Betrachtungen zu Astrid Lindgren

Auch wenn Sie kein Schwedisch sprechen, vermuten wir dass Sie die Büchertitel ‘Ronja Rövardotter’, ‘Bröderna Lejonhjärta’ oder ‘Pippi Långstrump går ombord’ verstehen. Lindgrens Geschichten sind zu einer Art von europäischen Mythologie geworden die, ähnlich wie Hauffs oder sogar Grimms Märchen, vermutlich Jahrhunderte bei uns bleiben wird. Beim Ansehen des auf der schwedischen Insel Gotland gedrehten Films ‘Pippi Langstrumpf’ (1969) fiel uns auf, wie sehr die Welt von Astrid Lindgren im Großen und Ganzen noch unserer eigenen Kindheit ähnelt. Zumindest der von Lesern die in einem Dorf oder in einer kleineren Stadt aufgewachsen sind. Es is heute fast unvorstellbar, aber man lief damals als fünf- oder sechsjähriges Kind allein zum Kindergarten oder zur Schule, zum Teil zwei, drei Kilometer weit entfernt. Man wurde als Siebenjähriger mit einem Zettel in der Hand zum Einkaufen geschickt und stromerte, nach den Hausaufgaben mit Freunden stundenlang draußen herum. Das war damals normal und man kam heil wieder zurück. Ob das Leben damals de facto ungefährlicher war oder ob wir heute durch Medien die versuchen mit Horrorstories als Makler im Geschäft zu bleiben, paranoid und überprotektiv geworden sind, sei dahin gestellt. Es wäre ohnehin hoffnungslos zu wünschen dass die Zeit still steht. Aber es wäre andererseits auch hoffnungslos, keine Ideale zu haben, keine Vorstellung davon was eine erstrebenswerte Kindheit, ein erstrebenswertes Leben wäre. Vielleicht können wir uns selber oder einige unserer Ideale in diesen Büchern wiederentdecken. Das entspräche der Didaktik von Mythen. Eine endgültige Interpretation von Lindgrens Geschichten wollen wir uns nicht anmaßen, aber ein Gedanke der uns auf der Suche nach den Spuren dieser Autorin begegnete, ist dass die Welt zum großen Teil das ist was wir aus ihr machen. Dazu braucht man keine Drohkulissen und erhobenen Zeigefinger, denn es ist ein philosophischer Ansatz der Leser inspiriert, die eigene Geschichte zu schreiben und zu leben

Astrid Lindgrens Sympathie für Außenseiter: Zum Teil aus eigenen Erfahrungen? Man bemerkt in Interviews und in ihrer Autobiographie ‘Das Entschwundene Land‘ wie sehr Astrid Lindgren von ihrer eigenen Kindheit fasziniert war. Ihre Eltern Hannah und Sam August Erickson scheinen einen starken Eindruck bei ihr hinterlassen zu haben. Zwei einfache Bauersleute die, so wie es Lindgren es immer wieder beschreibt, eine tiefe Liebe für einander hatten. Eine Liebe die Haus und Hof, Astrid und ihre Geschwister wie eine spürbare Kraft umhüllen zu schien. Aber Lindgren lernte nicht nur die idyllischen Seiten des Lebens kennen: Sie hatte mit 19 Jahren ein uneheliches Kind, was damals ein enormes Stigma war. Sie verließ ihre Heimatstadt, gab das Kind für einige Jahre in eine Pflegefamilie und schlug sich als Sekretärin durch. Vielleicht spiegelt sich etwas von diesen Erfahrungen in den Lindgren-Geschichten in denen Außenseiter eine Rolle spielen: In Hauptfiguren wie Pippi Langstrumpf oder auch in merkwürdigen aber netten Nebenfiguren wie dem Hausierer Konrad mit seinem Spezialkleber im Film ‘Pippi außer Rand und Band’ (1970) oder auch dem Waisenjungen Rasmus und dem Landstreicher Paradies-Oskar, also Leute die gesellschaftlichen Normen gemäss, Verlierer sind. Aber bei Lindgren sind es eher Polizisten und übereifrige Beamtinnen vom Sozialamt die, wenn auch auf humorvolle Weise, einen Seitenhieb abkriegen. Dass ihre Sympathie fúr Außenseiter nicht in Sentimentalität oder politisch korrekte Betroffenheit abdriftet, ist weil Lindgren das Leben dieser Figuren nicht als bemitleidenswert darstellt sondern als etwas freies und romantisches. Eigentlich beneidet man als Leser die Gelassenheit und den Spaß den Figuren wie Rasmus und der Vagabund ihrer schwierigen Situation zum Trotz haben. Und bei Lindgren finden solche Außenseiter früher oder später Freunde und Unterstützung. Hier ist wieder Lindgrens optimistische Grundeinstellung die wir ansprachen und die ihr Werk von heutigen düsteren Kinderbüchern und Filmen unterscheidet: Nämlich dass Menschen eher gut als schlecht sind und dass die Welt voller Möglichkeiten steckt eher als dass sie permanent bedrohlich und gefährlich ist

Welche Autorin inspirierte Astrid Lindgen? Unter anderem anscheinend die Kanadierin L. M. Montgomery und ihre Jugendbuchserie von Anne auf Green Gables. Das erste Buch erschien 1908, also etwa um die Zeit von Astrid Lindgrens Geburt. Schweden war das erste europäische Land in dem das Buch als Übersetzung erschien.Green Gables könnte übrigens Lindgren-Lesern gefallen die von heutigr Jugendliteratur entäuscht sind. Der anspruchsvolle Schreibstil macht die Anne-Bücher auch für Erwachsene lesenswert. Wir werden die Anne-Serie die das Leben des selbstbewussten, rothaarigen Waisenmädchens Anne von ihrer Jugend auf einem Bauernhof auf der Insel Avonlea bis in ihr Erwachsenalter verfolgt, an anderer Stelle besprechen. Amazon-Links finden Sie am Ende des Artikels

Sozialgeschichtliche Bezüge in Lindgrens Geschichten? Einerseits wirken Geschichten wie Lindgrens ‘Bullerbü’ von Anfang bis Ende wie Zeitdokumente schwedischen Landlebens, andererseits haben ihre Bücher, im besten Sinne, etwas märchenhaftes an sich, dadurch dass sie sehr in ihrer eigenen kleinen Welt spielen und relativ wenig Bezug auf das damalige Geschehen in der Welt oder in Schweden nehmen. Aber es ist uns dennoch ein spezifischer sozialgeschichtlicher Bezug bei Lindgren aufgefallen, mitunter weil er in zwei verschiedenen Lindgren-Geschichten erwähnt wird. Nämlich das Thema Auswanderung nach Amerika. Bei der in Schweden ganze Landstriche verwaisten. Beispiel 1. Am Anfang des Buchs ‘Michel bringt die Welt in Ordnung‘ (1970) geht der Junge zu einer landwirtschaftlichen Versteigerung in Backhorva und Lindgren beschreibt wie die Backhorva-Leute alles versteigern was sie besitzen weil sie nach Amerika auswandern. Beispiel 2. In der Lindgren Verfilmung ‘Rasmus und der Vagabund‘ (1981) in der übrigens ihr Enkel Erik auf sympathische Art eine der zwei Hauptrollen spielt, kommen der Junge und der Landstreicher zu einem menschenleeren Dorf und sitzen dort an einem idylischen See, umgeben von den roten Holzhäusern und einer alten Mühle. Der Junge fragt den Vagabunden warum die Menschen von hier weg gegangen sind und Oscar sagt dass sie wahrscheinlich nach Amerika ausgewandert sind weil ihnen das Leben hier zu kärglich war. Als Rasmus bezweifelt dass es in Amerika so schön ist, macht Rasmus ihm, typischerweise, wieder Mut in dem er sagt dass die Leute jetzt bestimmt im schönsten See von Minnesota baden. Aber das traurige Lied da er dann auf seiner Mundharmonika spielt deutet darauf hin dass er sich selber nicht so sicher ist ob das stimmt. Lindgren hängt schwierige Themen nicht mit erhobenem Zeigefinger an die grosse Glocke, aber es gibt diese schwierigen Themen zwischen den Zeilen

Welche Lindgren-Filme haben den stärksten landwirtschaftlichen Hintergrund? Diesen Aspekt gibt es in vielen Lindgren-Filmen, besonders in den beiden Bullerbü-Filmen und der Serie ‘Michel aus Lönneberga‘. Die Michel-Filme muten heute wie historische Zeitdokumente an. Hier kann man noch mal ansehen wie Felder mit Ochsen bestellt werden. Etwas wofür Fachwissen und Ausrüstung heute vermutlich selten sind. Man sieht wie Gras bei der Heuernte mit Sensen geschnitten wird und wie die Magd mit Schemel zum Kühemelken hinaus aufs Feld geht. Es ist fast wie ein Besuch im Landwirtschaftsmuseum. ‘Michel‘ repräsentierte für Astrid Lindgren anscheinend die bäuerliche Kindheit ihres eigenen Vaters und spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die zwei Bullerbü-Filme von Lasse Hallstrom spielen später, so um 1928. In ‘Wir Kinder aus Bullerbü‘ (1986) ist eine echte Mühle am Fluss, und das Mahlen des Getreides das die Kinder vorbeibringen wird detailliert gezeigt. Man sieht Heuernten, wie Sensen am Stein geschliffen werden und wie die Kinder auf dem Rübenfeld Unkraut jäten oder am See Krebse fangen gehen. In ‘Neues von den Kindern aus Bullerbü‘ (1987) ist am Anfang eine alte Dreschmaschine im Gange, es werden Ställe ausgemistet, Tiere gefüttert, Wurst gemacht, Felder mit der Egge bestellt und ein schwächelndes Lamm per Nuckelflasche durchgepäppelt. Was will man mehr? Die Bullerbü-Filme von Halstrom sind nicht so gezielt humorvoll wie die Lindgren-Verfilmungen von Olle Helbom aber dafür romantischer. Wundervoll, als Lisa erzählt dass alle drei Mädchen schon wissen wen sie mal heiraten werden: Ihre Spielkameraden Lasse, Bosse und Olle. Filme die man besitzen sollte

Warum spricht Lindgren traditionelle und alternative Leser gleichermaßen an? Dies ist ein interessanter Aspekt der Autorin: Es gab in den 60er, 70er und frühen 80er Jahren ja noch eine ausgeprägte gesellschaftliche Polarisierung: Eiinerseits eine ziemlich traditionell orientierte Eltern- und Leserschaft die wahrscheinlich eher Büchern im Stil von Enid Blyton zugetan war und andererseits eine neuere, eher alternative Eltern- und Lesergruppe die vielleicht eher Autoren wie Janosch, Büchern vom Beltz-Verlag oder der ‘Ro-Ro-Rotfuchs‘-Reihe zugeneigt war. Dass Lindgren in solch verschiedenen Gesellschaftsgruppen Anklang fand, ohne sich irgendeinem Zeitgeist angepaßt zu haben, könnte damit zu tun haben dass sie selber zwei sehr verschiedene Welten kennenlernte und ihre Bücher dies reflektieren. Die ländliche, familienorientierte Thematik ihrer Bücher sprach damals die traditionellen Leser an, während die unangepaßte ‘Pippi Langstrumpf’ gleichzeitig eine attraktive Figur für die alternative Szene war. Besonders wenn man bedenkt dass die Langstrumpf-Reihe zuerst 1945-1949 erschien, mutet einiges davon tatsächlich proto-spontihaft an. Als kleines Beispiel die Stelle im ersten Langstrumpf-Buch wo die Kinder in einem Wäldchen sind: Als Pippi einen Pilz pflückt und sich fragt ob man ihn wohl essen kann, beißt sie probehalber einfach ein großes Stück ab, schluckt es runter und teilt dann begeistert mit dass der Pilz in Ordnung ist. Unser Kommentar? Jawoll, Kindern immer mit gutem Beispiel vorangehen!

Unser ultra schwieriger Quiz zu Astrid Lindgren? Ob Sie eher Pferderoman-Leserin waren oder zur Ro- Ro-Rotfuchs-Brigade gehörten, wir sind gespannt, wie gut Sie die Figuren von Lindgren kennen. Stellen Sie sich, ohne auf Bilder zu schauen, Inger Nilssons damaliges Gesicht vor und überlegen Sie genau: Leidet Pippi Langstrumpf an Sommersprossen? Antwort spontihaft rückwärts:  enreg eis gam nrednos nenhi na thcin tediel eis nieN

Räubertochter-Verfilmung: Teils schön, teils merkwürdig? Lindgren-Fans werden es uns wohl nicht übelnehmen wenn wir ein, zwei Verfilmungen weniger gut finden als andere. Die Verfilmung von ‘Ronja Räubertochter’ (1984) ist für uns etwas zu sehr auf die Grobschlächtigkeit der Räuber fixiert, was hier und da in einen etwas arg vulgären Slapstick ausartet, so dass uns das konstante Haha-Hoho etc. einfach zu übertrieben ist. Und sichtbar splitternackte Männer die im Schnee herumtoben wirken, auch wenns im Buch so steht, für uns wenig attraktiv in einem Kinderfilm. Auch die ziemlich derbe Geburtsszene passt für unsere Begriffe auch nicht in einen Film für Kinder. Vermutlich hätten wir an einer Verfilmung von Olle Hellbom mehr Freude gehabt. Aber um fair gegenüber Regisseur Tage Danielsson zu sein: Die Buchvorlage ist surrealistsch und komplex auf eine Art die (mit dem vermutlich recht bescheidenen Filmbudget) schwieriger auf die Leinwand zu bringen ist als andere Lindgren-Geschichten. Außerdem ist der Film streckenweise sehr schön, eine halbe Stunde in der Mitte des Films zählt sicher zu den idyllischsten Momenten des Jugendfilm-Genres. Hier wohnt Ronja eine Zeit lang mit dem Sohn eines verfeindeten Räuberclans im Wald und man sieht wie die beiden fischen, reiten und in der Natur überleben. Gut ist auch die Ronja-Darstellerin Hanna Zetterberg (geb.1973) die übrigens im Alter von 24 für einige Zeit Abgeordnete im schwedischen Parlament wurde. Regisseur Tage Danielsson (1928-1985) war früher auch Darsteller in einem Lindgren-Film und spielet den Schmuggler Knorrhane in der Saltkrokan-Episode Glückliche Heimkehr wo der rothaarige, hochgewachsene Mann sehr sympathisch rüberkommt. Unser Geheimtipp in Sachen Ronja Räubertochter? Die exzellente Hörspielfassung auf 2 CDs mit klasse Liedern, Sprechern und Klangeffekten. Amazon-Links dazu am Ende des Artikels

Brüder Löwenherz: Ein schönes philosophisches Buch, aber mittelmäßiger Film? Wenn man die Zeilen ‘Wen die Götter lieben, lassen sie früh sterben‘, in ihrem Zusammenhang in dem Buch ‘Die Brüder Löwenherz‘ (1973) liest, wird deutlich dass Lindgren nicht nur Kindern ist sondern auch erwachsenen Lesern etwas zu bieten hat. Die Geschichte begann anscheinend als Lindgren an einem Wintermorgen auf einem Friedhof in Vimmerby den Grabstein von zwei jungen Brüdern sah und überlegte, was wohl ihr Schicksal gewesen sein könnte. Für die Brüder Löwenherz ist der Tod nicht das Ende sondern der Anfang, denn damit beginnt das Abenteuer in einem Land namens ‘Nangijala’, dem Land der Sagen und Lagerfeuer, so nennen die beiden es. Das Buch ist, fast auf die Art von Tolkiens Hobbit, ein richtiger Abenteuerroman mit Rittern, Drachen etc. Es geht um Mut, Treue und die Fähigkeit über die eigene Situation hinauszuwachsen. Ein Buch das teils von traurigen und kontroversen Themen handelt aber, Lindgren-typisch, gleichzeitig Zuversicht vermittelt. Eine Zuversicht die ihr, wie die Autorin in ihren Memoiren sagt, von ihrer Mutter gegeben wurde. Die Filmversion ‘Die Brüder Löwenherz‘ (1977) ist für uns allerdings nicht die gelungenste Lindgren-Verfilmung. Eins der Probleme ist die unpassende, dröge klingende Synthesizer-Begleitmusik. Und wahrscheinlich konnte das Film-Budget diesem Stoff mit Abenteuerszenen und Schlachten einfach nicht ganz gerecht werden. Wenn es für uns einen Lindgren-Film gibt der für ein grosses Hollywood-Remake geeignet wäre, dann ‘Die Brüder Löwenherz’. Aber die bestehende Version hat eine Fan-Gemeinde und ist im Vergleich zu vielen was es heute an Kinderfilmen gibt, durchaus ansehbar und enthält schöne Passagen. Wir empfehlen jedoch, neben dem Buch, eher die 2-CD-Hörspielversion die uns, u.a. mit schönerer Musik als der Film, deutlich besser gefiel

Geheintipp Insel Saltkrokan? Die Serie ‘Ferien auf Saltkrokan‘ hat nicht das märchenhafte von ‘Pippi Langstrumpf’ mit ihren übernatürlichen Kräften, ist für uns aber der Langstrumpf-Serie ebenbürtig. Vielleicht ist ‘Saltkrokan‘ sogar unser Favorit, anhand der vielen Male die wir die Filme schon gesehen haben. Die Saltkrokan-Filme (auch unter dem Titel ‘Ferien auf der Kräheninsel‘ bekannt) sind optimal für jüngere Kinder, vielleicht zwischen 4 – 9 Jahren. Sie enthalten viele kleine Abenteuer und Alltagsgeschichten von Familien und ihrem Inselleben: Mit den roten Holzhäusern, mit Bootsfahrten, Hochzeiten und den idylischen Schauplätzen der schwedischen Schäreninseln. Ob Vorbereitungen fur Weihnachten, Abenteuer mit Seehunden und Füchsen oder Seeräuberspiele auf echten alten Schiffen…man kann sich an diesen Filmen gar nicht satt sehen. Modernes Kinder-TV und Kino wirkt stumpf dagegen. Unser Favorit ist wahrscheinlich die 95 Min. lange Folge Die Seeräuber (1966), aber am besten einfach preisgünstig die ganze Serie kaufen. In den nächsten Absätzen gibt es mehr über den Kinderklassiker Saltkrokan

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Stilmerkmal: Astrid Lindgrens feinsinniger Humor? Was bei Interviews mit Astrid Lindgren auffällt, ist ihr fast allgegenwärtiger Sinn fur Humor: verschmitzt und unterschwellig eher als lauthalsig. Ist das etwas typisch schwedisches? Wenn nicht, dann erinnert Lindgrens feine Ironie jedenfalls mehr an englischen als an deutschen Humor. Mehrere ihrer Figuren haben diese gewisse Ach-Was-Soll’s-Art, zum Vergnügen anderer den Kürzeren zu ziehen. Speziell Saltkrokans Papa Melkerson. In der Tat scheinen Spässe fast immer auf Kosten von Männern zu gehen, dear Mrs. Lindgren! Die Saltkrokan-Serie ist voll mit kleinen Gags und Kinderwitzen aber öfters auch einem ziemlich subtilem Humor. Hier zum Beispiel eine schöne Szene mit den zwei jungen Erwachsenen Marlin und Peter, deren Werdegang die Serie vom ersten Treffen bis zur Hochzeit verfolgt: Als Peter bei der Ankunft vom Boot steigt und zufällig Malin sieht, fragt er sie nach dem Weg zu einem Kaufladen. Malin sagt, da gehen wir auch hin, du kannst mitkommen. Dass bei dieser ersten zufälligen Begegnung die Kinder hinter den beiden herlaufen und Lieder übers Heiraten singen und so eine ultra-peinliche Situation für die beiden Erwachsenen schaffen, entspricht vermutlich ganz und gar Lindgrens schelmischen Sinn von Humor

Infos zu den Soundtracks der Lindgren-Filme? Neben Klassikern wie dem Lied ‘Hey Pippi Langstrumpf‘ in dessen Anfangstakten der Einfluß skandinavischer Volksmusik gut zu hören ist, gefällt uns besonders die Filmmusik von Ulf Björlin für die Saltkrokan-Serie, sie mischt folkoristische und avantgardistische Elemente und ist sehr atmosphärisch. Ebenfalls gut ist Georg Riedels Bullerbü-Musik der die ländliche Atmosphäre mit ruhigen akustischen Instrumenten wie Nylon-Gitarre, Flöte und Piano begleitet und durch anspruchsvolle Akkord-Strukturen schmalzige Klischees vermeidet. Gängige CDs mit Lindgren-Liedern sind buntgemischt und nett für Kinder, enthalten aber oftmals nicht die Originalversionen aus den Filmen. Von ‘Pippi Langstrumpf’ gibt es mittlerweile eine Original-Soundtrack-CD (siehe Amazon-Links am Ende des Artikels). Wir suchen allerdings, speziell von Olle Hellboms Saltkrokan und Lasse Hallstroms Bullerbü, die kompletten Soundtracks, also nicht nur die Lieder sondern, so wie es heute bei Soundtrack-CDs üblich ist, auch die Hintergrund-Musik zum Film. Infos von Soundtrack-Freaks willkommen

Kann man die Heimat von Lindgren und Drehorte der Filme besuchen? Drehorte der Saltkrokan-Filme waren die Inseln Söderöra und Norröra (eine Insel mit dem Namen Saltkrokan gibt es nicht) im sog. Schärengarten, jenen sprichwörtlich Tausenden von kleinen Inseln vor Stockholm. Astrid Lindgren erkundete diese Inselwelt in den 30er Jahren beim Urlaub und heute ist das Film-Haus der Familie Melkerson in Norröra ein viel besuchtes Café. Andere Tipps: Der Film ‘Die Brüder Löwenherz’ enthält u.a. Szenen aus der fast surrealistisch anmutenden Wildnis des isländischen Nationalpark Thingvellir. In ‘Rasmus und der Vagabund‘ gibt es viel von den Wäldern und Wiesen der schwedischen Region Dalarna zu sehen. Der Film ‘Ronja Raubertochter‘ wurde im Naturreservat Dalby Söderskog und im Seen-Distrikt Dalsland in Südschweden gedreht. Die Szenen der Felsenschlucht im Film, in echt die eindrucksvolle Kungsklyftan, stammen aus der Küstenstadt Fjällbacka.  Die Filme ‘Wir Kinder aus Bullerbü‘ und ‘Michel aus Lönneberga‘ wurden beide in der Heimat von Astrid Lindgren, in der Gegend um Vimmerby gedreht: Die drei roten Bullerbü-Holzhäuser, heute Ausflugsziel vieler Lindgren-Fans, findet man bei dem Dorf  Sevedstorp, und der frühere ‘Katthult-Bauernhof‘ der Michel-Filme ist in der kleinen Siedling Rumskulla. Die Orte liegen etwa 10 km bzw. 15 km westlich von Vimmerby. Die Hauptattraktion für Kinder ist Vimmerbys Themenpark ‘Astrid Lindgens Värld‘. In der Nähe, bei Näs, ist auch das Haus zu sehen ist in dem die Autorin aufwuchs, heute ein Museeum mit Ausstellungen, Café und Shop

Unser Tipp für Unterkunft in der Nähe von ‘Astrid Lindgrens Värld’? Für Leute die nicht im Geld schwimmen, lohnt es sich den Jugendherbergsverband ‘Sveriges Vandrarhem i Förening‘ auszuchecken, z. B. die Jugendherberge bei ‘Astrid Lindgrens Värld’  in Vimmerby. Preise variieren, sind aber um die 25 Euro. Für die Inseln des Schärengartens, empfehlen wir die umfangreiche Auswahl des Touristenverbands  ‘Svenska Turistföreningen’. Ein guter Startpunkt am Festland wäre z. B. die Küstenstadt Trosa. Von hier aus kann man viele Inseln per Boot erreichen und dieherberge Trosa  hat eine Lindgren-Verbindung weil es ein Drehort von ‘Ronja Räubertochter‘ war

Ferien-Tipp Insel Gotland und die echte Villa Kunterbunt? Die Insel liegt östlich von Stockholm und war einer der Hauptdrehorte für die Langstrumpf-Filme. Gotlands mittelalterliche Stadt Visby sieht man zum Beispiel im Vorspann als Pippi auf ihrem Pferd durch das Stadttor reittet und als Tommy und Annika uns ihre kleine Stadt vorstellen, ihre Schule, die Bäckerei, die Schuhmacherwerkstatt und natürlich die’Villa Kunterbunt‘, die heute in einem Dorf namens Kneippbyn unweit von Visby, besichtigt werden kann. Etwas das die  Insel Gotland für Abenteurer noch besuchenswerter macht, ist die Fülle an archäologischen Funden aus Wikingerzeiten. Über siebenhundert Fundstätten brachten Tonnen von Silber und Gold ans Licht und bescherten Gotland den Namen Schatzinsel der Wikinger. Experten gehen davon aus dass Gotland weltweit die höchste Dichte an vergrabenen Schätzen hat. Erstaunlicherweise scheint der Grund dafür weniger das Horden von Reichtum gewesen zu sein, als ein Opfer-Ritual für die alten Wikinger-Götter. Das Gotlands Museum dokumentiert 8000 Jahre Geschichte der Insel und ist ebenfalls in Visby. Ein Tipp für Unterkunft in Gotland? Es gibt mehrere Jugendherbergen, auf schwedisch Vandrarhem, z.B. das Mitt i Visby Vandrarhem in Visby. Auf Schwedens sonnigster Insel wurde übrigens auch der Krimi ‘Der Kommissar und das Meer’ (2007) mit der früheren Langstrumpf-Darstellerin gedreht. Inger Nilsson (geb.1959) wurde bei Castings damals unter 8000 Kindern ausgewählt. Sie erhielt für die Dreharbeiten und Werbeauftritte keine nennenswert grossen Geldbeträge, wurde später Sekretärin, begann aber Ende der 80er Jahre mit einigen Schauspielrollen in schwedischen Provinztheatern. In einem neueren Interview das wir sahen, erschien Inger Nilsson sympathisch, ziemlich zurückhaltend und ohne die merkwürdige aufgesetzte Persönlichkeit die Leuten aus Film und TV oft zueigen ist. Wir fanden Der Kommissar und das Meer, in dem sie eine Rolle als Gerichtsmedizinerin spielt, einen spannenden, unterbewerteten Krimi

Warum gibt es heute so wenige gute Kinderbücher und Filme? Wir schätzen, die marktorientierte Sichtweise von Medienkonzernen spielt eine Rolle dabei. Kinder- und Jugendbücher und die darauf beruhenden Filme sind heute ein grosses weltweites Geschäft. Geschichten wie Lindgrens, mit ihrem einfachen ländlichen Hintergrund, bieten, verglichen mit den Genres Fantasy und Science Fiction die den Markt heute dominieren, relativ wenige Möglichkeiten für merchandising. Also die Zusatzgeschäfte mit denen Filme heute oft das grosse Geld machen. Wer vor Weihnachten in Spielzeugläden geht, weiss wie viele Produkte heute auf Filmen wie Star Wars, Spiderman, Batman, Transformers, Harry Potter etc. beruhen. Eine ähnliche Situation herrscht heute auf dem Markt  von TV-Serien für Kleinkinder. Oftmals nur noch Berieselung mit Vermarktungspotential für Spielzeug. Schade eigentlich. Aber immerhin kann man heute mit Büchern und guten DVDs die Programmgestaltung selber in die Hand nehmen.

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