Supper’s Ready: Mit William Blake & Gebetskapseln

Die Band Genesis hat uns damals als wir Teenager waren, erstaunlich viel bedeutet. Wahrscheinlich hat kaum jemand von uns danach nochmal eine Band so verehrt. Genesis hatten damals noch nicht den Status eines allseits bekannten und beliebten Markenartikels sondern waren eine Art Geheimtipp mit einer künstlerisch-intellektuellen Aura. Als wir auf ein Konzert der ‘Lamb lies down on Broadway’ Tour wollten, bekamen nicht alle ein Ticket. Wir standen draußen vorm Stadion und ärgerten uns schwarz. Das bisschen was man von der Musik draußen hören konnte, machte einen nur noch bitterer. Unsere Freunde machten heimlich eine ziemlich gute Kassettenaufnahme vom Konzert, inklusive Peter Gabriels netten deutschsprachigen Erklärungen zwischen den oftmals obskuren Liedern: ‘Die junge Mann ko-o-mmt aus die U-Bahn mit eine Spraydose in die Hand und die Welt scheint so fremd für ihn…’. Oder so ähnlich. Peter Gabriel war immer schon eine Art ehrenamtlicher Seelendoktor und Sozialarbeiter. Wenn man heute die alte Genesis-Musik hört, wundert man sich fast, wie wir diese ungewöhnliche, eigentlich un-rockige Musik so mochten. Wir kannten jede musikalische Nuance, jedes Wort auswendig. Diese Musik war nicht tanzkompatibel, die Texte waren keine konventionellen Liebeslieder über Frauen. Aber es lief es uns sprichwörtlich eiskalt über den Rücken als in dem Lied ‘The Musical Box’ ein alter Mann, versunken in Isolation und Kindheitserinnerungen, schrie: Du stehst da mit erstarrter Miene und zweifelst alles an was ich sage…warum berührst du mich nicht – jetzt, jetzt, jetzt! So was hatten wir noch nie gehört. Und so ging es weiter: Bizarre Texte über Missetaten von viktorianischen Kindermädchen, über fleischfressende Pflanzen, mythologische Figuren, Isolation und Entfremdung, Mehr Hermann Hesse als Elvis Presley. Als Peter Gabriel nach sechs Studioalben Genesis verließ, waren die neuen Alben, mit Phil Collins am Mikrofon, für uns anfangs eine relative Entäuschung, besonders nach dem komplexen Doppelalbum ‘The Lamb lies down on Broadway‘ (1974). Herrgott, wir schrieben sogar einen (hoffentlich unabgeschickten) Brief an die Band in dem wir uns ernsthaft besorgt über die ‘kommerziellen Tendenzen’ des neuen Alben äußerten? Leser die jetzt murmeln: Eure Sorgen hätt’ ich gern, haben völlig Recht, aber es gab ja damals noch keine vernünftige Unterhaltung für junge Menschen, so wie ‘Deutschland sucht den Superstar‘. Im Ernst: Von Rock, Pop, Film oder TV zu erwarten, dass es immer bahnbrechende Kunst und nicht auch mal Unterhaltung sein kann, ist weltfremd oder dogmatisch. Aber so wunderbar klipp und klar und über jeden Zweifel erhaben zu sein, das ist nun mal das Privileg der Jugend. Wir werden Ihnen, liebe Leser, in dieser Serie die 10 besten Lieder unserer vielleicht letzten großen Lieblingsband vorstellen. Mit vielen Geschichten, Infos und Anekdoten die wir im Laufe der Jahre gesammelt haben. Dabei werden wir auch auf einige Solo-Projekte von Gabriel, Collins und anderen Bandmitgliedern eingehen. Jetzt, zum ersten Lied

Supper’s Ready: Das archetypische Progrockstück? Falls Sie das Pech – oder Glück – hatten, die klassische Ära des Progressiven Rocks der frühen 1970er Jahre nicht miterlebt zu haben und vielleicht gar nicht so genau wissen was Progrock eigentlich ist, könnte das Genesis-Album ‘Foxtrot (1972) einer nützlicher Anfang sein. Denn das knapp 23 Min. lange Stück ‘Supper’s Ready‘ verkörpert so gut wie alles was am Genre des Progressive Rock spannend und experimentell war. Ein, zwei andere Lieder auf dem Album veranschaulichen, hier und da, auch wie Progrock sich gelegentlich in den Fuß schießen konnte. Für uns klingt z. B. das 1:30 minutenlange pseudo-wagnerianische Mellotron-Intro zu ‘Watchers of the Skies’ heute arg bleiern – und unnötig, denn die restlichen sechs Minuten des Lieds sind gut. Eine Sache die das phänomenale Titellied ‘Supper’s Ready‘ mit anderen Progklassikern wie ‘Close to the Edge’ von Yes gemein hat, ist dass hier keine konventionelle Lied-Struktur nach dem Muster Strophe/ Refrain/ Strophe vorhanden ist, jedenfalls nicht regelmäßig und offensichtlich. Obwohl Passagen wie ‘Baby, with your guardian eyes so blue’ und ‘I’ve been so far from here…’ am Anfang sowie am Ende des Lieds gespielt werden, ist das Gesamtgefühl, dass ‘Supper’s Ready‘ eine lineare Struktur hat und sich von einem musikalischen Element zum nächsten entwickelt. Dies gibt dem Lied den Charakter einer Geschichte oder sogar einen kleinen Rock-Oper. Ein Eindruck der damals auch dadurch bestärkt wurde, dass Peter Gabriel auf der Bühne dazu in verschiedenen Masken und Verkleidungen auftrat

Was für eine Geschichte wird in Supper’s Ready erzählt? Musiker geben auf solche Fragen meist ungern exakte Antworten, vielleicht weil es in der Natur der Kunst liegt dass vieles auf intuitive, improvisatorische Weise erarbeitet wird und dadurch etwas entsteht das verschiedene Interpretationen erlaubt. Gut so. Aber in den bruchstückhaften Bildern, Erinnerungsfetzen, Fantasien und Albträumen des Textes von ‘Supper’s Ready‘ sind für uns persönlich drei Themen kaum zu übersehen: Drogen, Religion, Wahnsinn. Sofort nachdem der Protagonist des Lieds in der ersten Zeile den Fernseher ausgeschaltet hat und sich neben seinen echten oder imaginären Partner hinsetzt, beginnen surrealistische Visionen die sowohl religiöse sowie psychopharmazeutische Konnotationen haben: Kreuztragende Figuren mit Kutten, Magog, die Zahl 666, die Apokalypse und ein Engel in der Sonne werden erwähnt. Hinweise darauf dass es um jemanden gehen könnte, der drogeninduzierte Visionen hat oder sich vielleicht sogar in Behandlung befindet, geben (von uns übersetzte) Zeilen wie: ‘Und sie geben mir eine wundervolle Medizin, weil ich meine Gefühle nicht kontrollieren kann, und obwohl ich mich gut fühle, sagt mir irgendwas, dass ich besser meine Gebets-Kapseln nehmen sollte’. Auch den Begriff ‘Guaranteed Eternal Sanctuary Man’ im Lied könnte man als‘garantiert für immer in der Anstalt’ deuten. Hier besteht eine gewisse Parallele zu Pink Floyds sieben Monate später veröffentlichtem Album ‘Dark Side of the Moon’ das ebenfalls Themen wie Wahnsinn und Religion enthält.. Verblüffenderweise schaffen beide Alben es, ihre lyrisch ziemlich düsteren Themen mit großteils melodischer und oftmals ekstatisch klingender Musik zu verbinden. So schmelzen die fragmentarischen Elemente von ‘Supper’s Ready’ zu einem faszinierenden Gesamtbild zusammen. Wenn Kunst uns erlaubt, eigene Interpretationen zu wagen, kommen wir bei ‘Supper’s Ready’ auf folgenden Gedanken: Was ist die Grenze zwischen Religion und Wahnsinn? Folgend stellen wir einige der interessantesten musikalischen Momente des Stücks Supper’s Ready vor, hier der entsprechende YouTube Clip dazu.

Möchten Sie unsere 14 Lieblingsstellen von Supper’s Ready kennenlernen? Keine Sorge, ganz normal!
1.  0:01 Gabriels Stimme wird, eine Oktave höher, von Gabriel selbst und 12-string Akustikitarre begleitet
2.  2:39 Tony Banks setzt mit ‘hüpfender‘ Melodie auf E-Piano ein. Ab 3:19 kommt Gabriels Querflöte dazu
3.  4:22 Phil Collins’ Backbeat am Schlagzeug setzt ein, ab 4:30 spacige Gitarrenklänge von Steve Hackett
4.  5:29 Abrupter Stop – typisch Prog! – dann Kinderstimmen. Flöte greift kurz wieder Anfangsmelodie auf
5.  6:32Waiting for Battle‘ Damit beginnt eine Art Rock / Militärmusik, mit Trommelwirbeln & Flötentrillern
6.  7:41 Fette Staccato-Klänge von Hacketts Gibson Les Paul, ab 8:04 mit Keyboard-Harmonie, noch fetter
7.  8:34 Day to celebrate, Schlacht gewonnen. Auf die Staccato-Riffs folgt eine fröhliche Gesangsmelodie
8.  9:40 Volumen wird wieder völlig runtergeschraubt – um so effektiver ist der Einsatz ‘A Flower?‘ bei 11: 03
9.  12:28 Umpah-Rhythmus wird vom Ruf All change unterbrochen. Staccato-Piano á la Queen setzt ein
10. 13:38 Erneuter Umpah-Rhythmus bricht abrupt ab. Stattdessen: Atmoshärische Keyboardklänge
11. 15:37 Hypnotischer, pumpender Rhythmus zu apokalytischen Bildern: ‘Guards of Magog‘ etc.
12.. 20:04 Röhrenglocken* und Gabriels ‘Hey babe’ leiten musikalischen Wechsel und Mega-Finale ein
13.  20:30 Peter Gabriel singt um sein Leben, Gänsehaut-Gitarrenriffs, Aufnahme im Progrock-Himmel
14.  22:57 Alles per Pausentaste ausgecheckt? Dann werden Sie hiermit zum Prog-Trainspotter ernannt!
* Auch tubular bells genannt. Somit wären Genesis Mike Oldfield mit diesem Orchesterinstrument fast um ein Jahr zuvorgekommen

Albumcover: Anspielungen auf Supper’s Ready und ein vergangenes England? Es gibt drei LP-Cover mit einer Verbindung zu Supper’s Ready: Auf ‘Genesis Live (1973) sieht man die Band während des Lied-Segments ‘Apocalypse in 9/8′ von Supper’s Ready, wo Peter Gabriel ab der Zeile ‘666…’ eine schwarze Kutte und eine Art umgekehrte Pyramide auf dem Kopf trägt. Kurios zu sehen, wie andere Bandmitglieder damals noch brav über ihre Gitarren gebeugt auf Stühlen saßen. Hinweise auf den künstlerischen Hintergrund der Band geben auch die Cover für ‘Nursery Cryme‘ (1971) und ‘Foxtrot‘ (1972). Wir besitzen beide als Vinyl-LPs und empfehlen Design-Fans und LP-Sammlern besonders das erstgenannte, mit einem unserer Lieblings-Progrock-LP-Designs. ‘Nursery Cryme‘s Cover deutet – speziell wenn Vorder- und Rückseite aufgeklappt das Gesamtbild ergeben – auf eine Faszination an einem traditionellen, viktorianisch geprägten England, einer Welt mit Hausmägden und Croquet auf dem gepflegten Rasen aristokratischer Landhäusern.

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Die Spieldose ‘The Musical Box’ ist hier ein archetypischer Artefakt der Epoche und zugleich das zentrale Lied von ‘Nursery Cryme’. Die Spieldose wird auch wieder in Supper’s Ready in der Zeile ‘like the fox on the rocks, and the musical box’ erwähnt. Die Hauptfigur des Foxtrot-Albumcovers die, halb Mensch, halb Fuchs im roten Abendkleid, auf einer Eisscholle vor Jägern und Hunden (die nur aufgeklappt zu sehen sind) entkommt, beruht auf Bühnenklamotten die Peter Gabriel in Konzerten bei dem Lied The Musical Box’ trug. Unser Gesamteindruck dieser Genesis-Periode der frühen 70er Jahre? Das vom 19. Jahrhundert geprägte Milieu der gehobenen Mittelschicht aus dem die Internatsschüler Gabriel und seine Bandkumpanen stammten, war eine Welt die in den 60er, 70er Jahren sehr starke Auflösungserscheinungen hatte. Dass diese Welt im Widerspruch zur Popkultur stand und dennoch als Nährboden für ihre Avantgarde diente, ist ein faszinierender Aspekt von Genesis. Die Band machte das ihr anhaftende wunderlich-britische zum Markenzeichen und vermied selbst in ihrer späteren kommerziellen Phase weitgehend die gängigen Klischees der Rockmusik

Hat Supper’s Ready eine Verbindung zu einem Gedicht von William Blake? Bei Konzertfilmaufnahmen sieht man Peter Gabriel zu Beginn von ‘Supper’s Ready’ mit einem zwei Minuten langen Sketch, einer kleinen Geschichte bei der Gabriel mitunter zu einem Swing-Beat von Phil Collinis über die Bühne marschiert. Die Story von ‘Old Michael’ der im Park für die Würmer das Lied ‘Jerusalem’ singt, hat eine kuriose Verbindung zu dem britischen Maler und Dichter William Blake (1757-1827). Das Lied Jerusalem das Gabriel im Sketch erwähnt (‘Jerusalem-Boogie’ ) und dessen Melodie er pfeift, ist in England so etwas wie die inoffizielle Nationalhymne und beruht auf William Blakes enigmatischen Gedicht ‘And did those feet in ancient time’ (1804). Enigmatisch u. a. deshalb weil derjenige der In alten Zeiten auf Englands grünen Hügeln wandelte, Legenden gemäß kein anderer gewesen sein soll als ein junger Jesus Christus, der mit seinem wolhabenden, seefahrenden Onkel Josef von Arimathäa das südenglische Glastonbury besucht haben soll. Die Idee dass Südengland und vielleicht sogar dessen heilige Orte vorchristlicher Religionen, quasi Europas neues religiöses Zentrum, also sinngemäß das ‘Neue Jerusalem’ sein sollten, muss für Engländer des 19. Jahrhunderts eine attraktive Prämisse gewesen sein. Interessant ist auch – imitiert das Leben die Kunst? – dass an genau diesem südenglischen Ort jährlich eins der größten Rock-Events der Welt stattfindet, Glastonbury Festival. Wir erlauben uns als Netzmagazin für Kultur & Mythologie noch folgende Frage: Ist Peter Gabriels christliche Mystik im Text von ‘Supper’s Ready’ ernst gemeint oder, wie manche Rezensenten meinen, eher ein Gag? Wer weiß. Tatsache ist dass Gabriels Soundtrack ‘Passion: Music for The Last Temptation of Christ’ (1989) für den kontroversen Scorcese-Film ‘Die letzte Versuchung Christi’ (1988) zur besten Musik gehört die der Mann nach seiner Genesis-Zeit gemacht hat

Rockband Genesis in moderner Literatur: Ist Bret Easton Ellis ein Fan? Gut möglich, auch wenn wir anhand unseres ersten Eindrucks von ‘American Psycho‘ (1992) diesem Mr. Bret Easton Ellis lieber Austen-Romane anstatt Genesis-LPs verordnen würden. Als wir hörten dass der berüchtigt brutale Roman ein ganzes Kapitel über die Genesis-Alben der Phil-Collins-Ära enthielt, haben wir das Ding im Namen der Wissenschaft gekauft und das Genesis-Kapitel durchgelesen (und den Rest des Buchs angelesen). Da es hier um Genesis geht, sagen wir über den Roman an dieser Stelle nur dies: Nicht unser Ding – aber das Genesis-Kapitel ist erstaunlich gut und offensichtlich von jemandem geschrieben der sich mit späteren Alben der Band detailliert beschäftigt hat und zudem eine echte Affinität zu Musik zu haben scheint. Wir werden in zukünftigen Artikeln genauer auf Bret Easton Ellis’ Beurteiliung von Genesis eingehen, heute nur soviel: Was schätzen Sie, ist das Lieblingsalbum des Psychokillers Patrick Bateman? Antwort: ‘Invisible Touch‘ (1986), denn für Peter Gabriel oder Gabriel-Ära-Genesis hat der Bösewicht nämlich nichts übrig. Tja, wir sagen’s ja: Man muss verrückt sein um Prog-Klassiker wie ‘Foxtrot‘ (1972) nicht zu mögen!

Trick 17: Supper’s Ready inoffiziell 1.39 Min. länger geniesen? Manche musikalische Zusammenhänge geraten durch MP3, Downloading etc. in Vergessenheit: Zum Beispiel bestand ‘Supper’s Ready’ für uns immer aus einer ganzen Schallplattenseite, das heißt, das kurze akustische Gitarrenstück ‘Horizons’ am Anfang, klang für uns wie ein Prélude zu ‘Supper’s Ready’. Ohne ‘Horizons’ fängt ‘Supper’s Ready’ für unsere Begriffe nämlich ziemlich abrupt an. Zudem passen die beiden Stücke von der Tonart her gut zusammen. Wenn das von J.  S. Bach beeinflusste Horizons‘ auf G-Dur endet und dann prompt der Gesang von ‘Supper’s Ready mit einem A-Moll Akkord einsetzt, klingt das optimal und nicht nach Zufall. Wir empfehlen MP3-Fans, beide Lieder in Reihenfolge

Aufführung von Supper’s Ready sehen? War lange Zeit schwierig und nur in grottenschlechter Bootleg-Qualität zu sehen. Aber auf dem monumentalen 13-Disc-Box-Set (7-CD + 6-DVD) ‘Genesis 1970-1975‘ (2008) gibt es zusammen mit den fünf klassischen Genesis-Alben der Peter-Gabriel-Ära, erstmals offiziell und in guter Qualität eine komplette Aufführung von ‘Supper’s Ready’ aus dem Jahr 1974 in Frankreich zu sehen. Plus Stunden an anderen Extras, Interviews etc. auf die wir in zukünftigen Artikeln noch genauer eingehen werden. Wenn Sie großer Genesis-Fan sind, kaufen Sie sich die Box (ca. 100 Euro) solange sie noch neu erhältlich ist. Amazon-Links folgen am Ende des Artikels

Warum spielen Genesis heute nicht mehr Supper’s Ready? Wir fanden es gut, in einem Zeitungsinterview zu lesen, wie Genesis offenherzig zugaben dass sie ‘Supper’s Ready’ heutzutage schlichtweg zu schwierig zu spielen finden und den Job lieber Genesis-Coverbands überlassen. Jeder der mal eine Gitarre in der Hand gehabt hat, kann diesen Kommentar nur zu gut nachempfinden. Um das Stück angemessen darzubieten, sind vermutlich Wochen von Proben nötig. Bedenken zu dem Lied gab es auch schon zur Zeit seiner Entstehung: In einem Interview mit Original-Gitarrist Steve Hackett lasen wir dass er aufgrund der Komplexität des Stücks überzeugt war dass ‘Supper’s Ready’ den kommerziellen Selbstmord von Genesis besiegeln würde. Zum Glück täuschte er sich. Coverbands wie die Kanadier The Musical Box genießen übrigens das Wohlwollen der Band. Phil Collins und Genesis-Gitarrist Steve Hackett kamen sogar mal als Gaststars mit ihnen auf die Bühne. Hier zeichnet sich ab, dass einige Prog-Klassiker, ähnlich wie klassische Opern oder Theaterstücke, wahrscheinlich noch in 100, oder 200 Jahren auf Bühnen zu hören sein werden. Genesis-Liveversionen von ‘Supper’s Ready’ gibt es auf dem Album ‘Seconds Out‘ (1977) mit Phil Collins als Sänger und sogar 1:30 Min. länger als die Studioversion. Original-Sänger Peter Gabriel ist mit ‘Supper’s Ready’ live auf dem 4-CD-Boxset ‘Genesis Archive 1967-75‘ (1998) zu hören. Apropos:

Kündigt sich auf einer Version von Supper’s Ready die Spaltung von Genesis an? Bei dem gerade erwähnten 4-CD-Boxset ‘Genesis Archive 1967-75‘ (1998) ist auf der ‘Supper’s Ready’ Liveversion von 1973 ein symbolträchtiger Moment: Bei Peter Gabriels gesprochenem Intro, dem oben beschriebenen ‘Jerusalem-Sketch’, verpasst es Phil Collins, mit dem Swing-Beat einzusetzen bei dem Gabriel über die Bühne marschiert. Darauf hin beschwert sich Gabriel ‘Heh, da sind Zuhörer da draußen’, worauf Collins amtwortet, dass er Gabriel nicht zugehört habe. Das Publikum lacht. Aber diese Situation zeigt die wachsenden Spannungen in Genesis. Teils aufgrund der Tatsache dass die anderen Bandmitglieder den Großteil der Musik schrieben und nicht vorbehaltlos darüber begeistert waren dass Texter und Sänger Peter Gabriel fast die gesamte mediale Aufmerksamkeit erhielt. Das war nicht nur künstlerische Eitelkeit sondern auch Ausdruck davon dass Genesis nicht zu abhängig von einem einzelnen Mitglied sein wollte. Ein Ansatz der sich bewährte, denn als Gabriel die Band etwa zwei Jahre nach diesem Vorfall verließ, blieben Genesis, wider aller Erwartungen, nicht nur am Leben sondern wandelten sich von einer finanziell klammen Kultgruppe zu einer der erfolgreichsten Bands der Welt. Peter Gabriel bewies in folgenden Jahrzehnten den Mut, immer wieder neue Wege zu gehen, sei es Gabriels Interesse und Unterstützung für indigne Musik aus der Dritten Welt – lange bevor das in Mode war – oder die originelle und durchaus gut klingende Initiative, einige seiner Alben komplett in deutscher Sprache aufzunehmen, siehe Gabriels ‘Ein Deutsches Album’ (1982). Wir schätzen, die Genesis-Spaltung war eine klassische Win-Win-Situation und hoffen, noch lange von diesen bemerkenswerten Musikern zu hören.

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