Dolmen Pentre Ifan: Entstand hier ein alter Film?

Können Sie sich vorstellen dass ein Film existiert, der heidnische Rituale und Sagen um ein 5000 Jahre altes Steinmonument zeigt? Den Film gibt es tatsächlich: Das Monument heißt Pentre Ifan (siehe auch unser privates Bild in der Kolumne rechts) und ist in Wales. Wir haben es besucht und wir werden Ihnen den Film, die walisischen Dolmen und eine der besten britischen Folkbands aller Zeiten vorstellen. Die Musiker Robin Williamson und Mike Heron haben in den 60er Jahren mit ihrer Gruppe namens The Incredible String Band beim Pentre Ifan Monument den 20 min. langen Farbfilm ‘The Pirate and the Crystal Ball’ gedreht. Eine Art heidnisch-mystischer home movie - seltsam und wundervoll zugleich. Auch die Musik der String Band klingt ungewöhnlich, sie hat was handgemachtes und verspieltes: Keltischer Folk mit Elementen indischer Musik und unkonventionellen Iinstrumenten. Die Texte sind teils versponnen, teils ultra-romantisch. Der Gesang enthusiastisch, vielleicht gewöhnungsbedürftig, weil er nicht an gewohnte Pop-Stilrichtungen anknüpft. Es klingt – man will nicht sagen, schnarrend oder eindringlich – aber fast mittelalterlich, mit Ansätzen der Viertelton-Skala zentraleuropäischer Volksmusik. Darüber hinaus sah die Band aus wie eine Truppe von Spieklleuten aus einem Tolkien-Roman. Die String Band war, wenn auch in Deutschland etwas weniger bekannt, kultig und einflussreich in Britannien. Verehrt von Leuten wie Led Zeppelins Page und Plant und dem Kult-DJ John Peel. Auf ihrem Zenith um 1968 hatte die Band sogar Albumchart-Erfolg. Dabei war es gerade ihr scheinbarer Mangel an kommerziellen Ambitionen, der viele Leute in den 60er Jahren ansprach. Attraktiv wirkte auch das romantische Lebensbild das Robin, Mike und ihre sympathisch-laienhaft mitmusizierenden Freundinnen Rose Simpson und Christina ‘Licorice’ McKechnie ausstrahlten. Die Band lebte zeitweise zusammen in Kommunen in Schottland und, im Sommer von 1968, an der Westküste von Wales. In dem ca. 50 Min. Doku das den Dolmen-Film begleitet und auf der DVD ‘Be Glad for the Song has no Ending‘ (1970) erhältlich ist, sieht man die Frauen mit langen Röcken, barfuß im Wald spazieren und Zuhause beim Sticken. Wir sehen die Band beim Musikmachen, alle vier auf einer großen Decke im Studio, umgeben von Gitarren, Flöten, Sitar und indischen Tablas, Sitar, Vina, Soondri und Sarangi. Nicht zu vergessen, die Gimbri-Berberlauten und die arabische Oud. Bekommen Sie langsam ein Bild von der Incredible String Band? Ehrlich gesagt, es erstaunt uns selber dass die merkwürdige Musik der String Band – die wir als Teenager eher als Kuriosität empfanden – heute fast besser klingt als je zuvor. The song has no ending? Tatsächlich ist die Musik nicht verstummt, in der Tat, die Incredible String Band hat einige der besten Alben aller Zeiten aufgenommen. Es ist uns eine Freude, diese bemerkenswerte Gruppe, ihre Lieder und ihre Geschichte in dieser Serie zu besprechen.

Wie kann man die Incredible String Band am besten kennenlernen? Anstatt wie sonst, ein spezifisches Lied zu besprechen, erscheint uns obengenannte DVD ‘Be Glad for the Song has no Ending‘ (1970) optimal dazu geeignet, die Band, ihre Musik und ihr künstlerisches Weltbild kennenzulernen. Mit insgesamt ca. 80 Minuten, enthält die DVD eine Dokumentation über die Gruppe, inklusive Live-Musik, Interviews mit den Bandmitgliedern und dem Filmemacher Peter Neal. Mit dabei ist auch der oben erwähnte Kultfilm ‘The Pirate and the Crystal Ball’ vom Dolmen-Monument Pentre Ifan. Von Musik untermalt, mutet dieser Film surrealistisch und irgendwie…schamanistisch an, so wie man sich vielleicht antikes Mysterien-Theater vorstellt. Aber die Band vermeidet, dabei pompös oder bitterernst rüberzukommen. So bekommt der Film einen märchenhaften, künstlerischen Rahmen, eher als sich wie eine Anleitung für andere darzustellen. Der Film hat auch nicht die bedrohliche Atmosphäre von, beispielsweise, ‘The Wicker Man’ (1973) sondern ist näher an Monty Python. Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, folgt unsere Zusammenfassung

Beschreibung des Kultfilms ‘The Pirate & the Crystal Ball’? Ein Pirat kommt vom Meer ans Land und sieht drei schöne Frauen mit Blumen in ihren Haaren. Er folgt ihnen zu den Dolmen von Pentre Ifan, wo sie, Nornen ähnlich, scheinbar mit einem Schicksalsfaden und einer Kristalkugel beschäftigt sind. Der Pirat stiehlt die Kugel und läuft damit durch den Wald davon. Eine Art Vogel-Mensch verfolgt ihn, wird aber von dem Piraten getötet. Dann nimmt er die drei weisen Frauen gefangen. Als der Pirat nach einem Gelage einschläft, machen die drei Frauen einen Kreis aus weißen Steinen und vollziehen ein Ritual bei dem ein Gott mit einem Hirschgeweih aus dem Nebel erscheint. Der Pirat versucht den Hirsch-Gott zu töten, wird aber von ihm außer Gefecht gesetzt und dann von zwei Göttern einer Art Geisteraustreibung unterzogen. Dabei sehen wir die apokalyptischen Träume des Piraten, archaische Bilder von einer imaginären Hölle, vom Tod, von einer Spinnenfrau usw. Es folgen Bilder aus Kinderreimen und Frauen die um ein Einhorn herum tanzen (diese Szene ist übrigens auf dem DVD-Cover abgebildet). Dann sehen wir eine Mühle am Fluss und ein großes Mühlrad. Wir hören das Geschrei eines neugeborenen Kindes und der Pirat wird, so scheint es, als neuer Mensch in der Familie eines Müllers wiedergeboren. Der Hirsch-Gott gibt den Seherinnen die Kristallkugel zurück und am Ende sieht man die drei Hippie-Priesterinnen, mit jeweils einem Apfel, einen Spiegel und einem weißen Hasen in ihren Händen. Hinweis: Die Tatsache dass auf YouTube zwei Teile des Films als The Pirate & the Crystal Ball (1/2) und The Pirate & the Crystal Ball (2/2) zu finden sind, erweckt fälschlicherweise den Eindruck dass der Film dort komplett vorhanden ist. Ist er aber nicht. Die Traum-Sequenz und das Ende mit dert Wiedergeburt fehlt. Dadurch verliert der Film völlig seine Pointe. Außerdem ist es viel besser, den Film im Kontext des Dokus über die String Band zu sehen

Infos zum Dreh von ‘Be Glad for the Song has no Ending’? Der Dokumentar-Teil der DVD, mit Interviews und Live-Musik, wurde über den Zeitraum eines Jahres gefilmt, Start etwa Frühjahr 1968. Der Dreh für die Fabel ‘The Pirate and the Crystal Ball‘ fand im Sommer 1968 im walisischen Pembrokeshire statt. Die Band und einige Freunde und Bekannte lebten dort in einem Bauernhaus namens Penwern (Bei Google-Suche beachten dass Penwern in Wales ein häufiger Name für Häuser ist), ca. 1 km nördlich von den Dolmen von Pentre Ifan. Die Müllers-Familie in T’he Pirate and the Crystal Ball’ ist die Bauernfamilie Mr. & Mrs. Luke, von der die Incredible String Band das Haus mietete. Obwohl die Band zwischenzeitig auf Tour ging, blieb Pembrokeshire noch Monate nach dem Dreh ihr Zuhause. Die Band gab zu Weihnachten 1968 dort sogar ein kleines Konzert mit improvisiertem Theater in einer Scheune. Einige ortsansässige Waliser erinnern sich heute noch an den unkonventionellen Kleidungsstil der Bandmitglieder oder – in Christina ‘Licorice’ McKechnies Fall – ihre Angewohnheit splitternackt rumzulaufen. Der walsisische Winter machte dererlei Treiben allerdings einen Strich durch die Rechnung: Es war so kalt in Pernwern dass einige Bandmitglieder in ein wärmeres Haus namens Trehaid nahebei zogen. Die Band und einige Freunde und Freundinnen (die in selbstgemachten Kostümen ebenfalls Rollen in ‘The Pirate and the Crystal Ball’ spielen) hatten zu dem Zeitpunkt noch sehr wenig Geld und lebten von einem großen Sack mit braunem Reis der einigen Leuten mit der Zeit so zum Halse raushing dass sie sich gelegentlich in einen Laden in Velindre Süßigkeiten holten. Wer Integral-Reis kennt, wird das den Leuten nicht ganz so übelnehmen

Kommentare von Filmregisseur Peter Neal? Ein interessantes Thema das Peter Neal in dem etwa 25 Min. langen Interview auf der Be-Glad-DVD anspricht, ist das spezifisch britische an der Incredible String Band. Neal sagt dass ihm die Band ein Gefühl von Britanniens Reichtum an Mythologie, Folklore und Brauchtum vermittelte, und er hat die Theorie dass diese Dinge aus dem Land, aus der eigentlichen Landschaft entspringen zu scheinen und die Menschen eines Landes prägen. Für ihn hat das Ganze etwas mit dem Zusammenspiel von Klängen oder Schwingungen zu tun die von der Landschaft und der Erde abgegeben werden und zusammen subtile Melodien erschaffen die von sensiblen Menschen, so wie vielleicht Shamanen oder auch manchen Musikern wahrgenommen und in Lieder, Rituale etc. umgesetzt werden können. Unser Kommentar dazu: Das ‘klingt’ im wahrsten Sinne wundervoll und ist wahrscheinlich schwer zu beweisen. Aber immerhin geben manche Landschaften Klänge von sich die jeder kennt wie zum Beispiel das berühmte ‘Rauschen im Walde’. Vielleicht haben wir hier eine Art Hippie-Heimatfilm

Interviews mit der Incredible String Band? Die Band selber ist nicht sehr analytisch oder spezifisch bei den Gesprächen die auf dieser DVD enthalten sind. Mike Heron sagt, wenn er seine Lieder erklären könnte, bräuchte er sie nicht zu singen. Robin Williamson sagt dass sich jeder Mensch sein eigenes Universum schafft, und dass er seines, das seiner Gedichte und Musikstücke, hauptsächlich aus Spaß schafft. Er kann nicht anders, erklärt er. Der Mangel an Berechnung und der jugendliche Enthusiasmus der Band wirkt meist etwas stoned. Was aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Fall war

Gab es vor Tausenden von Jahren wirklich solche Rituale bei Dolmen-Monumenten? Unser Kommentar dazu: Dass Dolmen als Kult- oder Grabstätte eine rituelle Funktion hatten steht heute fest. Dass solche und andere steinzeitlichen Monumente auch etwas mit dem Übergang vom Leben zum Tod , vielleicht auch mit einer Vorstellung von Wiedergeburt zu tun hatten, wird angenommen. Aber über das was bei Stätten wie Pentre Ifan oder auch bei Steinkreisen genau vor sich ging, können wir bis heute nur mutmaßen. Die String Band scheint mit der Thematik von den Nornen und dem Schicksalsfaden auf sehr alte europäische Mythologien zurückzugreifen. Die Götterfigur mit dem Hirschgeweih zum Beispiel, ist aus der keltischen Mythologie bekannt und durch Artefakte belegt. Können uralte Riten auf künstlerische Weise erfasst werden? Muss man vielleicht selber in die Welt der Träume eintreten um die Sichtweise vergangener Kulte zu erleben und darzustellen? Eine wissenschafttlich anerkannte Vorgehensweise wäre es nicht!

Kann man das Dolmen-Monument im Film der Incredible String Band heute besuchen? Ja. Es gibt um die 150 Dolmen-Monumente in Wales aber Pentre Ifan aus oben erwähnten Musikfilm ist eins der besten. Fahren Sie in der walischen Grafschaft Pembrokeshire zum Küstenstädtchen Newport (nicht verwechseln mit der Stadt Newport in der Grafschaft Gwent). Das Monument Pentre Ifan liegt etwa 3 km. südöstlich von Newport. Fast jeder kennt es und es ist einigermaßen ausgeschildert. Im Zweifelsfall fragen. Monument und Ausblick auf die Bucht von Newport sind eindrucksvoll. Pentre Ifan wird, mit Bezug auf eine walisische Fruchtbarkeitsgöttin, im Volksmund Ceridwens Gebärmutter genannt. Als wir bei Pentre Ifan waren, gab es keinen Touristenrummel, keine Umzäunung, aber eine gute Info-Tafel. In der Nähe ist das rekonstruierte Eisenzeitdorf Castell Henllys das eine archäologisch fundierte Perspektive zu prähistorischen Lebensweisen bietet. Unterkunft? Es gibt in Pembrokeshire einige Jugendherbergen, z. B. im nahen Newport. Auch interessant: Im Umkreis von ein paar Kilometern von Pentre Ifan, ca. 2 km nordwestlich vom Dorf Mynachlog Ddu, ist die Felsgruppe Carn Menyn, der Ort wo vor ca. 4500 Jahren die sog. Bluestones für das hunderte Kilometer entfernte Stonehenge geholt wurden

Warum war Woodstock ein Reinfall für die Incredible String Band? ISB war fast die einzige Gruppe für die sich das Woodstock-Festival im Jahr 1969 nicht als Karriereschub erwies. Die Band sagte kurz vor ihrem Auftritt aufgrund starken Regens ab, u. a. aus Sorge um ihre Sammlung exotischer Instrumente. Statt der ISB sprang die damals unbekannte Sängerin Melanie ein, spielte im Regen und wurde weltberühmt. Für die String Band war auch der Termin am nächsten Tag trotz des guten Wetters ungünstig da direkt nach den Mega-Bluesrockern Canned Heat. Von der String Band und ihren filigranen Klängen, im Schneidersitz gespielt, wurde nach Canned Heat kaum Notiz genommen. Obwohl sie ganz gut spielten (Clip), kam ISB nicht auf den Soundtrack des Woodstock-Films der um die Welt ging und fast alle Teilnehmer zu Haushaltsnamen machte. Manager Joe Boyd bedauert im Rückblick dass er der Band zwar empfahl, zu spielen aber nicht hart darauf bestand. Eine Band die ähnliches Pech hatte (u. a. mit Stromschlägen vom Equipment) war Grateful Dead. Aber der ISB-Mann Robin Williamson machte auf dem Festival immerhin Bekanntschaft mit dem Grateful Dead-Keyboarder Tom Constanten, was dazu führte dass Constanten an dem ISB-Album U (1970) mitarbeitete. Zudem nahmen Grateful Dead nach Woodstock die ISB als Vorgruppe mit auf Tour. Und erfreulicherweise sind auf der ‘Woodstock 40. Anniversary‘ 6-CD Box (2009) unter 38 unveröffentlichten Aufnahmen diesmal endlich beide Bands dabei. Die Incredible String Band mit ‘The Letter‘ und ‘When You Find Out Who You Are‘. Und Grateful Dead mit einer gar nicht so schlechten Version des Klassikers ‘Dark Star‘. Manchmal dauert es halt ein paar Jahrzehntchen bis alles im Lot ist

Die schönsten Albumcover der Incredible String Band? Wir erwähnten eingangs den Gaukler-Look, besonders in den ersten Jahren der Band. Es gibt kaum ein schöneres Beispiel dafür als as Cover des Album-Klassikers ‘The Hangman’s Beautiful Daughter’ (1968). Das Foto mit Band, Freunden, Kindern, Harry-Potter-Hütten und Likkys Hund wurde vor über 40 Jahren gemacht und hat einen so hohen Gaukler-Faktor dass man sich entweder darüber schieflachen kann oder, mit Tränen der Rührung in den Augen, den Leuten eine warme Mahlzeit und Denkmalschutz verschaffen möchte. Mike Heron steht links außen mit einer gelben Maske in der Hand. Der blonde, bärtige Robin Williamson sitzt im Zentrum, rechts von ihm die dunkelhaarige Rose Simpson und rechts unten im Bild, mit Hund, sitzt Christina ‘Licorice’ McKechnie. Die Kinder heißen Robbie, Edie, Alan Marty und Tink. Edie, das Mädchen vorne mit dem kleinen grünen Hut verstarb, soweit wir wissen, im Alter von 21 Jahren. Ihre Schwester Tink, neben ihr, mit rotem Pullover, wurde Tierärztin und ist heute Mutter. Den anderen Kids geht es heute anscheinend auch gut. Zeit: Weihnachten 1967. Ort: Beim Häuschen der kinderreichen Familie der Amerikanerin Mary Walsh in Balmore, Schottland. Heute ein renommierter Golfplatz. Nothing lasts forever. But that’s part of the beauty

Incredible String Band auf Soundtracks von Hollywood-Filmen? Es freut uns wenn eine unserer eher unbekannteren Lieblingsbands auf Soundtracks erscheint. Wir werten es als Hommage von geheimen ISB-Fans. So war es eine nette Überraschung als in ‘Jersey Girl‘ (2004), einer romantischen Komödie mit Liv Tyler & Ben Affleck, das ISB-Lied ‘Worlds they Rise and Fall‘ auftauchte. Filmstelle: Als Gertie an ihrem ersten Schultag aus dem Tor gelaufen kommt – ein tolles Lied mit Text und Stimme von Mike Heron. Auch gut dass ISB-Mann Robin Williamson auf dem Soundtrack des George-Lucas-Fantasiefilm ‘Willow‘ (1988) als Harfen- und Dudelsackspieler dabei ist. Das Lied ‘Worlds they Rise and Fall’ ist auch in ‘Marrakesch‘ (1999), einem Film mit Kate Winslet über Hippie-Leben im Marokko der frühen 70er Jahre. Der Film der unseren Lesern wahrscheinlich am besten gefallen wird, ist ‘L’Heures d’Ete‘ mit Juliette Binoche. Mit englischen Untertiteln als ‘Summer Hours‘ (2008) veröffentlicht. Ein schöner, nachdenklicher (nicht in Hollywood gedrehter) Familienfilm in dem es u. a. um das Spannungsfeld zwischen kulturellem Erbe und Globalisierung geht. Hier ein Trailer für ‘L’Heures d’Ete‘ der das Lied ‘Little Cloud’ vom String Band Album ‘5000 Spirits‘ (1967) enthält. Die Harfenmusik im Trailer und im Film ist von neueren Soloalben von Robin Williamson, am Anfang z. B. das Lied Loftus Jones von Robins exzellentem Album ‘The Iron Stone’ (2006). L’Heures d’Ete entstand übrigens in Zusammenarbeit mit dem Musée d’Orsay, dessen Kunstsammlung und Restorations- und Instandhaltungsarbeit im Film eine Rolle spielen. Die Kunstgegenstände werden im Abspann detailliert aufgelistet. Da im Abspann nichts von ‘musikalischer Beratung’ steht, vermuten wir dass Regisseu Olivier Assayasr (geb. 1955) ein echter ISB-Fan ist, und gratulieren ihm. Gibt es deutsche Filme die Museen und Folkmusik einbeziehen?

Warum ging die Incredible String Band auseinander? Dass Rose und Licorice Anfang der 70er Jahre die Band verließen, erscheint wie ein Wendepunkt, auch wenn die beiden technisch keine super versierten Musiker waren. Mit ihrem verträumt wirkenden Aussehen, der markanten hohen Gesangsstimme und der stoischen Art jedes Musikinstrument zu lernen das Mike und Robin ihnen in die Hand drückten, waren sie definitiv ein Teil des naiven Charms der Band: Eine Art Abba für Hippies. Auch der Versuch von Mike Heron, die folkige String Band zu einer Art Rockgruppe mit Schlagzeug und E-Gitarren zu entwickeln, entpuppte sich als problematisch. Mike und Robin nahmen statt der Mädchen verschiedene Freunde, Tänzer und oftmals wechselnde Musiker in die Band auf. Neue, oft zahlreiche Musiker und aufwendige Bühnenshows verwässerten die natürliche Essenz der Band die vorher speziell von dem komplexen Zusammenspiel und dem künstlerischen Wetteifer von Mike & Robin profitiert hatte. Manager Joe Boyd, der bis dato erfolgreich als Ratgeber für die Band, war scheinbar nicht von dem neuen Konzept angetan und beendete seine Zusammenarbeit. Die zahlreichen Auftritte, auch in größeren Hallen in den 70er Jahren waren erfolgreich aber auch aufreibend und, zumindest für Robin der lieber akustische statt elektrischer Musik mochte, anscheinend etwas deprimierend. Nichtsdestotrotz: Obwohl wir persönlich speziell die ersten vier ISB-Alben, bis inklusive dem 2-Album-Set ‘Wee Tam & The Big Huge‘ (1968) als Mega-Klassiker ansehen, enthalten auch die 8 späteren Alben, bis zum Ende der Band in 1974, noch viele erstaunlich gute Lieder, von denen wir einige im Laufe dieser Serie genauer besprechen werden

Geschichten und Anekdoten von der Incredible String Band? In dieser Hinsicht empfehlen wir Lesern die einigermaßen Englisch beherrschen, speziell folgende drei Sachen: Das schlichtweg wundervolle, von Adrian Whittaker zusammengestellte Buch ‘Be Glad: An Incredible String Band Compendium‘ (2003) auf das wir noch öfters in dieser Serie zurückkommen werden. ISB-Fans können wir nur empfehlen: Kaufen, solange man noch Exemplare dieses vergriffenen Buchs aufgabeln kann, Amazon-Links folgen am Ende des Artikels. Ein weiteres gutes Buch, vor allem über die schottische Folkszene der frühen 60er Jahre in Edinburgh und Glasgow wo sich die Wege der ISB mit einflussreichen Leuten wie Davey Graham und dem zukünftigen Pentangle-Gitarristen Bert Jansch und vielen anderen Musikern kreuzten, fanden wir Colin Harpers ‘Dazzling Stranger: Bert Jansch and the British Folk and Blues Revival‘ (2000). Anscheinend war der erste Auftritt in dem Robin Williamson Beachtung fand, in Edinburghs ‘Camera Obscura’ in 1961, wobei er Berichten zufolge nicht sehr alternativ sondern ziemlich ‘middleclass‘ wirkte. Robin und Bert Jansch teilten sich um diese Zeit ein Apartment in einem ärmlichen Teil von Edinburgh, so kalt und feucht dass die beiden mitten im Zimmer ein Zelt aufbauten. Robin teilte sich mit Jansch auch eine ziemlich gute Gitarre, eine Levin, die Robin von einem Typ hatte der sich entschieden hatte, Trappistenmönch zu werden. Wir schätzen, wenn der Mann durch diesen selbstlosen Akt, der String Band auf die Sprünge half, verdient er definitiv Gottes Segen. Unser dritter Buchtipp ist ‘White Bicycles: Making Music in the 1960s‘ (2006) von ISB-Entdecker und Produzent Joe Boyd: Das ISB-Hippie-Idyll das mancher in dieser Redaktion so rührend findet, wurde durch Boyds Enthüllung getrübt, dass weder Mike und Robin, noch Rose und Licorice besonders gut miteinander auskamen, genauer gesagt, sich nicht ausstehen konnten. Zudem stand Robin angeblich unter dem Pantoffel der stillen aber launigen Licorice. Wir waren schockiert. Sollten wir Boyd treffen, werden wir ihn durchschütteln und sagen, Say it ain’t so, Joe!

Was machten Mike, Robin, Licorice & Rose nach der Incredible String Band? Traurig ist dass Licorice McKechnie 1979 in Amerika sprichwörtlich verschollen gegangen ist, zuletzt gesehen, so scheint es, beim Start einer Wüstenexkursion. Nicht ganz auszuschließen das sie tot ist, obwohl manche glauben dass sie anonym als Nonne in einem katholischen Kloster lebt. Rose Simpson ist wohlauf. Sie lebt in Wales, hat Kinder, macht keine Musik mehr, hat aber die ISB-Zeiten, anhand eines Interviews dass wir sahen, in sehr liebevoller Erinnerung. Robin und Mike sind ebenfalls wohlauf und bis heute musikalisch aktiv. Mike, das ist der dunkelhaarige von den beiden, scheint es etwas schwieriger gefunden zu haben, sein Talent auf Soloalben festzunageln: Anhand von ‘The Glen Row Tapes‘ (2007) einem Kompilations-Doppel-CD mit 27 Liedern die Mike nach seiner Zeit mit ISB aufnahm, würden wir sagen, Mike klingt am besten wenn er seine markante Stimme, seine schönen Lyrics und Melodien mit folkig-akustischer Gitarre oder Piano begleitet, ohne zuviel Rock- und Pop-typischen Produktions-Krimskrams hinzuzufügen. Es freut uns dass Mike in den letzten Jahren wieder ziemlich aktiv mit ISB-Reunions und ISB-Tributprojekten im Gange ist. Mike tritt u. a. auch mit seiner Tochter, der klassischen Pianistin Georgia Seddon auf. Wir wünschen uns ein Buch von Mr. Heron! (Mehr dazu im nächsten Absatz). Mikes früherer ISB-Kumpan Robin Williamson ist, rein kommerziell betrachtet, auch nicht zum Megastar geworden aber seine Solowerke, immer noch von sehr von keltischen Themen geprägt, haben einen starken Fokus, in der Tat, sie sind absolut wundervoll. Sein Werk seit der String Band ist so umfangreich dass man es mit ein paar Sätzen nicht zusammenfassen kann. Es ist der Stoff zukünftiger Artikel dieser Serie. Nur so viel: Robin Williamson, der heute in Wales lebt, ist für uns der ultimative keltische Barde. Wir schätzen, für Leser die Musik von Leuten wie Van Morrison und Alan Stivell mögen, wird Williamson eine schöne Entdeckung sein. Wo soll man unter seinen Dutzenden von Alben anfangen? Dazu hätten wir von Robin als Landkarte gerne einen Box-Set mit umfassenden Booklet voller Kommentare – bis dahin ist sein Album ‘Songs of Love & Parting‘ (1981) das jetzt mit den Bonustracks ‘Five Bardic Mysteries’ erhältlich ist, ein empfehlenswerter Start. Amazon-Links am Ende des Artikels

Wann gibt es endlich Autobiografien von Mike & Robin? Höchste Zeit, dass Verlage Bücher in Auftrag geben. Die beiden Abenteuerer haben tolle Geschichten zu erzählen und können, anhand ihrer Album Liner Notes, gut erzählen und schreiben. Hier, frei von uns aus dem englischen Original nacherzählt, etwas von Mike Herons Erinnerungen im Booklet von ‘Across the Airwaves: BBC Radio Recordings 1969-74‘ (2007): Robin und Likky lebten in der obersten Etage eines Hauses mit Ausblick auf Princes Street Garden. Die Wohnung war komplett weßi angemalt, an den Wänden chinesische Zeichnungen, am Fenster eine Schnur mit Knoblauch und es gab Filterkaffee mit Sahne und geriebenem Zimt. Gott, es war eine echte Beatnik-Bude! Ich lebte immer noch bei meinen Eltern und irgend was klickte bei mir, die Koordinaten verschoben sich, speziell als Likky eintrat. Robin und ich waren gerade dabei, einige Lieder von Ewan McColl auszuarbeiten, Lieder über Steinkohle und Fischfang, als ich ihr blasses, lächelndes Gesicht sah. Unter ihrem Jackett trug sie ein Nachthemd aus Viktorianischen Zeiten das runter bis zu den Riemen ihrer Römersandalen reichte. Sie trug Taschen voll mit kleinen Knochen, Stöcken, Steinen und Muscheln: Die Ernte ihres Nachmittagsspaziergang. Mike, we want more of your stories!

Leser bei Konzerten von der Incredible String Band? Wir versuchen im Laufe unserer Top-10-Serien alles zu erörtern was mit unseren Lieblingsbands zu tun hat, sind aber bei einigen der Bands nicht (ganz) alt genug um sie noch im Konzert gesehen zu haben. Anhand des oben erwähnten BBC-Live-Sets war die String Band live sehr gut und hatte zudem einen guten Rapport mit dem Publikum, Vielleicht gibt es Leser die bei Konzerten dabei waren und Lust haben, ein paar Erinnerungen mit uns zu teilen.

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