2002 BBC radio dramatisation online of Simenon's thriller 'A Man's Head' (1931). One of the main locations is La Coupole, where Simenon hung out in the 1920's. Above, photo of him with his wife Tigy (left) and famous singer Josephine Baker

Hörspiel nach Georges Simenon von 2002 mit vielen guten Sprechern. Link am Ende des Posts. Die Romanvorlage um einen unschuldig zum Tode verurteilten Mann erschien 1931 und gehört zu seinen besten. Zudem mit Verbindungen zum abenteuerlichen Leben des Autors. Deshalb habe ich der Simenon-Biografie, links im Bild, zwei Fotos hinzugefügt. Kann man zum Vergrößern anklicken. Einer der Haupthandlungsorte ist eine Brasserie in Paris namens La Coupole, siehe linkes Foto, wo man in den 30er Jahren Leute wie Picasso, Édith Piaf, Ernest Hemingway, Marlène Dietrich, Jean-Paul Sartre antraf. Auf dem rechten Foto ist der junge Georges Simenon 1926 am Tisch im Coupole zu sehen. Er schrieb über Orte die er kannte. Links von ihm ist seine knabenhaft aussehende Ehefrau Tigy, rechts von ihm, einer der größten damaligen Stars in Paris: Tänzerin und Sängerin Josephine Baker. Eine der vielen Liebesaffairen des Autors. Die Simenon-Biografie von Patrick Marnham gibt es auch auf Deutsch. Titel: Der Mann, der nicht Maigret war (1992). Auf meiner englischen Ausgabe prangt eine Empfehlung der Krimiautorin P. D. James. Simenon und Kommissar Maigret haben viele Fans in England. Obwohl, oder vielleicht genau weil sie so ein Kontrast zu britischen Krimis à la Agatha Christie und P. D. James sind. Simenons Täter findet man weniger im ehrenwerten, abgeschiedenen Kreis von Landhäusern oder Luxuszügen, sondern auf der Straße, in Bistros, in Markthallen. Simenon brachte einen damals ungewöhnlichen, harschen Realismus zum Krimi-Genre. Und auch eine neue Sichtweise von Kriminellen: Verbrecher sind für Georges Simenon (1903-1989) nicht die Anderen sondern Menschen die dem Normalbürger ähnlicher sind als man es wahr haben will.

Vergessen Sie nicht, dass der Polizist oft in der selben Straße geboren wurde wie der Kriminelle, dass er eine ähnliche Kindheit hatte, Süßigkeiten vom selben Süßigkeitenladen stahl. Tief in seinem Innersten versteht der Polizist den Kriminellen – denn er hätte so leicht selber einer werden können. (Ausschnitt aus einem Interview mit George Simenon vom Jahr 1963)

Book in the previous photo is the Simenon biography 'The Man who wasn't Maigret' (1992) by Patrick Marnham. Above, a German edition of A Man 's Head, from publishers Diogenes

Der junge Georges Simenon war als Teenager in seiner belgischen Geburtsstadt Lüttich, zu Zeiten der deutschen Besatzung, selber nicht so weit davon entfernt, ins kriminelle Milieu zu schlittern. Er kam aus einfachen Verhältnissen, verließ die Schule mit 15 und verdiente sich mit seinem Cousin Alfred Peeters durch Alkoholverkauf auf dem Schwarzmarkt sein Geld. Eine faszinierende Geschichte, wie der junge Simenon es schaffte, noch bevor er 30 war, zu einem der reichsten und meist gelesenen Autoren der Welt zu werden. Er war schon im Alter von 12, 13 als lesebegierig aufgefallen. Die Register der Leihbücherei des Collège Saint-Louis zeigen dass der junge Simenon mitunter Bücher von Fenimore Cooper, Charles Dickens, Walter Scott, Balzac und Dumas auslieh. Begonnen hatte seine Leselust damit dass seine Mutter zuhause Zimmer an ausländische Studenten vermietete. Simenon erinnert sich vor allem an russischen Studentinnen die ihn mit russischen Autoren vertraut machten. Was Simenons späteres Leben als Starautor betrifft, habe ich den Eindruck dass seine glücklichsten Tage in den 20er und 30er Jahren im Pariser Künstlerviertel Montparnasse waren. Hier spielt auch der Roman in dem Maigret einen Mann den er für unschuldig hält, vor der Guillotine retten will. Obwohl alle Umstände, inklusive Fingerabdrücken am Tatort, darauf hindeuten dass ein junger Mann namens Joseph Heurtin einen brutalen Doppelmord begangen hat. Maigret geht ein großes Risiko ein, indem er Heurtin absichtlich aus dem berüchtigten Santé-Gefängnis entkommen lässt – in der Hoffnung dass er ihn zu einem Hintermann oder dem wahren Täter führt. Die Spur führt zur kultigen Brasserie La Coupole:

Am Montparnasse herrschte Hochbetrieb. Maigret steuerte auf das Coupole zu. Das Lokal war zum  Bersten voll. Gläser und Teller klapperten, während die Gäste sich durch Zurufe in verschiedenen Sprachen verständigten. Und doch herrschte der Eindruck, dass Gäste, Barmixer und Kellner sich alle kannten. Die Leute gingen ungezwungen miteinander um – ob es eine junge Dame oder ein Fabrikant, oder ein estländischer Kunstjünger war. (Passage aus ‘Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes’)

Die Maigret-Romane sind nicht nur gute Krimis sondern auch ein Stück Zeitgeschichte, und ein Stück Paris. Eine Welt die zum Teil verschwunden ist, aber zum Teil noch existiert und besucht werden kann. Vielleicht mit ein paar Simenon-Romanen und einem Stadtplan – der übrigens in obiger Romanausgabe vom Diogenes Verlag vorhanden ist. Voilà. Auf den Spuren von Maigret, in Montparnasse, in den Markthallen, Bistros, Bahnhöfen und Friedhöfen von Paris…und dem Quai des Orfèvres wo Maigrets Büro ist. Ich wünsche gute Unterhaltung beim Hörspiel nach einem der düstersten und besten Romane von Georges Simenon.

 

 

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Simenon: ’Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes’ als Hörspiel von 2003 Das BBC-Hörspiel A Man’s Head. Mit Nicholas Le Prevost (als Maigret), Ron Cook (Sgt. Lucas), Ifan Meredith (als Johann Radek), Ben Crowe (als Joseph Heurtin), Paul Birchard (Mr. Kirby), Tom George (Janvier), Philip Fox (Untersuchungsrichter Coméliau), Jane Whittenshaw (Edna), Beth Chalmers (Mrs Kirby), Philip Fox (Bob), Ben Crowe (Dufour), Jane Whittenshaw (Mutter), Julian Barnes (Simenon). Musik: Lucinda Mason Brown. Bearbeitung: David Cregan. Regie: Ned Chaillet. Hinweis: Manche Nebenfiguren haben auf Englisch andere Namen als auf Französisch

Doku über Simenon Patricks Marnhams oben erwähnte Biografie, deutscher Titel Der Mann der nicht Maigret war (1992) diente auch als Basis für den Dokumentarfilm The Man Who Wasn’t Maigret (2003) von Regisseur Manu Riche. Hier ein Filmausschnitt in dem man Marnham beim Besuch in Simenons Schweizer Villa ‘Epalinges’ sieht, und den Eindruck bekommt dass er sich ziemlich tief mit Simenons Leben befasst hat

Radio-Dokumentation Ein gutes NDR-Feature über Georges Simenon von 2009. Autor: Christoph Vormweg. Redaktion: Hildegard Schulte. Eine Sendung aus der Reihe ‘Zeitzeichen’ vom Norddeutschen Rundfunk

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