Warum eigentlich blöde Kuh?

Wir leben heute in einer ruhigen Gegend, ausserhalb einer kleinen Stadt.  Wenn man des abends mit dem Hund spazieren geht, trifft man meist keine Menschenseele. Viele Leute würden das wahrscheinlich als ländlich empfinden aber so richtig auf dem Land ist noch ein bisschen was anderes. Wir kennen es weil wir viele Jahre so gelebt haben. Es war so abgeschieden dass alle zwei Monate eine Leihbücherei auf Rädern vorbeikam. Es gab ja noch kein Internet. Der nächste richtige Laden war fünf Kilometer entfernt. Aber es gab in zwei Kilometer Entfernung einen winzigen Kolonialwarenladen der gleichzeitig Postamt und Bleibe für den Pfarrer war. Die Preise waren nicht niedrig aber bei dem guten alten Vicar konnte man anschreiben lassen. Wir hatten noch nie einen Pfarrer gesehen der so völlig ungeniert im weißen Kragen seine Marlboros rauchte. In der Umgebung lebte eine uralte Frau namens Lizzy die um die 80 Jahre alt war und trotz Kaufangeboten stur darauf bestand, ihre 7 oder 8 Kühe zu behalten und weiterhin Milch zu produzieren. Die Frau war ein winziges Wesen, beim Gehen so gebückt dass ihr Oberkörper fast in einem rechten Winkel zu ihren Beinen war. Die Leute aus der Nachbarschaft wechselten sich ab, jeweils für zwei Wochen ihre Kühe zu melken. Für ein kleines Taschengeld. Damals, Anfang der 80er Jahre wurde die Milch noch morgens in eisernen Kannen auf ein Podest an die Straße gestellt und dann vom Lastwagen der Molkerei-Gesellschaft abgeholt. Das änderte sich zu dieser Zeit gerade und bald konnten nur noch Bauern die sich große, per Schlauch absaugbare Milchtanks aus Edelstahl leisten konnten, ihre Milch verkaufen. Die teure Technik lohnte sich nur wenn man um die 100 Kühe hatte. Das war das Ende vieler Kleinbauern. Lizzy Jane hatte noch diese alte Installation im Stall, wo über den Köpfen der Kühe Rohre verliefen an die tragbare Melk-Geräte angeschlossen wurden. Die mit Deckel verschließbaren Edelstahleimer wurden mittels Schläuchen an den Eutern der Kühe angebracht und melkten sie dann per Vakumpumpe. Das kam uns damals modern vor, denn wir hatten bis dahin immer nur drei, vier Guernsey- und Jersey-Kühe per Hand gemolken. Wenn man Lizzys Holstein-Kühe gemolken hatte und alles andere, wie Milch filtern, Geräte reinigen etc. erledigt hatte, ging man in ihr winziges Haus. Man war quasi dazu verpflichtet nach der Arbeit mit ihr an dem kleinem runden Tisch am Kaminfeuer zu sitzen und mit ihr zu essen, das gehörte dazu. Und es war es irgendwie gut, denn es gab zahllose Tassen Tee und bergeweise zu essen. Auf einmal schien das Taschengeld fürs Melken eigentlich doch ganz fair. Die Frau war trotz ihres Alters sehr gewitzt und gute Gesellschaft. Man hatte nicht das Gefühl, ihr einen Gefallen zu tun oder zwanghaft Konversation betreiben zu müssen. Leute auf dem Land haben in dieser Hinsicht oft eine sehr angenehme, natürliche Art. Man konnte auch einfach dasitzen, nichts sagen und in Regionalzeitungen wie dem Tivy Side Advertiser über Pflug-Wettbewerbe lesen. Allerdings musste man essen und essen. Denn Lizzy schnitt immer weitere Scheiben Brot ab. Ein Kumpel von uns hatte einmal als er den Melk-Job bei Lizzy machte, ein Brot mit gekochten Schinken das er einfach nicht mehr runterkriegte, unauffällig an den Hund unter dem Tisch weitergereicht. Als tags darauf der Hund starb, konnten wir, nach kurzer Andacht, nicht anders als lachen: Das mit dem Hund musste Zufall gewesen sein! Sicherlich könnte niemand etwas gegen nette junge Männer wie uns haben…oder? Die Sache war, dass Lizzy keinen Kühlschrank hatte sondern eine pantry, eine Art altmodische Speisekammer, kühl aber vielleicht nicht ganz so effizient wie Kühlschränke. Aber wir haben es überlebt. Besser noch: Wir haben so viele abenteuerliche Erinnerungen dass wir uns jetzt schon darauf freuen, sie im Laufe der Zeit aufzuschreiben. Die Erinnerungen aus den Jahren in denen wir im tiefsten, grünsten Land, meilenweit ab vom Schuss lebten, werden für uns immer der Maßstab für ein abenteuerliches Leben sein. In kommenden Jahren werden wir in dieser Serie neben praktischen Themen und Gastbeiträgen von Landwirten aller Art, auch die Spuren erkunden, die Landleben und Landwirtschaft in Mythologie, Kunst, Sprache, Musik, Film und Literatur hinterlassen haben

Die Rolle der Kuh in der Mythologie? Obwohl Kühe vor Tausenden von Jahren deutlich kleiner waren als die hochgezüchteten Tiere von heute, spielt die Kuh in den Anfängen europäischer Mythologie eine große Rolle: In der skandinavischen Edda ist die erste Person auf Erden der Riese Ymir der Milch direkt vom Euter einer Kuh namens Audumla  trinkt. Es gibt ein schönes Audumla-Gemälde von N.A. Abilgaard, wo die mythische Kuh mit ihrer warmen Zunge obendrein zwei Gestalten aus Eisblöcken befreit: Es sind Buri und Bor, zukünftige Mörder des Riesen Ymir und Vorfahren des indogermanischen Obergottes Odin. Obwohl Mythen ein komplexes, vieldeutiges Amalgam sind, hat die Sage Anklänge an Europas Geschichte, insofern dass nach der Eiszeit Viehzüchter und Ackerbauern die Vorherrschaft von Jägern und Sammlern übernahmen, vermutlich zuerst im Balkan vor ca. 9000 Jahren. Dann, vor ca. 7000 Jahren in Mitteleuropa und danach, vor ca. 6300 Jahren in Nordeuropa. Für den Stellenwert der Viehzucht gibt es auch linguistische Hinweise: Das Wort Vieh stammt vom indogermanischen fehu (= Besitz, Wohlstand ). In der mythischen Kuh Audumla sind also vermutlich Menschheitserinnerungen vom Ende der letzten Eiszeit, vom schmelzenden Eis und dem Auftauchen von Kühen und Viehzüchtern enthalten. Wenn in Mythen von Mord und Totschlag die Rede ist, wie Ymirs Tod durch Buri und Bor, köinnte das auf Auseinandersetzungen zwischen prähistorischen Bauern und Jägern beruhen. Es könnte aber auch symbolischen Charakter haben. Man geht heute davon aus dass nicht eine komplette Verdrängung von Jägern durch Bauern stattfand sondern dass Landwirtschaft sich eher friedlich verbreitete und von Jägern übernommen wurde. Wir schätzen, selbst der leidenschaftlichste Jäger wird  irgendwann mitgekriegt haben dass es mehr Sinn macht, von Kühen jahrelang Kälber und Milchprodukte zu erhalten, anstatt Tiere einfach zu töten und zu essen. Die schönen Vierbeiner die uns stoisch mit Milch, Butter, Käse, Jogurt und vielem mehr versorgen, sind schon lange Zeit ein Segen für uns. Es sind Tiere die man liebgewinnt und deren ruhige Ausstrahlung ansteckend auf Menschen wirkt. Weil sie morgens und abends gemolken werden müssen, bringen sie Menschen einen gleichmäßigen, geordneten Lebensrhythmus. Kühe haben auch ein ziemlich ausgeprägtes Wesen das uns keineswegs dumm erscheint. Kühe sind nicht unterwürfig wie Hunde sondern haben eine grummelige Art von Gutmütigkeit die viel toleriert aber – wie jeder weiß der bei rüpelhaftem Melken schon mal einen Tritt abgekriegt hat – nicht alles. Eine berechtigte Einstellung für ein Tier dass unsere Lebensart so nachhaltig geprägt, man könnte fast sagen, erschaffen hat

Darstellung von Landleben im Kino? Machen wir einen Zeitsprung von ein paar Tausend Jahren: Ein Film der vom Existenzkampf einer modernen Bauernfamilie handelt und den wir eindrucksvoll in Erinnerung haben, ist ‘Menschen am Fluss (1984) in dem Mel Gibson sich mit Uberschwemmungen, Banken, Erntedesastern und Spekulanten rumschlagen muss (YouTube Clip gibt es nur auf Spanisch), und um Geld zu verdienen, obendrein gezwungen ist, nach Jobs außerhalb zu suchen. Hört sich das für einige Landwirt bekannt an? Ein anderer guter Film, der aber viel weniger von der praktischen als von der zwischenmenschlichen Situation des Landlebens handelt, ist ‘Die Brücken am Fluss‘ (1995). Als Ehemann und Kinder für vier Tage bei einer Landwirtschaftsausstellung sind um einen Preis für ihren jungen Stier zu gewinnen, trifft Bäuerin Meryl Sreep zufällig einen herumreisenden Fotografen vom National Geographic Magazins (unoffizieller Fan-Trailer ist, wie so oft, besser als offizieller Trailer). Dabei treffen zwei Welten aufeinander die sehr unterschiedlich sind und sich gerade deshalb anziehen. Mit hollywooduntypischer Ruhe erkundet Clint Eastwood, der spielt und auch Regie führt, die totale Abgeschiedenheit des ländlichen Iowas der 60er Jahre: Meileweit nur Felder und vereinzenlte Höfe. Als er den Geruch von Iowas lehmiger Erde erwähnt, sagt ihm die Bäuerin dass sie das nicht wahrnimmt weil sie hier lebt. Der Film spricht den interessanten Punkt an dass die Schönheit des Landlebens oft eher von Außenstehenden wahrgenommen wird als von Landmenschen selber. Vielleicht muss man, wie Clint hier, dazu ein Außenseiter mit einer künstlerischen, romantischen Ader sein. Wird eheliche Untreue, die es auf dem Land genauso gibt wie in den Städten, in diesem Film verharmlost? Wir würden sagen dass der Film einen zwiespältigen Aspekt des Landlebens darstellt. Hier gibt es Schönheit und Geborgenheit aber auch totale Gebundenheit und Einschränkung. Der Bäuerin mangelt es weniger an körperlicher Liebe als an einer Verbindung mit Kunst und kulturellem Geschehen. Das kleine Radio auf dem sie ihre geliebte Opernmusik hört, ist dabei nur ein Trostpflaster das die ländliche Isolation um so mehr betont. Der Film versucht jedoch nicht, unterschwellig die Weltgewandheit des Journalisten als etwas besseres oder erstrebenswerteres darzustellen. Im Gegenteil, der Film deutet an dass der Einsamste oftmals der ist den wir um seine Ungebundenheit und seine vermeintlich grenzenlose Freiheit beneiden. Die Brücken am Fluss ist ein Landfilm mit Tiefgang. Romantischste Szene? Als Clint das Halskettchen der Bäuerin (siehe Clip ca. 2:25) an seinen Rückspiegel hängt, so dass Francesca es von ihrem Auto aus sehen kann.

Landleben und Rockmusik? Den obenerwähnten Zwiespalt, dass Landleben schön aber gleichzeitig kulturell isoliert sein kann, versuchten einige junge Leute Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre zu lösen. Um diese Zeit taucht Landleben als Thema in der Rockmusik auf. Zumindest in in Texten und Albumcovern als Mythos oder Ideal, manchmal auch als tatsächlicher Lebenstil von Bands. Hatten es frühere Musiker oftmals peinlich gefunden, als Landei zu gelten, war es spätestens nach dem drei Tage langen, ländlichen Woodstock-Festival ziemlich angesagt. Landwirtschaftlich, fast archaisch, mutet das Albumcover ‘Wake of the Flood (1973) von Grateful Dead an. Auch der Text des 13 Min. langen Liedes Weather Report Suite hat eine mystische Mutter-Erde-Thematik. Textprobe, von uns frei aus dem Original übersetzt: Hin und her, der Schnitt des Pfluges im Feld, Jahr für Jahr Büschel von Korn und Gerste, aufgebrochene Erde, offen dem Frühling zugewandt, lebt die dunkle Erde wieder auf. Der Mann mit dem Pflug, breitschultrig wie das Land das er bebaut. Er weiss, seine Arbeit bedeutet mehr als Anpflanzen. Er lässt wachsen, lässt gedeihen. Wie sollen wir es nennen? Man könnte ebenso versuchen, die Engel auf der Spitze einer Nadel zu zählen. Der Name ist in der Erde die das Wasser vom Himmel aufnimmt, wir sprechen ihn nicht aus sondern wir stehen einfach im Regen und hören den Ruf des Donners: Ich bin, Ich bin, Ich bin. Unser Kommentar: Gutes Lied. Politiker die heute gegen die Hippiegeneration wettern, lenken von ihren eigenen Versäumnissen ab. Denn just als der damals noch vorherrschende konservative Mainstream begann, Landleben & Landwirtschaft als bucklige Verwandtschaft zu sehen und versuchte ‘auf modern’ zu machen, Big Business hinterherdackelte und sein soziokulturelles Profil verlor, erkannte die Hippiegeneration die Stärke des Land-Mythos und hatte damit viel Erfolg. Verwandte Ideen wie Small is beautiful und Back to nature wurden von jungen Linken damals zu einem bedeutenden Teil oder zumindest Steigbügel der Bewegung gemacht. Some guys have all the luck! And all the brains.

Aber wissen Rockmusiker wo bei einer Kuh hinten und vorne ist? Berechtigte Nachfrage, es gibt ja den grausamen Witz vom Musiker der vom Bauer was lernen will und zum Kuhmelken losgeschickt wird. Als er es schwierig findet, stellt sich heraus dass er versuchte ein Pferd zu melken, schlimmer noch, einen Hengst. Oh Gott! Aber einige Rockmusiker sind mit Landleben ganz gut zurecht gekommen und ihm auch treu geblieben: Neil Young lebt bis zum heutigen Tag auf einer Farm, wo er u. a. vom Aussterben bedrohte Büffel züchtet. Es gibt viele Neil-Young-Lieder mit ländlichem Hintergrund oder Sentiment: Mother Earth, Prairie Wind, Field of Opportunity, Country Girl...am besten ist sein Album Harvest (1972) obwohl hier Die Ernte eher metaphorisch für die Suche und Erfüllung von Liebe steht. Auf der Rückseite des Albumcovers spielen Young und Band zwischen Heuballen in einer alten Scheune. Hippie-Romantik pur. Neil Young engagiert sich auch für die Organisation Farm Aid. Vermutlich ist die Idee dabei dass es auch in Amerika arme Leute gibt, zum Beispiel Bauernfamilien, die in Amerika nicht einmal das soziale Auffangnetz haben das es in Europa noch gibt. Was die Britischen Inseln und seine Rockmusiker angelangt, machte Jethro-Tull-Boss Ian Anderson in den 70er Jahren das Landleben sogar zu einem rentablen Geschäft und züchtete Lachs auf den Orkney-Inseln. Dieser Mann, den wir im Konzert sahen und gut finden, hat auch die Musik nicht vernachlässigt. Das Album Songs from the Wood (1977) beschäftigt sich in Liedern wie Jack-in-the-Green mit dem folkloristischen Erbe des Landlebens. Eher praxisorientiert, das Titellied des Jethro-Tull-Albums ‘Heavy Horses‘ (1978) über den Niedergang Britanniens hochentwickelter landwirtschaftlicher Zugpferde, den shire horses. Wir sind vor jahren einmal zu einem Bauern gepilgert der noch solche Shires hatte, um etwas über die Arbeitsweise zu erfahren. Er erklärte uns mit resigniertem Schulterzucken das dies für ihn nur noch ein kostspieliges Hobby sei. Trotzdem gut, wenn solch altes Handwerk, vielleicht mit staatlicher Hilfe, am Leben gehalten würde. Fast prophetisch klingen die Liedzeilen (Musik-Clip) von Heavy Horses: ‘Wenn die Ölbarone eines Tages ausgetrocknet sind, wird man um eure sanfte Kraft betteln’. Möglich, wenn es die Kaltblüter dann noch gibt und jemand weiß wie man mit ihnen pflügt

Landleben in der Kunst? Es gibt viele Gemälde zum Thema und das faszinierende ist dass die Bilder meist aus einer Zeit stammen als es keine Fotografie oder sie noch selten war. Sehen Sie am Ende des Artikels die Amazon-Links zu unserer Top-10 Kunst mit Landthematik. Was auffällt, ist dass die meisten und besten Gemälde von Landleben aus dem 19. Jahrhundert stammen, aus einer Zeit also, als die industrielle Revolution auf dem Vormarsch war. Insofern haben Bilder dieser Epoche einen dokumentarischen aber öfters auch idealisierenden Charakter. Maler wie der Österreicher Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865) stellten neben Idyllen wie Abendlandschaft mit Ziegenherde (1847) jedoch auch Schattenseiten wie Die Pfändung (1847) dar. Und Daniel McDonalds Bild The Discovery of the Potato Blight in Ireland (1847) erinnert daran dass, vor nicht allzu langer Zeit, landwirtschaftliche Katastrophen in Europa den blanken Tod bedeuten konnten. In Irland führten wiederholte Ernteausfälle durch Kartoffelfäule zum Tod von 1 Million Iren innerhalb von fünf Jahren. Etwa 2 Millionen weitere Iren wurden durch die Große Hungersnot (1845-1852) gezwungen ihre Heimat zu verlassen. Nie was von gehört? Kein Wunder. Wir finden es erstaunlich, wie wenig geschichtliche Beachtung das Thema ausserhalb Irlands heute bekommt. Das Gemälde fanden wir auf einem guten irischen Sachbuch auf dass wir zukünftig genauer eingehen

Spuren landwirtschaftlicher Vergangenheit in Namen und Redensarten? Interessant dass selbst über hundert Jahre nachdem ein nennenswerter Prozentsatz von Menschen in der Landwirtschaft tätig war, heute  immer noch viele Redensarten aus dem Landleben benutzt werden. Vielleicht mit abnehmender Tendenz: Essen wie die Scheunendrescher kennt zwar jeder, wird aber unter jungen Leuten heute selten benutzt. Dabei passt für dieser jüngeren Zeitgenossen durchaus die Bezeichnung Flegel, die daher stammt dass man beim Dreschen des Korns ziemlich ungestüm und wild mit dem Dreschflegel um sich schlug. Prophetisch wirkt auch das englische Wort für dreschen, nämlich thrashing, von dem der Begriff Thrash Metal abgeleitet. Aber beim Musikgeschmack muss jeder selber die Spreu vom Weizen trennen. Viele landwirtschaftliche Begriffe werden auch noch im politischen, philosphischen oder wirtschaftlichen Sinn als Metaphern benutzt: Scheuklappen tragen, seine Schäfchen ins Trockene bringen, Kuhhandel zu treiben oder sich nicht vor irgendeinen Karren spannen zu lassen etc. Der Begriff eine Menge Heu, also Geld zu haben, scheint heute seltener gebraucht zu werden als z. B. Kohle. Manches wird noch recht häufig gesagt auch wenn nur wenige Leute wissen dass ein Brett vorm Kopf zu haben, also dumm, engstirnig zu sein, sich auf das sog. Joch eines Arbeitsochsen bezieht. Poetisch und düster dagegen wirkt es zu sagen dass die Saat aufgegangen ist, vielleicht die Saat der Zwietracht. Auch das Bild vom Tod als Sensenmann hat sich gehalten obwohl fast jeder heute Korn oder Gras mit Maschinen schneidet und erntet. Erhalten sind auch Begriffe wie ackern und Bauernfängerei, die daran erinnern dass Landwirtschaft immer schon harte Arbeit war und dass es immer schon Leute gab die sich die meist gutmütige und gutgläubige Art der Landbevölkerung zu Nutze machten. Dabei sollte man allerdings nicht die Bauernschläue, also den gesunden Menschenverstand unterschätzen. An unsere landwirtschaftliche Vergangenheit erinnern auch häufige Nachnamen wie Schäfer und Bauer. Oder auch Baumann, Ackermann etc. Mancher Nachfahre ackert lieber auf der Leinwand: Wie der Schwarzenegger – dunkelhaariger Mann mit Pflug, Egge – und der Ochsenknecht. Ein weniger offensichtlich ländlicher Name wie Schwaiger kommt nicht von Schweigen sondern von sweige, einem alten Wort für einen Hof mit Rindern, Milch und Käseherstellung

Das beste landwirtschaftliche Sprichwort der Welt? Es gibt viele, und Leser können gerne welche einschicken, solange sie nicht schon reihenweise auf Listen im Internet vorhanden sind sondern eher etwas spezifisches aus Ihrer Region sind, dessen Kontext Sie erläutern können. Fragen Sie ihre örtlichen Bauern. Unser persönlicher Favorit ist ein über 1000 Jahre altes Sprichwort, stammt aus Wales und gibt uns folgenden Rat: ‘Die beste krumme Sache der Welt ist der gebogene Griff eines Pfluges‘. Unser Kommentar: Wer will da schon widersprechen? Wir hatten zwar nicht vor, ein krummes Ding zu drehen aber wir beugen uns widerstandslos der walisischen Weisheit und sagen: Gut gesprochen, alter Kelte!

Landleben & Landwirtschaft in Literatur? Das Thema Landwirtschaft wird in Romanen und Biografien seltener. Klar, immer weniger Leute kennen dieses Leben und man kann nicht erwarten dass die Mehrheit von Menschen die nun mal in Städten leben, glänzende Augen kriegen wenn sie einen alten Massey-Ferguson-Traktor sehen. Aber wir machen uns in dieser Serie den Spaß, Bücher und Autoren zu besprechen die das Landleben beschreiben, von Ganghofer, Gotthelf und Gulbranssen, bis Cobbett, Thoma, Laxness, Pagnol, Thomas Hardy und anderen. Es gibt viele bemerkenswerte Bücher in denen das Land zentral ist oder zumindest als Hintergrund der Handlung eine Rolle spielt. Manchmal sind es Autoren bei denen man es nicht unbedingt erwartet hätte. Überraschend fanden wir z. B. diese Passage aus D.H. Lawrence’ ‘Der Regenbogen‘ (1915), die wir frei und auszugsweise aus dem engl. Original übersetzen: Sie fühlten den Puls und den Körper der Erde die sich für das Korn öffnete und unter dem Pflug glatt und geschmeidig wurde. Das junge Korn wiegte sich, war seiden und glitt an den Beinen der Männer vorbei. Sie waren zufrieden damit dass der Wind den feuchten Weizen trocknete und die jungen Ähren umher blies. Sie hatten so viel Wärme, Gebären, Schmerz und Tod in ihrem Blut. Erde, Himmel, Tiere und Pflamzen. Durch den tiefen Austausch mit ihnen, lebten sie mit einer Fülle von Gefühlen. Ihre Gesichter der Sonne, der Quelle des Gebärens zugewand. Unser Kommentar: Uff, Naturmystik ist erschöpfend, klingt fast als ob es hier um die obenerwähnte Audumla-Brigade von 5000 B.C. ginge, beschreibt aber die Bauernfamilie Brangwen im 19. und 20. Jahrhundert (Hinweis: Das Buch enthält Sexszenen und wurde 1915  in England für 11 Jahre verboten). Wir werden Lesern in dieser Serie öfters mal landwirtschaftliche Passagen aus Büchern vorstellen. Am Ende des Artikels finden Sie unsere Top-10 Bücher mit ländlichem Hintergrund

Spuren landwirtschaftlicher Naturreligionen in Folkmusik? Das britische Volkslied John Barleycorn wurde von Musikern wie Fairport Convention,  John Renbourn, Bert Jansch, Martin Carthy, Pentangle und sogar Jethro Tull eingespielt. Die genialste Version stammt jedoch von der Hippie-Band Traffic (siehe You Tube Musik-Clip). Das Lied hat, wie es bei alten Volkslieder oft der Fall ist, eine sehr eingängige Gesangsmelodie und wird  schlicht aber effektiv, nur mit akustischer Gitarre, Flöte, Tambourin und Harmoniegesang dargeboten. Es beschreibt das schmerzhafte, fast unglaubliche Schicksal des John Barlycorn: Drei Männer kommen aus dem Westen und machen den Schwur dass John Barleycorn sterben muss. Sie schneiden ihn auf barbarischste Weise an den Knien, fesseln ihn um die Hüften, stechen ihm ins Herz, werfen ihn auf einen Wagen, bringen ihn an einen Ort wo er so hart mit Stöcken geschlagen wird so dass ihm die Haut von den Knochen fällt. Dann wird John Barleycorn, oder das was von ihm übrig ist, auch noch zwischen Steinen zerrieben. Leser werden jetzt sagen: Wie kann man jemandem so etwas antun? Aber es handelt sich bei diesem John Barleycorn nicht um einen Fall für Amnesty International oder das Drehbuch eines Mel-Gibson-Films sondern um die personifizierte Form einer Getreidepflanze, der Gerste (engl. barley ) und die Arbeiten (schneiden, binden, aufgabeln, dreschen etc.) bei ihrer Ernte. Gerste ist ein wichtiges Viehfutter und dient natürlich auch zur Herstellung von Bier und Whiskey. Die Art wie das Lied vom Einpflanzen des John Barleycorn, seinem Gedeihen, seinem Tod nach der Sommersonnenwende und seiner späteren Wiederauferstehung aus der Erde erzählt, wird von Forschern in Verbindung mit uralten Kulten um einen ewigen Zyklus interpretiert: Das Sterben der Natur im Winter, ihre Wiedergeburt im Frühling, das Gedeihen im Sommer und die lebenswichtige Ernte im Herbst. Dieser Zyklus war vermutlich einmal eine Art von Urreligion in den landwirtschaftlichen Gesellschaften unserer Vorfahren. Wir können den Pflug in dieser Scharte mit der nächsten Frage noch ein Stückchen weiterführen

Landwirtschaft & Religion: Gibt es diese Verbindung heute noch? Es gibt eine religiöse Geschichte die uns so tausendfach geläufig ist, die kommerziell so ausgeschlachtet und praktisch zu Tode vermarktet wurde dass uns ihre Verbindung zu Ackerbau und Viehzucht kaum noch bewusst ist: Ist es nicht bemerkenswert dass die bekannteste religiöse Leitfigur des Westens, nämlich das Christkind, in einem Kuhstall umgeben von Stroh geboren wurde? Frage: Werden Mythen und Religionen durch Parallelen und Ähnlichkeiten die sie miteinander haben, entwertet? Wir würden sagen, nein, eher im Gegenteil. Etwas dass sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte zieht, ist es die Tendenz zu sagen: Der König ist tot, lang lebe der König. Wenn etwas endet, sei es ein Königreich oder eine Religion, dann sehen und verstehen wir in dem Nachfolger immer etwas von seinen Vorgängern. Ein abschließender Gedanke für heute: Warum ist ein Verständnis von Grundlagen der Nahrungsmittelherstellung – also, woher kommt, wie entsteht eigentlich dieses Brot, diese Butter, diese Frühstückszerealien die auf dem Tisch stehen – heute noch wichtig? Abgesehen vom technischen Informationswert solcher Dinge geben wir folgendes zu bedenken: Landwirtschaft und der Zyklus der Jahreszeiten, der Kreislauf des Gedeihens und Vergehens und die Art wie wir im Laufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden unsere Rolle darin fanden, stellte einmal so etwas wie den Sinn und den Inhalt des Lebens von Menschen dar. Das heisst nicht dass modernes Leben sinnentleert ist, aber es ist gut wenn man versteht dass die Art wie wir heute leben oft eine Spezialisierung, eine Delegierung oder eine Fortentwicklung jener älteren Lebensweisen ist. Man kann es sehen, drehen und nennen wie man will, aber diese Erde, oder die Götter die wir im Laufe der Jahrtausende in Ihr wähnten, gibt uns tatsächlich unser tägliches Brot

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