im Weltraum (1968) ist es die Maschine, der Bordcomputer HAL 9000 der, anscheinend durch Kontakt mit einer höheren, außerirdischen Intelligenz, ein eigenes Bewusstsein erhalten hat. Was sich allerdings zu Ungunsten der menschlichen Raumschiffbesatzung auswirkt. Der Film Blade Runner (1982), nach dem bemerkenswerten Sci-Fi-Autoren P. K. Dick, betrachtet die Thematik Mensch-Maschine gewissermaßen aus umgekehrter Perspektive: Ein Mensch beginnt während seiner Jagd auf ausser Kontrolle geratene Androiden zu befürchten dass er selber ein Android ist. Ist es Zufall dass 2001 und ‘Blade Runner‘ (Trailer 2007) zu den meist diskutierten Sci-Fi-Filmen der Welt gehören? Beide Filme haben etwas von einer Detektivgeschichte an sich. Aber wonach suchen die Detektive? Steht die Frage nach menschlichen und maschinellen Bewusstsein nicht auch stellvertretend für die uralte Frage nach der Seele des Menschen? Denn die Seele oder das Bewusstsein, also die Fähigkeit selbstständig zu denken, zu sprechen, zu handeln, zu entscheiden – dies sind Kernkonzepte religiöser Weltanschauungen. Schon seit dem Biss in den Apfel vom ‘Baum der Erkenntnis’ und anderen alten Mythen. Es scheint, um so mehr in moderen Medienlandschaften atheistische, materialistische Standpunkte dominieren, um so sturer marschieren die alten Mythen und ihre Kernkonzepte auf der Leinwand weiter. Statt der alten Götter kommen uns heute mystische Lichtgestalten wie Gandalf oder äquivalente, moderne Superhelden stellvertretend zur Hilfe. Aber auch die Inkarnationen der alten Bösen Geister sind als lauermde, seelenlose Todbringer immer noch gut im Geschäft: Der moderne Teufel ist gemäß dem Sci-Fi und Horror-Genre oft ein unangenehmes Amalgam aus Lebewesen und Maschine wie der Alien (1979) oder Terminator (1984). Die Tatsache dass, gemäss Kino-Gesetzbuch, Monster, Maschinen und seelenlose Wesen mit allen Mitteln getötet werden dürfen und in der Regel auch getötet werden, birgt eine weitere, sehr aktuelle religiöse Fragestellung: Führt die Negation der menschlichen Seele oder die wissenschaftliche ‘Vermechanisierung’ des menschlichen Bewusstseins zu dem impliziten Schluss dass Wesen denen ein menschliches Bewusstsein abgesprochen wird, getötet werden dürfen?

Dauerbrenner & Verkaufsschlager: Die grosse seelenlose Verschwörung gegen die Menschheit? Wir sprachen von Sci-Fi und Horror, aber alle guten Dinge sind drei und wir wollen sehen wie die Sci-Fi und Horror-Genres den Bogen zu Verschwörungstheorien schlagen. Mit den Versuchen eigenwilliger Maschinen, Androiden oder undurchschaubaren Lebensformen von anderen Planeten, den Menschen zu ersetzen oder auszulöschen fängt der ‘Spaß’ nämlich erst richtig an. Es beginnt immer mit kleinen Sachen, z.B. Sporen aus dem Weltall wie im Sci-Fi-Klassiker Die Körperfresser kommen (1978). Die Erstverfilmung Die Dämonischen (1956) ist ausgezeichnet, aber die spätere Version zeigt auf erschreckend bildliche Weise, die symbolische Dimension des Film-Subtexts Entmenschlichung & Identitätsverslust: Menschen werden hier – lachen Sie nicht, es könnte auch Ihnen passieren! – von seelenlosen Kürbissen die unterm Bett liegen, mit einem spinnennetzartigen Kokoon umhüllt und regelrecht ausgehöhlt, bis die menschliche Hülle leer und grotesk zusammensackt und aus den Kürbisresten ein forsch dreinblickendes Duplikat des Menschen schlüpft. Vielleicht sind ‘Die Körperfresser… (Trailer) die Mutter aller Verschwörungstheorien: Nachbarn, Polizisten, Freunde und zuletzt der eigene Ehepartner. Der totale Zusammenbruch, die Zerrüttung, Aushöhlung althergebrachter Gemeinschaften, Werte und Glaubensysteme. Dies sind quasi-religiöse Horrorvisionen. Kein Zufall dass die Originalversion der Geschichte aus der Zeit des Kalten Kriegs mit der kommunistischen Sowietunion stammt: Materialismus und Atheismus als erschreckend effiziente Feindbilder. Solch elementare Symbolik für die Auslöschung des menschlichen Geistes wird, rein cinematisch, vielleicht nur noch von John Carpenters ‘Das Ding aus einer anderen Welt‘ (1982) übertroffen. Der Verlust der Indentität wird hier auf grauenhafte Weise nach außen sichtbar: Menschen transformieren, einer nach dem anderen, von innen heraus qualvoll zu mörderischen Spinnen und Mischwesen. Moderne apokalyptische Visionen. Schockierend und bedenklich*. Sind solche Filme ein Hinweis darauf dass Verschwörungstheorien im Kern nicht nur politischer Natur sondern auch Ausdruck eines religiösen, philosophischen Vakuums in unserer Zeit sind? * (Der Film wurde 2009 in Deutschland vom Index genommen, aber wir würden ihn definitiv nicht für Zuschauer unter 18 Jahren empfehlen

Sci-FI-Quiz: Visionen von einem brutalen Materialismus? Alternativ-Überschrift: Der Mensch als Ware. Auf zum heiteren Rätselraten: In welchen zwei Sci-Fi-Klassikern, aus den Jahren 1973 und 1960 respektive, werden Menschen A: Dazu animiert sich einschläfern zu lassen um dann zu einem Nahrungsmittel für die Bevölkerung verarbeitet zu werden? B: Von unterirdisch lebenden Kreaturen mit regelmässigem Essen versorgt um ebenso regelmässig selber als menschliches Fleisch und Essware abgeerntet zu werden? Antwort kryptisch verschlûsselt rückwärts:  neerG tnelyoS B: enihcsamtieZ eiD

Insekten als sozial-darwinistisches Symbol? Um noch mal auf John Carpenters schreckliche Spinnen mit Menschenkopf in Das Ding aus einer anderen Welt zurück zu kommen (dessen Pre-CGI-Latex-Horroreffekte grotesk alles übertreffen was Computer heute machen): Die Häufigkeit von Arachnida und Insekten im Sci-Fi und Horrorgenre ist auffällig, besonders weil Angst vor ihnen, im Vergleich zu Ängsten vor Atomdesastern, Naturkatastropfen, chemischen oder biologischen Verseuchungen, ziemlich irrational ist. Somit läge eine symbolische Funktion nahe, denn verschiedene kaltblütige Krabbler, Insekten- und reptilienähnliche Wesen tauchen im Kino immer wieder auf und sind kaum kaputt zu kriegen: Ob in Starship Troopers (1997) oder in der kafkaesken Horrormär ‘Die Fliege’ (1986), in der Alien-Serie oder dem vielleicht genialsten aller Horror-Konzepte, dem britischen Klassiker Quatermass and the Pit (1967). Relativ unbekannt in Deutschland, vielleicht auch weil der deutsche Titel Das Grüne Blut der Dämonen und das Kinoplakat mit einer vollbusigen, kreischenden Dame im Negligee einen archetypischen B-Film suggeriert. Aber dieser Hammer-Film ist tatsächlich ein Hammer. Basierend auf einer älteren BBC-Fernsehserie, werden in ‘Quatermass and the Pit (1967) Mythen, Genetik, Theorien über die Herkunft der Menschheit und die Ursachen von übersinnlichen Phänomenen zu einer faszinierenden Geschichte verarbeitet. Kurz: Eine Raumkapsel, bei Grabungen im U-Bahntunnel gefunden, enthält Reste einer heuschreckenartigen Lebensform die vor 5 Millionen Jahren die Erde kolonisierte indem sie ihre Heuschrecken-Gene in ‘damalige Affen’ pflanzte. Die Insekten-Gene schlummern heute immer noch in vielen Menschen und werden durch den Raumschiff-Fund reaktiviert. Mit mörderischen Folgen. Heuschrecken werden bis heute in Medien als Synonym für wirtschaftliche Gier verwendet. Sind Insekten und Spinnen mit ihrer stoischen Effizienz, menschliche Symbole für rein-darwinistisch handelnde Überlebensmaschinen? Also in etwa das was der Mensch wäre, ohne ein religiöses, philosphisches oder soziales Empfinden. Interessanterweise schrieb Quatermass-Autor Nigel Kneale in den 50er Jahren auch das Drehbuch für die erste (BBC-TV) Verfilmung der ultimativen politischen Verschwörungsvision, nämlich für George Orwells 1984

Sci-Fi-Trivia: Wussten Sie schon? Damit die Serie nicht all zu metaphysisch-ominös wird, wollen wir zwischendurch kultige Trivia zu Ihnen rüberbeamen. Interessant finden wir z. B. dass einige Soundtracks von Sc-Fi-Filmen zu Sammlerobjekten und Fundgruben für DJs und samples geworden sind – also wenn von Musikstücken spezifische Klänge oder Passagen digital kopiert und in neue Lieder eingebaut werden. Wie im Fall von ‘Rollerball ‘ (1975): Ein Track namens ‘Executive Party‘ auf dem Soundtrack der sonst hauptsächlich aus klassischer Musik à la Bach und Shostakovich besteht. Dieses Stück ist (oder war zumindest) ein beliebtes Sample bei DJs aus der Acid-Jazz-Szene. Und ein Check  bei YouTube bestätigt dass Wah-Wah-Gitarre, fetter Bass und analoge Synthi-Klänge tatsächlich ultra-funkig klingen. Auch wenn wir den Film insgesamt eher mittelprächtig fanden. Andere Soundtracks sind selten und teuer weil sie nur in limitierter Auflage auf Vinyl veröffentlicht wurden. Für das avantgarde / electronic Album ‘The Andromeda Strain‘ (1971) zum gleichnamigen, exzellenten Film von Michael Chrichton, kann man heute bis zu 200 Euro zahlen, besonders wenn sie, der Viren-Thematik des Flms gemäss, in hexagonaler Ausführung kommt

Space-DJs: Science Fiction & Rockmusik Die Verbindung zwischen Sci-Fi und Rockmusik ist so mannigfaltig dass wir noch oft darauf eingehen denn es sind Paradebeispiele für quasi-religiöse Themen in der Popkultur. Hawkwind, Grateful Dead und Pink Floyd sind nur einige Bands von denen bekannt ist dass sie in den 60er und 70er Jahren Sci-Fi-Fans waren. Pink Floyd spielte 1969 zur ersten bemannten Mondlandung von Apollo 11 die Live-Session ‘Moonhead‘ in einem BBC-TV-Studio. Die Hippieband Jefferson Starship machte ein Konzeptalbum das auf Ideen des SF-Autors Robert Heinlein beruhte, hier ein spaciges Fan-Video für Blows against the Empire (1970). Davor, noch Jefferson Airplane genannt, das Lied / Album ‘Crown of Creation‘ (1968) dessen Atompilz die Verbindung zu John Wyndhams Sci-Fi-Roman ‘Wem gehört die Erde? (1955) und seiner post-apokalyptischen Thematik verrät. Viel Zukunftsmusik auch auf LP-Hüllen, wie den von Boston (1976), ELO (1977) oder Crosby, Stills & Nashs ‘Daylight Again (1982). Das Cover von Led Zeppelins ‘Houses of the Holy‘ (1973) wurde angeblich von Arthur C. Clarkes Sci-Fi-Geschichte ‘Childhood’s End‘ und den telepathischen Kindern um die es dort geht inspiriert. Ken Kesey, in vieler Hinsicht Katalysator der Acidrock-Band Grateful Dead, sah in Childhoods End (1953) den Vorläufer einer neuen Kunstform namens ‘total identification’. Bei Neil Young waren die LP-Cover in den 70ern eher pastoral, aber auf ‘After the Goldrush (1970) sang auch er von Auserwählten in silbernen Raumschiffen. Folksängerin Joan Baez gab dem Öko-Sci-Fi-Film Silent Running (1973) einen melancholischen Soundtrack, zu dessen Lied ‘Rejoice in the Sun‘ mit Lyrics über eine dem Untergang geweihte, kindliche Unschuld man das Raumschiff Valley Forge mit den letzten Wäldern der Erde an Bord dahingleiten sieht.

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Apropos Schmiede im Wald: Leute die meinen dass Richard Wagner der Vorläufer von Hollywood-Sci-Fi-Epen wie ‘Star Wars‘ war, werden sich dadurch bestätigt fühlen dass die Staatsoper Stuttgart bei einer Ring-Inszenierung (2002) für eine Szene von Siegfried visuell den Sci-Fi-Klassiker 2001: Odyssee im Weltraum (1968) zitierte: Das Bühnenbild sah aus wie eine exakte Kopie des ‘Weissen Raums’ der am Ende von 2001. Wenn wir uns recht entsinnen, liegt in der Stuttgarter Inszenierung Brünnhilde sinngemäss auf dem Bett auf dem Astronaut Keir Dullea am Ende von 2001 stirbt und wiedergeboren wird. Starke Symbolik. Nicht unbedingt Häresie, denn wir schätzen, Wagner hätte die Kombination von ”2001′ mit Richard Strauss’ Stück Also sprach Zarathustra gut gefunden, quasi Nietzsche in Space. Echte Space-DJs gibt es natürlich nur auf echten Raumfahrtprogrammen: Auf der sog. ‘Golden Record‘, einer Datenplatte in den NASA-Raumsonden Voyager vom Jahr 1977 ist u.a. Mozart, Bach, Beethoven, Chuck Berry und – Hurra! – ein Gruss von Kurt Waldheim zu hören. Noch cooler: Kosmonauten spielten Ende der 80er Jahre  auf der MIR-Raumstation Floyds Livealbum ‘Delicate Sound of Thunder (1988). Das Thema Sci-Fi & Musik bringt uns auf ein Gedankenspiel: Was für Musik werden Menschen in 50 oder 100 Jahren auf etwaigen Mond- oder Mars-Stationen hören? Ektronische Avantgarde-Musik, so wie es implizit die meisten Sci-Fi-Filme vorhersagen? Oder eher Klassiker des Folk, Blues, Country oder Rock-Genres – während Grossväterchen zuhause auf der Erde noch vom ‘Mensch-Maschine (1978) Konzept der Band Kraftwerk schwärmt?

Was ist die Wahrscheinlichkeit für echte Alien-Kontakte und Invasionen? Obwohl das Thema schon vor über 100 Jahren in H. G. Wells’ Klassiker ‘Der Krieg der Welten (1898) aufgegriffen wurde und aufsehenerregende Verfilmungen (2005, Trailer) und Radiohörspiele (1938, Clip) entstanden, stehen die Chancen für Alien-Invasionen schlecht, besser gesagt gut für Leute die Angst vor so etwas haben. Paradox dabei ist dass Wissenschaftler vermuten dass allein in unserer Galaxie, Millionen von Planeten Potential für die Entwicklung von Leben haben. Aber: Selbst wenn sich auf Planeten tatsächlich Leben entwickelt, wird es sich dabei großteils um sog. stupid life, also sehr einfache Lebensformen wie Mikroben etc. handeln. Intelligentes Leben ist vermutlich sehr viel seltener und hat, im Rahmen milliardenjähriger Existenz von Planeten, zudem nur eine relativ kurze Dauer, z. B. aufgrund von Klimaveränderungen und (selbst) zerstörerischem Verhalten. Und Transport? Die Existenz von Ufos, im Sinne von außerirdischen Raumschiffen auf unserer Erde, wird von Wissenschaftlern bezweifelt weil selbst Raumschiffe mit enormen Geschwindigkeiten, Tausende von Jahren bräuchten um zu uns zu kommen. Astrophysiker Stephen Hawking schließt nicht aus dass es intelligent Außerirdische geben könnte die, gezwungenermaßen, in Raumschiff-Flotten Jahrhunderte lang mit immer neuen Generationen einer Besatzung durchs Weltall geistern weil ihr Heimatplanet unbewohnbar geworden ist. Und die Theorie dass Ufos nicht außerirdische Wesen oder Flugobjekte sind, sondern Zeitreisende aus der Zukunft unserer eigenen Erde? Das Problem damit ist anscheinend folgendes: Während Zeitreise in die Zukunft für einige Wissenschaftlern als – rein theorethisch – möglich gilt, wird Zeitreise in die Vergangenheit nach heutigen Wissensstand als unmöglich eingestuft. Ein echtes Projekt zur Suche von Außerirdischen, ist das amerikanische SETI Institut das in dem gut gemachten Spielfilm ‘Contact‘ (1997) thematisiert wird (Trailer). Allerdings wird SETIs Idealismus (z. B. wegen Zweifeln, ob es ein Vorteil ist, quasi wie Indianer von Kolumbus entdeckt zu werden) von Zynikern als weiterer Beweis für die quasi-religiöse Rolle von Außerirdischen interpretiert. Interessant als alternative Gedankenspiele dazu, wie Kontakte mit außerirdischem Leben stattfinden könnten, finden wir folgende Romane: In Andromeda (1969) von Michael Chrichton wird die sog. Messenger Theory erwähnt die in etwa besagt dass, wenn eine Kultur ihre Existenz im Universum ptofilieren will, wären weder Radio- noch Lichtwellen das effektivste Mittel, sondern ein simpler, hartnäckiger biochemischer Organismus der sich selbst vervielfältigt und sich für Jahrtausende in alle Richtungen des Weltraums verbreiten könnte. Wenn er auf lebensfähige Planeten stößt, kann er sich dort verstärkt vermehren und zu einem größeren Organismus entwickeln der das message oder die Visitenkarte einer fernen Kultur darstellt. Greg Bears Roman Blood Music (1983) geht soweit, dass Mikrorganismen mit einer Art Schwarmintelligenz sich im Menschen einnisten und ihn langsam zu  einer völlig anderen Lebensform transformieren. Wir fanden die Geschichte faszinierend, auch wenn ‘Blutmusik‘ in Deutschland gemischte Kritiken hatte. Ein Wissenschaftler im Selbstversuch löst sich sprichwörtlich auf und nimmt das neu entstehende Bewusstsein wie Musik in seinem Blut wahr. Herrgott, da sind einem die außerirdischen Raumschiffe ja fast noch etwas lieber!

Schon mal etwas aufgefallen: Die Rolle des Erlösers in Sci-Fi? Zurück zur Verbindung von Religion und Sci-Fi / Horror / Verschwörungs-Kino. Textbuchbeispiel ist Terminator (1984) mit Schwarzenegger, der erste und übrigens beste Film der 4-teiligen Kinoserie, auch wenn Dutzende von Rezensenten sich darüber aufregen dass auf der deutschen DVD-Version ca. 5 Minuten an extrem brutaler Gewalt herausgeschnitten wurden und der Film bei Amazon.de deshalb nur zwei Sterne bekommt. Dabei besteht der Kern von gutem Kino  nicht aus Gewaltszenen sondern aus guten Ideen und Konzepten, oder? Terminator (1984) verbindet klassische Sci-Fi-Themen wie Zeitreise, Atomare Zerstörung, Machtübernahme der Maschinen, Rebellion und Wiederauferstehung der Menschheit auf ziemlich geniale Weise. Die Reihe hat religiöse Konnotationen die auch in den Filmnamen der Serie, wie Die Erlösung (2009) und Das Jüngste Gericht (1991) offensichtlich sind, auch wenn dessen Originaltitel Judgement Day Deutschland als Tag der Abrechnung übersetzt wurde. Aber hier noch etwas das kaum jemandem aufgefallen zu sein scheint: Der zukünftige Erlöser der Menschheit in Terminator ist ein Kind namens John Connor das von zeitreisenden Robotern getötet werden soll. Obwohl es garantiert als Zufall abgetan wird – gibt es zufälligerweise nicht noch eine andere religiöse Figur mit den Initialien J. C.? Wie dem auch sei, ein gängiges mythologiegerechtes Schema für Retter in apokalyptischen Filmen ist Der Einzelne oder ‘die wenigen’ die gegen den Strom schwimmen. Darin scheinen Kinobesucher heute mehr Vertrauen zu haben als in Komitees & Fokusgruppen. Warum eigentlich?

Außerrirdische Astronauten als Ersatz für Götter? Die Frage nach dem Ursprung der Menschheit und des menschlichen Bewusstseins scheint etwas zu sein das Evolutionswissenschaftler, Religionen und das Sci-Fi-Genre gleichermaßen fasziniert. Und man könnte argumentieren dass die in unserer Artikelüberschrift angesprochenen ‘Neuen Religionen’ mit Sci-Fi-Elementen ansatzweise heute schon vorhanden sind. Einige Beispiele: 1. In Kanada geben sich bei Volksbefragungen mittlerweile über 20.000 Leute als Anhänger der von der Kinoreihe Star Wars (1977-2005) inspirierten Jedi-Religion zu erkennen, in Neuseeland über 50.000, in Australien 70.000, in England fast 400.000. Wahrscheinlich spielt dabei das Element ein Fan der Serie zu sein, eine Rolle, teils wie ein Spiel, ein Gag. Aber man sollte nicht vergessen dass im Laufe der Jahrhunderte die Bekanntschaft mit neuen Religionen für viele Leute anfangs darin bestand dass sie eine Geschichte hörten und diese nicht unbedingt sofort todernst nahmen oder dafür ihre bisherige Religion gleich auf den Haufen warfen. Beispiel 2. Der Glaube der Scientology-Kirche hat, so erscheint es zumindest für uns als Außenstehende, Elemente die wie Science-Fiction-Ideen anmuten. Beispiel 3. Der Sci-Fi-Klassiker Fremder in einer fremden Welt‘ (1961) von Robert A. Heinlein inspirierte die Gründung der ‘Church of all Worlds‘. Beispiel 4. Für sie zehntausende Mitglieder zählende Rael-Bewegung sind Sci-Fi-ähnliche Vorstellungen von Außerirdischen, plus (angeblich) reale Klonexperimente, scheinbar essentieller Bestandteil ihres Glaubens. Beispiel 5. Der Autor Erich von Däniken hat, mit ca. 60 Millionen verkauften Büchern, Theorien formuliert die viele Leute zwar für unbewiesen aber vielleicht nicht für viel unplausibler halten als z. B. die Genesis der Bibel. Kurz gesagt: Däniken glaubt anscheinend dass Legenden von ‘Göttern’ in Wahrheit Überlieferungen von Zivilisationen der Sumerer, Ägypter, Inkas etc. sind die vor langer Zeit von Aueridischen in Raumschiffen besucht und beeinflusst wurden. (Bei YouTube ist ein Clip von Dänikens umstrittenen Film ‘Erinnerungen an die Zukunft‘) Beeinflusst von Theorien wie Dänikens, scheinen auch einige Hollywood-Filme zu sein, z. B. Stargate (1994) in dem eine Pyramide sich als Startrampe für riesiges Raumschiff entpuppt. Karten auf den Tisch: Wir sind Anhänger keiner der hier erwähnten Theorien oder Glaubensrichtungen. Aber wir werden auf keiner der oben genannten ‘Neuen Religionen’ oder quasi-religiösen Theorien oder, in der Tat, irgendeiner anderen Religion großartig rumhacken – denn was Leute glauben oder als Ideale haben ist (solange uns niemand mit vorgehaltener Pistole dazu zwingen will das gleiche zu glauben) nicht etwas über das wir uns aufregen können. Vielleicht ist das Erfolgsgeheimnis des Sci-Fi-Genres, dass es eine der letzten Domänen auf dieser guten alten Mutter Erde ist, wo jeder noch ungestört versuchen kann, nach seiner Fasson glücklich zu werden.

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