Plattenspieler und LP-Cover als Designklassiker

Bei den Vorbereitungen zu dieser Serie über Albumcover fiel uns auf wie viel Unterhaltsames und Interessantes die gute alte Schallplattenhülle an Pop-Art, Fotografie und Design hervorgebracht hat. Wir sind nicht so sehr unversöhnliche Kritiker digitaler Klangqualität als dass wir die solide Papphülle mit 31 x 31 cm, ähnlich wie die Nebra-Scheibe, für ein klassisches und besseres Designmedium halten. LP-Cover hatten, mit über 5 x der Fläche einer CD-Box, genügend Raum um sich als Plattform für ambitionierte Künstler anzubieten. De facto stand dem Designer meist noch viel mehr Arbeitsfläche zu Verfügung. Denn viele LPs steckten in Gatefolds oder Klappcovern wie ‘Led Zeppelin IV‘ (1971), wo erst beim Aufklappen der Hülle klar wird dass man auf die Wand einer alten Ruine in einem Neubaugebiet blickt. Bei manchen LPs gingen solche visuellen Gedankenspiele auch im Inneren des Klappcovers weiter, siehe  Pink Floyds ‘Dark Side‘ (1973) wo der prismatisierte Lichtstrahl im Inneren des Covers zum Herzschlag in einem Elektrokardiogramm zu mutieren scheint. Mit solchen oder ähnlichen Betrachtungen über Gott und die Welt konnte man sich beim Anhören und Drehen und Wenden einer LP damals ein gutes Weilchen beschäftigen. Eine neue LP war ein Erlebnis. Und dieser interaktive Aspekt, dieser Austausch zwischen Musikern, Designer und Albumbesitzer trug dazu bei dass aufwendig gestaltete Alben, wie z. B. Beatles’ Sgt. Pepper oft als Gesamtkunstwerk und kulturelle Ikone gesehen werden, Damit kann die typische 12 x 12 cm CD-Verpackung nicht mithalten. Ehrbare Ausnahmen, wie gut gestaltete Digi-Pak-CDs, Box-Sets und Papersleeve-CDs machen die Design-Schwächen von Standard-CDs noch deutlicher: Viele CDs scheinen auf Sparflamme produziert zu werden, als ob die Designer sich mit dem Status einen kurzlebigen Gebrauchsgegenstands (aus merkwürdig zerbrechlichem Plastik) abgefunden hätten. Wobei das Format MP3 noch einen Schritt weitergeht und das synergische Konzept Musik + Kunst + Gebrauchsgegenstand so gut wie ganz abschafft. Hier sind Alben im Grunde nur noch eine abrufbare Dienstleistung. Wem das als Sichtweise hoffnungsloser Romantiker dünkt, sei trocken vorgerechnet dass MP3 praktisch keinen Wiederverkaufswert, geschweige denn die beträchtliche Wertsteigerung mancher LPs hat. Aber wie dem auch sei, wir bemerken eine Gegenreaktion, zumindest anhand der steigenden Zahl von Vinyl-LPs in Musikgeschäften. Auch bei Amazon, wo mittlerweile viele gute Alben wieder als Vinyl-LPs erhältlich sind. Ok, das glorreiche Format der Schallplattencover wird nie wieder die Vorherrschaft haben. Aber es wird überleben. Weil es was taugt. Weil es sich gut anfühlt, Und weil Sie ein, zwei oder drei von den Dingern auf Ihren Kaminsims stellen können und dann für sich selbst entscheiden können was Kunst ist, was Pop-Art ist, was originelles Design oder einfach nur ein faszinierendes Zeitdokument ist. In dieser Serie über Vinyl-Alben werden wir in jedem Artikel einen bestimmten Albumklassiker genauer besprechen und  auch einen Blick auf thematisch verwandte Albumcover und ihren künstlerischen und zeitgeschichtlichen Hintergrund werfen. Und mit interessanten Infos über die Bands und die Musik aufwarten

Welche LP-Cover finden wir besonders interessant? Von dem in der Ikonographie der Rockmusik weit verbreiteten Genre Science Fiction & Mythologie ist ‘Space Ritual‘ (1973) von der britischen Band Hawkwind einer unserer Favoriten. Dass wir eine Band die zur Sonnenwende bei Stonehenge spielte (siehe auch die DVD Solstice at Stonehenge bei den Amazon-Links am Ende des Artikels) interessant finden, wird Leser kaum überraschen. Aber Hawkwind, die auf dem Album Space Ritual übrigens mit Lemmy, dem späteren Sänger und Bassisten von Motörhead spielen, liefern auch eine recht originelle Mischung aus Proto-Metal-Riffs á la Black Sabbath und experimentellen Klängen von Saxophon, Flöte und hausgemachter Elektronik. Mehr zur Musik später. Den Album-Designer mit dem Künstlernamen Barney Bubbles, eigentlich Chris Fulcher (1942-1983) halten wir für unterbewertet. Der ziemlich jung verstorbene Designer ist relativ unbekannt, zur Zeit gibt es nicht mal einen deutschsprachigen Wiki-Eintrag. Aber der Mann hat mehrere exzellente Albumcover hinterlassen. Neben anderen enigmatischen Hawkwind-Alben wie In Search of Space (1971), Doremi Fasol Latido (1972) und Astounding Sounds, Amazing Music (1976) entwarf Barney Bubbles auch viele Cover für New Wave Alben wie Elvis Costellos ‘Armed Forces(1979) das in seiner UK-LP-Version (die wir neulich hocherfreut in einem Secondhand-Laden aufgabelten) ebenfalls aufklappbar und sehr aufwendig gestaltet ist. Darüber hinaus gestaltete Barney Tour-Poster für die Rolling Stones und berühmte Logos, z.B das britischen Musikmagazins NME. Und wenn der Mann seinen scheinbar langwierigen Kampf gegen klinische Depressionen nicht durch Selbstmord beendet hätte, gäbe es heute sicher noch viele andere Album-Designklassikern. Die Biographie Reasons to be Cheerful: The Life & Work of Barney Bubbles (2008) enthält viele Bilder von seinen Arbeiten und auch Infos über die alternative Londoner Kunstszene der 60er und 70er Jahre. Für uns ist verkörpert Barneys Bubbles Artwork für Space Ritual (1973) auf dem eine rothaarige Schönheit die mit zwei Raubkatzen wie eine prähistorische Göttin anmutet, die romantischen und psychedelischen Aspekte dieser Zeit

Künstlerische und gesellschaftliche Einflüsse auf Sci-Fi & Fantasy-Motive auf Rock-LPs? Interessant, wie stark die seinerzeit eher links positionierte Jugend der 60er und frühen 70er von den Genres Sci-Fi, Fantasy und mythologischen Motiven á la Robert Heinlein und Tolkien beeinflusst war. Nicht nur Hawkwind sondern auch Bands wie Led Zeppelin, Yes, Incredible String Band u. a. bezogen Ideen für Texte, Image, Albumcover und Präsentation bei Konzerten aus keltischen Mythen, Sci-Fi-Büchern und romantischen Vorstellungen über die Megalithkultur. Grund für den Sci-Fi und Mythen-Trend? Vielleicht spielte dabei eine Rolle, dass aus der Sicht vieler junger Leute in den 60er und 70er Jahren, eine kommunale oder spirituelle Ebene im modernen Alltag verloren gegangen war und mit einer Zunahme von Kommerz und korrupter Kriegspolitik verbunden war. Und mit Technologien die als natur- und menschenfeindlich empfundenen wurden, wie z. B. Atomwaffen, Atomkraft und chemisch durchsetzte Landwirtschaft. Solche negativ besetzen Themen galten als Markenzeichen des damals konservativen Establishments, welches somit zur Feindfigur wurde. Man könnte argumentieren dass die Wiederkehr mythologischer Motive in Musik, Kunst, und Literatur eine Art Gegenbewegung zu einem technokratisch-säkularen Zeitalter war. Erstaunlich viele LP-Cover und Konzertposter von ‘alternativen’ Bands der späten 60er und frühen 70er verwendeten stilistische Elemente des Jugendstils. Siehe zum Beispiel Grateful Dead Alben wie American Beauty (1970) vom Design-Team Kelley / Mouse oder Konzertposter des Designers Bob Masse, hier sind deutlich Einflüsse von Jugendstilkünstlern wie Alphonse Mucha (1860-1939) erkennbar. Beim Design von Roger Dean, der viel mit der Prog-Rockband Yes arbeitete, mischten sich Jugendstileinflüsse mit Sci-Fi und Fantasy. Ein weiterer Einfluss auf die mystisch-idealistisch geprägte Rock-LPs der frühen 70er sind Künstlergruppen wie die Präraffaeliten die sich um die Mitte des 19. Jahrhundert – gar nicht so unähnlich wie die Jugend etwa 100 Jahre später – nach einer Rückbesinnung auf die Natur sehnte. Der Einfluss von Bildern aus dem Umfeld der Präraffaeliten, wie Die Meerjungfrau (1901) des mythologisch inspirierten Malers John William Waterhouse (1949-1917), ist auf vielen Alben aus dem Metal-Genre  zu sehen. Beispiel? Staunen Sie kopfschüttelnd über die glorreich übertriebenen präraffaelitischen Elemente auf ‘Bat out of Hell III: The Monster is  loose‘ (2006), von der Fantasy-Künstlerin Julie Bell. Mit  Blondine, bösem Drachen und Retter in der Not. Und einem der besten Alben von good ol’ Meat Loaf

Gatefold: Wie Klappcover in den 70er Jahren die Welt eroberten? Oder wie Gatefolds die Welt kosteten, könnte man hinzufügen. Materialaufwand und Fertigungskosten für Dreifachalben wie das von Barney Bubbles gestaltete ‘Space Ritual’ (1973) von Hawkwind müssen beträchtlich gewesen sein: Wenn man das LP-Cover von Space Ritual komplett aufklappt, wird daraus die Fläche von 95 x 62 cm, oder sechs nebeneinander liegenden LPs. Auf einer Seite ist eine Collage von Fotos eines Hawkwind-Konzerts zusammen mit Sternenkonstellationen und einer ominösen Maske. Auf der anderen Seite ist das Bild eines Embryos im Weltall. Hat da vielleicht jemand Kubricks ‘2001: Odyssee im Weltraum‘ (1968) gesehen? Zudem gibt’s hier eine Mandala-Darstellung und eine babylonische Figur inmitten eines Sternenkreises und – Madame Blavatsky lässt grüßen! – eine Seite mit ‘Infos’ über den Untergang von Atlantis: Als Fluten und Feuer im Jahr 9850 v. Chr. Atlantis versinken liessen, war es das Ende von einem legendären Imperium und einem goldenen Zeitalter der Wissenschaften…’, so übersetzen wir es mal aus dem Englischen. Das Cover von Space Ritual war selbst nach dem Standard der 70er Jahre sehr aufwendig – aber erstaunlicherweise steckten damals fast alle nennenswerten Alben in Klappcovern (siehe ‘Foxtrot (1972) von Genesis u.v.a.), auch wenn sie nur 1 Schallplatte beherbergten. Dem fröhlichen, keine Kosten scheuenden Designer-Treiben wurde eigentlich erst von Punkbands á la Sex Pistols ein Strich durch die Rechnung gemacht. Ein härteres wirtschaftliches Klima ließ idealistische Hippie-Konzepte auf einmal alt aussehen und für viele darauffolgende Jahre reflektierte ein eher harsches, minimalistisches Design den Zeitgeist. C’est la vie. Es bleibt folgende Frage zu Klappcovern und Doppel- und Dreifach-LPs: War die Menge an Bäumen und Öl für LP-Cover und Vinyl-LPs ökologisch vertretbar? Wir finden, für gute Alben, ja. Und die millionenfache Heimbrennerei von Plastik-CDs mit Musik, Filmen, Spielen und Daten hat wahrscheinlich ökologisch mehr auf dem Kerbholz als die Vinyl-LP. Eine gute Idee in dieser Hinsicht kam übrigens von den Progrockern Pink Floyd: Um das Kohlenstoffdioxid auszugleichen das durch das (typisch-enigmatisch von Designer Storm Thorgerson gestaltete) Album ‘Echoes, The Best of Pink Floyd‘ (2001) verursacht wurde, ließ die Band 15.000 Bäume einpflanzen. Na bitte, wo ein Wille, da auch ein Weg

Profit Adieu: Weitere wahnwitzig aufwendige Albumcover? Neben Space Ritual (1973) gefällt uns auch Barney Bubbles Cover für Hawkwinds ‘In Search of Space‘ (1971). Dieses LP-Cover, übrigens aus einer so steifen, dicken Pappe ist wie kein anderes Album das wir kennen, öffnet man, anders als normale Gatefold-Alben die wie ein Buch aufklappen, auf der Vorderseite wie ein zweiteiliges Tor. Hinter dem sphinxähnlichen Gesicht mit geschlossenen Augen, in einer von Sternen umgebenen Pyramide, sieht man dann Konzertszenen von Hawkwind. Man kann das Cover dann hochkant, quasi wie ein Miniatur-Theater aufstellen. Noch aufwendiger ist das LP-Cover von ‘Led Zeppelin III ‘ (1970) mit einer Art psychedelischen Parkscheibe. Ein gutes Beispiel für Design das als kleines Bildchen, als Scan im Internet nicht besonders spektakulär wirkt. Die LP hingegen als Produkt in der Hand zu halten, macht viel Spass. Hier läßt sich die im LP-Cover steckende Pappscheibe so drehen dass die elf Gucklöcher auf der Vorderseite des Albums verschiedene Bilder preisgeben: Ufos die mit Strahlen Luftschiffe angreifen, eine römische Statue, eine Burg, ein Stuhl mit Flügeln etc. Interessant in Hinblick auf die Verbindung zwischen Rock, Mythologie und Science Fiction ist auch Emerson, Lake and Palmers ‘Brain Salad Surgery‘ (1973). Ähnlich wie bei Hawkwinds In Search of Space öffnet man das Albumcover in der Mitte, wodurch dann das verdeckte Gesicht hinter dem stählernen Totenkopf auf der Vorderseite komplett sichtbar wird. Der Designer war der Schweizer H.R. Giger der Jahre später durch seine Entwürfe für das SciFi-Monster Alien (1979) berühmt wurde. Die Band Jethro Tull hatte, neben heidnisch-mythologisch geprägten Liederthemen wie auf dem Album ‘Songs from the Wood‘ (1977), deutlich mehr Humor als die meisten ihrer musikalischen Zeitgenossen und schreckten nicht davor zurück, sich selber auf die Schippe zu nehmen. In Sachen ‘Aufwendige Albumcover’ ist Jethro Tulls ‘Stand Up‘ (1969) schwer zu überbieten: Die wunderbar unschmeichelhaften Karikaturen der Bandmitglieder auf dem Cover werden, wie in einem Pop-up-Buch für Kinder, tatsächlich zu Steh-auf-Männchen und veranschaulichen den Albumtitel. Produktionstechnisch ein teuerer Gag. Eine künstlerische Verbindung zum 19. Jahrhundert besteht bei Jethro Tull dadurch dass Sänger Ian Anderson über mehrere Alben eine Bühnenpersönlichkeit pflegte die auf halbseidenen Nebenfiguren aus Dickens-Romanen zu basieren schienen. Was uns zu Uriah Heep bringt. Die Gruppe nahm ihren Namen von der gleichnamigen Figur in Charles Dickens’ Roman David Copperfield (1849) und war zudem die erste Band die per Silberfolie einen halbwegs funktionsfáhigen Spiegel auf ein LP-Cover installierte. Der Name des Albums war – nur Genies hätten darauf kommen können – ‘Look At Yourself‘ (1971). Sind weitere Beweisstücke nötig um zu zeigen dass der Wahnsinn beim LP-Design Methode hatte?

Vinyl-Trivia: Wussten Sie schon? Laute Passagen nehmen auf Schallplatten mehr Platz ein als leise Passagen. Rock-LPs waren deshalb selten mehr als 45 Min. lang. Eine LP mit leiser Pianomusik könnte theoretisch ca. 60 Min. lang sein. Aber wir finden dass 45 Min. gute Musik für ein Album völlig reicht. Um die heute fast obligatorischen 75 Min einer  CD ‘vollzukriegen’ stecken Bands oft eine Menge Füller drauf

Plattenspieler als Designklassiker? Wir sprechen über Design, deshalb sind auch ein paar Worte zur Hardware, dem Plattenspieler, angebracht. Ist Ihnen aufgefallen dass es in ganz normalen Kaufhäusern und Einkaufszentren mittlerweile wieder Plattenspieler gibt? Hier in unserer Ecke des Planeten ist das erst seit kurzer Zeit wieder der Fall, und das ist ein gutes Zeichen. Wir möchten heute kurz auf zwei sehr verschiedene Arten von Plattenspielern eingehen. Einen davon können Sie bei Amazon kaufen, den anderen, der eher ein Sammlerstück für Design-Freaks ist, kriegt man nur aus zweiter Hand, nämlich den Braun SK 5, im Volksmund Schneewittchensarg genannt, ein Foto veranschaulicht den Namen: Das Ding sieht aus wie eine Kiste. Dazu hat es Radio (Mw & Ukw) und, gemäß Erinnerungen an Europa-Hörspiele und Beatles-Alben auf dem elterlichen Gerät, einen recht vollen, vielleicht etwas mittigen und bassigen Klang. Man kann man den SK 5 aus dem Jahr 1956 (sowie ähnliche Modelle wie SK 4, SK 6 u.a.) der in Zusammenarbeit von Dr. Fritz Eichler und den Designern Hans Gugelot und Dieter Rams entstand, heute ziemlich billig bei Ebay bekommen, dort sind sogar Ersatznadeln zu kriegen. Uns fiel vor kurzem zufällig auf, dass die Firma Braun im Abspann des Stanley Kubrick Films Clockwork Orange (1971) erwähnt wird.

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Der Braun-Look war also mal sehr in – ist es eigentlich immer noch, wurde nur vom Mainstream absorbiert und fällt deshalb weniger auf. Wer anstatt von Designklassikern lieber handfeste technische Vorteile sucht, könnte Computer-kompatible USB-Plattenspieler wie den Omnitronic DD-2520 nützlich finden: Viele Leute haben voreilig ganze Goldminen von Schallplattensammlungen verscherbelt weil sie nicht mehr digital verwertbar zu sein schienen. Glorreiche Überreste dieser Zeit findet man heute gelegentlich noch auf Flohmärkten. Mit einem USB-Plattenspieler können Sie Ihre Vinyl-LPs nicht nur anhören sondern auch fürs Auto oder den alltäglichen Gebrauch unkompliziert zu MP3 und Audio-CDs umwandeln. Was nützlich ist, denn selbst Vinyl-Fans hören unterm Strich oft mehr Musik im Digitalformat – aus praktischen Gründen, wie die Tatsache dass man als Eltern heutzutage fast nur im Auto dazu kommt, völlig ungestört Musik zu hören. Die Original-LPs kann man dann feierlich aus den Hüllen ziehen wenn die Kinder im Bett liegen und Ruhe herrscht. Wer sagt, modernes Leben wäre sinnlos oder ohne Hoffnung?

Kino: Vinyl-LPs und Plattenspieler in Filmen? Graham Greene’s Roman Brighton Rock (1938) hat nichts mit Rockmusik zu tun, der Titel bezieht sich auf eine englische Art von Zuckerstange, aber eine Schallplatte spielt eine prägnante Rolle, hier ein Cover mit Grammofon-Motiv. Es gab in den 30er Jahren Münz-Automaten in denen Leute Aufnahmen ihrer Stimme machten, die sie dann, auf Schellack gebannt, mitnehmen und Zuhause abspielen konnten. Die Verfilmung ‘Brighton Rock‘ (1947), ein Clip, verarbeitet die auf Schallplatte erhaltene Stimme des toten Unholds Pinkie noch genialer als das Buch: Die Platte hat einen Sprung, wodurch die skrupelose, an eine Frau adressierte Botschaft verändert wird und eine Art von spirituellem Hoffnungsschimmer verliehen bekommt. Brighton Rock ist düster, komplex und exzellent. Aber wir wollen auch einen leichtherzigeren Film empfehlen: Auf dem DVD-Cover von ‘High Fidelity’ (2000) prangt eine LP – und Vinyl-Fans kommen tatsächlich auf ihre Kosten. Die Szenen in dem recht gut sortierten Plattenladen Championship Vinyl gefallen uns gut, in der Tat, am besten in dieser romantischen Komödie deren Humor für uns ansonsten noch eine Spur trockener hätte sein können. Aber sei’s drum, denn obwohl das Innere des Plattenladens ein Studio-Filmset ist, waren hier Kenner am Werk die die hoffnungslose living in the past Mentalität von Sammlern fachgerecht auf die Schippe nehmen. Ein Blick auf die LP-Cover im Laden genügt: Bryter Layter von Nick Drake, The Low Spark of High Heeled Boys von Traffic, Made in Japan von Deep Purple, Joe’s Garage von Zappa, plus Alben von Yes, King Crimson und allen üblichen Verdächtigen. Gut dargestellt ist auch die indigne Bevölkerung. Wir dachten immer wir wären introvertiert, aber in Plattenläden trifft man gelegentlich wirklich Zeitgenossen die zusammenzucken wenn man sie anspricht. Ist ja nicht schlimm! Willkommen auf Planet Vinyl.

Ist Hawkwinds Space Ritual (1973) ein Spacerock-Klassiker? Um auf das legendäre Album mit dem Sci-Fi-Design von Barney Bubbles zurück zu kommen: Wer die Band Hawkwind nicht kennt und Studio-Finesse á la Pink Floyd oder Genesis erwartet, sollte wissen dass Space Ritual (1973) ein Livealbum das mit Ecken und Kanten ist und wirklich live klingt. Co-Sänger Robert Calverts (1945-1988) Gesangsstimme ist gewöhnungsbedürftig, der Mann war eher ein Konzept-Künstler. Die Lieder auf denen statt ihm Dave Brock und Lemmy singen, klingen besser. Musikalische Stärken von Space Ritual sind Lemmys dynamischer, wilder und dennoch melodischer Bassgitarren-Klang mit dröhnenden Grüßen von Firma Rickenbacker. Gut sind auch Dave Brocks effektbeladene Gitarrenklänge und die rockuntypischen experimentellen Passagen mit Flöten und Saxofonen von Nik Turner. Robert Calvert kommt auf gesprochenen Einlagen und Intros mit Betrachtungen über die unendlichen Weiten des Alls etc. auch gut rüber. Live auf der Bühne war die Tänzerin namens Stacia, die auch als Model für die Göttin auf dem Albumcover gilt, zweifellos ein Teil der ultra-hippiehaften Performance Art der Band. Wahrscheinlich ist Hawkwind, ähnlich wie Grateful Dead, ein Rohdiamant der als Gesamtkunstwerk betrachtet werden muss um die volle, ärztlich empfohlene Wirkung zu erzielen. In diesem Sinne würden wir Space Ritual (1973) in Kombination mit Barney Bubbles Album-Design durchaus als Klassiker bezeichnen. Herrgott, welches andere Album beruht auf der Prämisse einer Expedition bei der sich sieben Astronauten im Tiefschlaf auf einer Weltraumreise befinden, während jemand der auf der Erde einen ‘Trip’ genommen hat und visualisiert dass er einer dieser Astronauten ist? Auf Deutschland sucht den Superstar, wird man mit diesem Konzept nicht weit kommen. Den Göttern sei Dank. Wir werden zukünftig Hawkwind-Biografien rezensieren, für heute sei kurz auf die Autobiografie White Line Fever (2002) vom heutigen Motörhead-Boss Lemmy Kilmister hingewiesen: Auf deutsch erhältlich und unterhaltsam geschrieben, mit einem Kapitel über seine Zeit mit Hawkwind. Lemmy lobt das Design von Space Ritual und erzählt dass Barney Bubbles das ganze Band-Equipment in psychedelischen Farben anmalte um mit UV-Licht bei Konzerten damit Effekte zu erzielen. Lemmy wurde damals aufgrund chaotischer Zufälle (in Verbindung mit Drogen) von Hawkwind gefeuert – eine vorschnelle, von Hawkwind später bereute Entscheidung. Aber Lemmy unterhält bis heute freundliche Beziehungen zu Hawkwinds Boss Dave Brock und nahm die Gruppe, die eher Kultband als Superstars sind, vor einiger Zeit bei einem großen Motörhead-Konzert als Vorgruppe auf die Bühne. Kleine persönliche Anekdote gefällig? Wir haben durch Zufall mal ein ehemaliges Mitglied von Hawkwind im Hallenbad getroffen und etwas geklönt, nachdem wir den verdutzten Mann strategisch in die Ecke vom tiefen Ende manöveriert hatten. Unsere Korrespondenten scheuen keinen Aufwand

Mitgestaltungsmöglichkeit für Leser in dieser Serie? Vinyl-LP-Sammler können uns gerne ihre Anekdoten einsenden, von musikalischen Funden und Jagderfolgen die Sie vor kurzem oder im Laufe der Jahre hatten.

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Avenita Kulturmagazin