Der Baum als Wahrzeichen in Kunst und Literatur

Vor einiger Zeit entdeckten wir zwischen den Seiten eines alten Kinderbuchs ein handgroßes Kastanienblatt auf das wir vor Jahrzehnten so eine Art Zukunftsbotschaft an uns selbst geschrieben hatten. Glorreiche Jugendsünden! Aber es erinnerte uns tatsächlich an all jene Nachmittage mit Freunden in Parks und Wäldern. Mit Baumklettereien und Hubschraubern aus Ahornsamen in der Luft. Die windschiefen Baumhäuser und die gesammelten Kastanien für die man sich im örtlichen Zoo etwas Geld holen konnte. Es gibt bis zum heutigen Tag kaum einen Ausflug bei dem wir nicht irgendwo anhalten und ein paar Fotos von schönen alten Bäumen machen. Die Idee für diese Serie kam uns als wir für eine andere Artikel-Serie (die über Schallplattencover) ein paar Alben raussuchten auf denen Musiker mit Bäumen zu sehen sind. Wir waren überrascht, wie viele es waren: Hunderte! Kaum eine bekannte Band der 60er und 70er Jahre ohne ein Baum-Cover. Und heute gibt es auch noch viele. Gibt es, überlegten wir, vielleicht eine spezielle Affinität zwischen Bäumen und Musikern, oder Künstlern generell? Als wir uns darauf hin ansahen, wie das Thema in Büchern, Filmen und Kunstwerken dargestellt wird, bemerkten wir eine, man könnte fast sagen, allgegenwärtige Rolle von Bäumen in Kultur, Religion und Mythologie. Dabei steht der Baum nicht nur im Hintergrund, wie auf vielen Plattencovern, sondern oftmals genau im Mittelpunkt des Geschehens. Man denke zum Beispiel mal an biblische oder heidnische Mythologien von paradiesischen Bäumen oder germanischen Welteneschen und den Baum mit den goldenen Äpfeln in den griechischen Mythen. Natürlich gibt es für die Präsenz von Bäumen in der Kultur offensichtliche Gründe. Wie zum Beispiel die jahrtausendealte, enorme Wichtigkeit von Holz und anderen Baumprodukten für die menschliche Existenz. Wobei Nahrung, Waffen, Werkzeuge, Brennstoff und Material für Wohnstätten nur Teil einer langen Liste sind. Aber wir stießen auch auf andere, vielleicht weniger offensichtliche Spuren. In dieser Serie versuchen wir, all das auf informative und hoffentlich unterhaltsame Weise zu präsentieren. Zudem haben wir vor, gerne auch mit Hilfe von Lesern, im Laufe der Zeit eine Sammlung von Bildern, Infos und Anekdoten über Bäume zusammenzustellen die eine Verbindung mit der Geschichte, dem Brauchtum und den Legenden verschiedener Gegenden in Deutschland und Europa haben. Man bedenke: Für Müh´und Aufwand von Exkursionen und Nachforschungen, bietet unser Freund der Baum oftmals eine Schönheit oder einen knorrigen Charme der es um so leichter macht, auf den Vorwurf der Baumumarmerei mit Fassung, ja, mit quixotischer Schicksalsergebenheit im Tumult des Gerichtsaals zu antworten: Schuldig, euer Ehren!

Mystische Baumgemälde im 19. Jahrhundert? Bevor Sie sich die Stiefel anziehen und losziehen um den Bäumen zu huldigen, könnte es gut und nützlich sein, sich zu versichern dass schon andere vor Ihnen dies taten. Und siehe: Es existieren sprichwörtlich Tausende von Baumgemälden. Eine unserer Absichten in dieser Serie ist, die interessantesten davon aufzuspüren und in einem kulturellen Kontext zu sehen.  Eine mystische, sakrale Rolle von Bäumen ist offensichtlich bei Arnold Böcklins Der Heilige Hain (1886), der Blick des Betrachters fällt automatisch auf das rätselhafte Ritual das hier vollzogen wird. Beim zweiten Blick fallen die vielen farblichen Nuances der Bäume und Blätter auf. Am Ende des Artikels sind Amazon-Links zu gerahmten Kunstdrucken einiger der hier vorgestellten Bilder. Bei Caspar David Friedrichs Hünengrab im Schnee (1807) wirken die Bäume im Vordergrund, obwohl ohne Blätter, fast noch eindrucksvoller und scheinen wie alte, von Schlachten gezeichnete Kämpfer ein uraltes heiliges Grab zu bewachen. Wundervoll auch Theodore Casseriau, mit der Legende von Apollo und Daphne (1845): Die Nymphe verwandelt sich, auf der Flucht vor den Liebesabsichten des Gottes, vor seinen Augen in einen Baum. Die verwandelte Nymphe Daphne führt uns in eine interessante Ermittlungsrichtung. Lesen Sie weiter

Sind Bäume männlich oder weiblich? Wir sagen: Der Baum, dabei deuten die Eigennamen von Bäumen darauf hin, siehe auch obige Legende von Apollo & Daphne, dass man in Bäumen früher etwas von weiblicher Natur gesehen hat: Die Eiche, die Esche, die Eibe, die Buche, die Ulme etc. Woher kommt das? Das Wort Baum ist mit dem englischen beam, also Balken, verwandt und bezieht sich damit auf den Nutzwert des Baumes als Konstruktionsmaterial. Die beiden englischen Worte tree und wood führen uns zu den vermutlich älteren Bezeichnungen für Bäume: Das Wort tree ist mit indoeuropäischen Namen für Eiche verwandt, die z. B. daur auf Alt-Irisch und derwen auf Walisisch heißt. Diese Wortfamilie ist wiederum mit dem keltischen Priesternamen der Druiden verwandt. Das Wort wood andererseits stammt vom indoeuropäischen widhu für Holz, wobei eine Verbindung mit alten Worten wie woda (indogerm. Weissager, Prophet) oder gwawd (walisisch: Lied) als wahrscheinlich gilt. Auch mit dem Adjektiv wod das mit der Bedeutung wild oder aufgeregt auf schamanistische Verbindungen hindeutet. Falls sich so eine Verbindung vom englischen wood oder dem deutschen Wald zu indoeuropäischen Götternamen wie Woden (Biild mit Baummotiv) deuten ließe, könnte man folgende Überlegung wagen: Wenn ältere, feminine Eigennamen (wie die Eiche, die Eibe etc.) von Bäumen durch spätere, generellere Bezeichnungen wie wood, und beam in Worten wie Der Wald und Der Baum, maskuline Konnotationen bekommen haben, könnte das mit einem Wandel von matriarchaischen zu patriarchalischen Religionen im alten Europa zusammenhängen? Weibliche Figuren mit Baumverbindung in der europäischen Mythologie sind z. B. die weissagenden Nornen (Bild mit Baummotiv). Als vorläufige Hypothese formuliert: Männliche Götterfiguren wie Apollo und Woden sind Nachfolger von noch früheren Naturgottheiten die Menschen mitunter in den als feminin geltenden Bäumen wähnten. Mehr darüber demnächst. Erstmal zurück in die Moderne

Bäume in Moderner Kunst? Wer kurz davor steht an moderner Kunst zu verzweifeln oder diesen Punkt schon überschritten hat, den heißen wir hoffen. Keine Sorge, es gibt auch im 20. und 21. Jahrhundert einige bemerkenswerte Bilder von Bäumen, wobei man von Künstlern nicht erwarten kann, dass sie Bilder des 19. Jahrhundert kopieren. Leute in 200 Jahren sollen ruhig sehen dass einige heutige Künstler für Bäume eine andere aber ebenfalls eindrucksvolle Perspektive entwickelten. Zum Beispiel David Hockneys vier Meter hohes, zwölf Meter breites Bigger Trees near Warter‘ (2007) im Londoner Museum Tate Britain. Hockney (geb. 1937) kam zum Malen von New York ins heimische nordenglische Yorkshire zurück und das Bild bietet, für unseren Geschmack, raue, unverschnörkelte Schönheit die durchaus etwas für sich hat. Dass selbst kahle Winterbäume eine magische Austrahlung haben können, ist nicht so leicht auf eine Leinwand zu bringen, aber Hockney begegnet der Natur hier mit einem frischen, positiven Blick. Die echten Bäume des Bildes wurden im Jahr 2009 übrigens von ihren Besitzern abgeholzt, noch bevor Hockney ein weiteres geplantes Frühlingsporträt von ihnen machen konnte. Typisch oder was?

Hey Joe: Gespräche aus dem Zauberwald? Welche Gedichte Joseph von Eichendorffs (1788-1857) handeln vom Wald? Es wäre einfacher zu fragen, welche seiner Gedichte nicht vom Wald handeln. Hermann Hesse schrieb über Eichendorffs Einflüsse: ‘Was später sein Wesen bestimmte, hat er…aus dieser an Wäldern reichen ländlichen Heimat mitgebracht: die Liebe zur Träumerei, zur Landschaft und vor allem zum Walde…’. Nicht alles ist völlig vorbehaltlose Wald-Schwärmerei. In Eichendorffs Waldgespräch trifft der Protagonist im Wald eine einsame holde Frau zu Pferde. Während er sich Sorgen um ihr Wohlergehen macht, warnt sie ihn: ‘O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin’. Daraufhin bemerkt der gute Mann: ‘So reich geschmückt ist Roß und Weib, So wunderschön der junge Leib, Jetzt kenn’ ich dich – Gott steh’ mir bei! Du bist die Hexe Lorelei’. Die Dame beruhigt ihn: ‘Es ist schon spät, es wird schon kalt, Kommst nimmermehr aus diesem Wald!’ Wir sagen: Relax Joe, es gibt schlimmeres! Wir haben das Waldgespräch in dem Eichendorff-Taschenbuch Novellen und Gedichte. Empfehlenswert, denn obwohl man die Sachen online finden kann, ist dies ein sehr schön gestalteter Band mit 5 Seiten Vorwort von Hermann Hesse und einem Waldgemälde von Caspar David Friedrich auf dem Cover. Die Geschenkidee für romantische Waldfreaks. Das schön-spukige Gedicht führt uns zudem elegant zum nächsten Thema

Bäume als Thema in Spuk- und Horrorgeschichten? Die oben vorgestellte dichterische Schwärmerei ist nur eine Seite der Medaille. Mit der Christianisierung Europas bekamen heidnische Urbilder von Wald und Baum teils eine ominöse Aura verpasst. In Volksmärchen, die oft eine Mischung aus christlichen und älteren heidnischen Bräuchen und Legenden sind, stehen Wald und Baum demgemäß für etwas das gut, ebenso wie unheimlich sein kann: Zwerge verfangen sich in Bäumen mit ihrem Bart, Goldene Gänse werden bei ihren Wurzeln gefunden und in Wäldern wohnen Hexen. Uralte Vorstellungen von Reinkarnation spiegeln sich in Märchen wie Grimms Wacholderbaum wo die Schwester die Knochen des ermordeten Bruders unterm Baum vergräbt, der Bruder dann als Vogel wiederaufersteht, seine Rache übt und später als Mensch zurückkehrt. Der Baum als Sinnbild hat sich bis weit in die Moderne gehalten und eignet sich mit seiner heidnisch-christlichen Ambivalenz auch gut für modernere Märchen wie Wilhelm Hauffs wundervolles Meisterwerk Das Kalte Herz (1827) wo es heißt: ‘Schatzhauser im grünen Tannenwald, bist schon viel hundert Jahre alt’. Eine prägnante Rolle spielen Wald und Baum auch in Annette von Droste-Hülshoffsklassischer Novelle Die Judenbuche (1842), erinnern Sie sich? ‘So waren sie im Brederholz vom Gewitter überfallen worden und hatten unter einer großen am Berghange stehenden Buche Schutz gesucht;…’. Was für ein Klassiker. In M. R. James’ Spukgeschichte The Ash Tree (1904) steht eine ominöse Esche ungünstig neben dem Schlafzimmerfenster, und in James Herberts Horrorroman Erscheinung (1993) gründet ein Mädchen mit Heilkräften einen dubiosen Schrein unter der uralten Eiche neben einer Kirche. In Daphne Du Mauriers Der Apfelbaum (1952) verfolgt genau dieser, scheinbar beseelt von der verstorbenen Gattin, den Ehemann bis in den Tod. Auffällig auch wie Du Maurier gleich auf der ersten Seite ihres Klassikers Rebecca (1938) beschreibt wie die Natur auf ihre ‘hinterlistige Art’ mit den ‘langen, hartnäckigen Fingern’ der Bäume den Eingang von Manderley wieder in Besitz genommen hat. Sie spricht von Buchen die mit den ‘nackten, weißen Gliedern ihrer Äste in seltsamer Umarmung’ über ihrem Kopf eine Gruft formen die wie der Eingangsbogen einer Kirche wirkt (frei von uns aus dem engl. Original nacherzählt, Links für Bücher folgen am Ende des Artikels) Klasse Schriftstellerin – aber vielleicht mit einer Baum-Phobie? Alfred Hitchcock sah diesen Subtext, und in seiner Verfilmung von ‘Rebecca (1940) sind im Vorspann (YouTube Clip) für zwei, drei Minuten nur Bäume, Nebelschwaden und mehr Bäume zu sehen…dann erst das verfallene Haus. Erinnern uns Bäume mit ihrer Beständigkeit vielleicht an unsere menschliche Vergänglichkeit? Apropos Hitchcock: Kinozeit! Lesen Sie den nächsten Absatz

Bäume als Thema im Kino: Die Rückkehr der Märchenerzähler? Schon in Disneys ‘Schneewittchen und die Sieben Zwerge‘ (1937) waren Wald & Bäume ein Horrortrip mit bösen Gesichtern und heimtückischen Ästen. Unangenehm handgreiflich wiurde auch die Peitschende Weide in Harry Potter und der Gefangene von Askaban (2004). James Camerons ‘Avatar (2009) zeigt Bäume allerdings in einem durchweg positiven Licht, der Film wirkt, Naturgöttin Eywa sei Dank, wie eine regelrechte Wald- und Baum-Hommage. Nicht zu vergessen, Der Herr der Ringe des mythologisch gut bewanderten J. R. R. Tolkien: Die HDR-Verfilmung bot den mürrischen aber gutmütigen Baumriesen namens Ents in ‘Die Zwei Türme‘ (2002) eine positive, sprichwörtlich riesige Rolle. Ebenso HDRs Die Gefährten (2001) wo der idyllische Goldene Wald von Lórien mit einem riesigen Baumhaus das Heim elbischer Lichtgestalten ist. Gedankenspiel: Falls Märchen, Romane, Filme aus dem Unterbewusstsein schöpfen – vielleicht zum Teil aus angeborenen Instinkten, Ängsten und Sehnsüchten schöpfen – stecken in literarischen und cineastischen Werke dann auch Spuren der prähistorischen menschlichen Psyche?

Unser Quiz über Baum-Mythologie Die Fruchtbarkeitsgöttin Freia wird in Wagners Der Ring des Nibelungen als Pfand an Riesen gegeben. Aufgrund der Abwesenheit von Freia, die bis dahin immer die Äpfel aus dem Garten der Jugend hütete, beginnen die Götter zu altern und ihre Unsterblichkeit zu verlieren. Aus welchem Teil der Oper stammt diese Geschichte? 1. Das Rheingold 2. Die Walküre 3. Siegfried 4. Götterdämmerung (dlogniehR :trowtnA)

Bäume neben Kirchen: Verbindung zu älteren Kulten? Ein handfester und bis heute erhaltener Beweis für die Verbindung von Religion und Bäumen ist die Tatsache dass neben Hunderten von alten britischen Kirchen noch ältere Eibenbäume stehen. Eiben galten neben Eichen und Eschen als besonderes Heiligtum des ehemals heidnischen Europas. Die Tatsache dass viele der Eibenbäume neben Kirchen erwiesenermaßen älter als die Kirchen sind, weist darauf hin dass Kirchen oft auf alten heidnischen Kultstätten gebaut wurden. So steht neben einer kleinen Kirche im dem schottischen Dorf Fortingall eine Eibe die mindestens 2000 Jahre ist, nach neusten Erkenntnissen vielleicht sogar 5000, 6000 Jahre oder noch älter. Das wäre kein Wunder denn es gibt sogar doppelt so alte Bäume auf Erden, in der Tat, Bäume sind die ältesten Lebewesen der Welt. Die Schwierigkeit, das genaue Alter von Eiben festzulegen, liegt u. a. darin dass sie im Laufe der Jahrhunderte immer neue Wurzeln in den Boden treiben, quasi einen neuen Baum bilden (was bei der ca. 4000 Jahre alten Crowhurst Yew in Surrey besser zu sehen ist als bei der schottischen Fortingall Yew) und somit theoretisch unsterblich sind. Vielleicht war diese Unsterblichkeit ja auch ein Grund warum heidnische Priester den Baum besonders verehrten. Es verwundert auch kaum dass sich um die obengenannte Fortingall-Eibe erstaunliche Legenden ranken, zum Beispiel dass ein gewisser Pontius Pilatus in der Nähe dieses Baumes geboren sein soll. Möglich? Naja, im alten Britannien wurden einst zwar römische Soldaten aus verschiedenen Ländern stationiert aber die Legende ist schwer mit geschichtlichen Daten (Rom in Britannien ab 43 n. Chr) vereinbar und wohl eher ein Symbol für eine von frühen Christen angestrebte Kontinuität mit heidnischen Heiligtümern. Denn nicht alle Missionare – oftmals selber ehemalige Heiden – waren Bilderstürmer. Manche jedoch gingen mit der Axt gegen heidnische Heiligtümer vor: Der Brite Bonifatius fällte die Donar-Eiche (Bild) im Jahr 723. Möglicherweise am Ort des heutigen Fritzlarer Doms. Nicht die feine englische Art. Ein zynischer Akt von Vandalismus? Wenn man ein sentimentales Geschichtsbild vermeiden will, muss man versuchen, den historischen Kontext zu verstehen. Das Christentum hat sich nie als naturreligiös dargestellt sondern es ist monotheistisch. Wir vermuten, das Fällen des Baums war ein symbolischer Akt der Leuten zeigen sollte dass sie mit der neuen Religion weder Tod noch Teufel (sprich: Die alten Götter & Göttinnen) fürchten müssten. Fest steht, dass sich das Christentum damals als eine durchsetzungsfähigere Religion erwies, als es zu dem Zeitpunkt das möglicherweise sehr fragmentierte Heidentum war. Bleibt hinzuzufügen dass der Göttername Thor oder Donar, dem die Eiche geweiht war, heute immer noch millionenfach in aller Munde ist: Jedesmal wenn wir Thursday oder Donnerstag sagen. The past isn’t dead. Wie es so schön heißt. It isn’t even past

Ein näherer Blick auf die Rolle von Bäumen in der Mythologie? Auf eine oder andere Weise begegnet der Baum uns überall in den Mythen: Drachentöter Siegfried erhält die einzige verwundbare Stelle durch das Blatt einer Linde. In einer alten Schöpfungslegende der Germanen wurde sogar der erste Mensch aus einem Stück Holz geformt das die Götter am Meer fanden. In der Tat beruht praktisch die gesamte heidnisch-germanische Kosmologie auf einem Baum: Der Weltenesche, genannt Yggdrasil, ein sich im ewigen Kreislauf befindendes Universum von verschiedenen aber miteinander verbundenen Welten von Göttern, Menschen, Tieren, Zwergen und Schlangen. Vielleicht veranschaulicht Oluf Olufsen Bagges Bild vom Weltenbaum Yggdrasil das Konzept vom Baum-Kosmos auf halbwegs nachvollziehbare Weise. Der Gott Wotan erhielt den Sagen nach, von der Weltenesche die Macht des Speers und das Geheimnis der Runen. Aber auch in anderen Kulturen stehen Bäume in einer (teils zweischneidigen) Verbindung mit Weisheit oder Erleuchtung: Wie der Bhodibaum von Siddharta Gautama in Indien. Oder in der griechischen Mythologie, der im Garten der Hespiriden stehende Baum mit goldenen Äpfeln für Ewiges Leben. Und da wäre natürlich auch der bibliche Baum der Erkenntnis und der schicksalshafte Biss in den Apfel. Was könnte die Erklärung für die Rolle des Baums in Mythen und Religionen sein? Lesen Sie weiter

Hatten Bäume eine prähistorische Rolle in Ritualen mit bewusstseinsverändernden Drogen? Auffällig finden wir, wie der Apfel in verschiedenen Religionen und Mythologien eine ambivalente Rolle spielt: Einerseits als Heilmittel, wie die Goldenen Äpfel des Lebens, andererseits als Gift oder Verhängnis wie beim biblischen Baum der Erkenntnis oder in einem Märchen wie Schneewittchen. Aber diese ambivalente mythologische Rolle von Bäumen, ihren Früchten und Produkten ist eigentlich völlig korrekt wenn man bedenkt wie viele Substanzen wir Bäumen zu verdanken haben: Aspirin aus Weidenbaumrinde ist nur ein Medikament von vielen. Neuste Forschungen deuten zum Beispiel darauf hin dass, wie Reuters 2008 berichtete, der Pilz phellinus linteus der auf der Rinde von Maulbeerbäumen wächst, eine ‘neue Waffe gegen Brustkrebs’ sein könnte. Aber Baumsubstanzen können auch giftig sein, es ist alles eine Frage des Wissens um Was, Wofür & Wieviel’. Waren Bäume in prähistorischen Zeiten heilig weil sie Heilung gaben? Es gibt auch bewusstseinsveränderende Substanzen in Blätter, Rinden und Früchten von Bäumen, und vielleicht gaben sie Menschen oder zumindest ihren Priesterkasten in der Vergangenheit religiöse Erfahrungen, Heils- und Schreckensvisionen. Interessanterweise wird in der biblischen Genesis beim Baum der Erkenntnis eigentlich von Frucht gesprochen, was nicht unbedingt ein Apfel sein muss. An Bäumen wachsen viele Sachen, zum Beispiel auch Misteln und Pilze. Wichtiger Punkt: Die Tatsache dass Pilze so gut an oder um Bäume herum gedeihen, beruht auf einer speziellen biochemischen Symbiose zwischen Bäumen und Pilzen, die mit ihren Wurzeln ein riesiges unterirdisches Netz formen und sich gegenseitig Nährstoffe zuführen. Einer der bemerkenswertesten Funde an der ältesten Mumie der Welt, dem über 5000 Jahre alten Europäer Ötzi, war ein ledernes Halsband an dem ein Pilzring baumelte: Ein Birkenporling (Foto). Dieser Pilz wächst, wie der Name schon sagt, an Birkenbäumen und Wissenschaftler glauben dass der Birkenporling für Ötzi ein ritualistisches oder medizinisches Utensil war und wahrscheinlich wie ein Teebeutel in kochendes Wasser getunkt wurde und so seine Wirkungsstoffe entfaltete – wenn auch für Ötzi leider zu spät. Vielleicht ist einer der Gründe für den hohen Stellenwert des Baums in Mythologie, Kunst und Kultur  dass unsere Vorfahren Substanzen von Bäumen zu Heilungszwecken oder in schamanistischen Ritualen benutzten. Ganz abgesehen davon dass er uns Material für Häuser, Nahrung, Brennstoff, Schiffe, Räder, Fässer, Musikinstrumente und viele andere Dinge gibt, ohne die wir uns das Leben wie wir es kennen und lieben kaum vorstellen können, ist der Baum vielleicht wirklich der beste Freund den wir haben. Oder zumindest hatten

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