Fahrenheit 451: Cynics might say it's the web, not flame throwers killing books. But in the end, almost prophetically, the books actually become intellectual entities, independent of paper. There's a BBC radio play online. Link below

Ein BBC-Hörspiel nach Ray Bradburys Klassiker Fahrenheit 451 ist online. Link am Ende des Blogposts. Wir haben uns gestern auch die 1966 Verfilmung von François Truffaut angesehen. Ein Film der immer noch gut rüberkommt, vielleicht auch weil er eine zusätzliche Signifikanz bekommen hat. Bücher und Print sind ja, wenn auch nicht verboten, tatsächlich auf einem absteigenden Ast. Bedroht, wie Zyniker trocken hinzufügen könnten, nicht von Flammenwerfern und uniformierten Aufpassern, sondern vom Internet und der digitalen Revolution generell. Weil diese Revolution jedoch dazu geführt hat dass heute mehr gelesen wird als je zuvor, wenn auch auf PC-Bildschirmen und E-Book-Readern, scheint Bradburys Geschichte auf den ersten Blick eine schwarzmalerische Fehlanzeige zu sein. Aber bei genauerer Betrachtung kann man Fahrenheit 451 auch andere Interpretationen abgewinnen: Zum Beispiel die Tatsache dass bei Bradbury die Bücher am Ende tatsächlich, und fast prophetisch, zu rein intellektuellen Entitäten werden die unabhängig von Papier existieren. Man könnte Bradburys Hoffnungsschimmer am Ende des Romans als eine dichterische Vorahnung von der digitalen Revolution bezeichnen. Nicht schlecht, für ein Sci-Fi Szenario das als Roman im Jahr 1953 veröffentkicht wurde. Dieser Vorgang wird von Truffautauch filmisch eindrucksvoll dargestellt: Eine Gruppe von Dissidenten lebt in alten ausrangierten Eisenbahnwagons im Wald und die Leute lernen die Bücher dort bei Spaziergängen auswendig. Die Bücher werden also, wenn auch mit einigen Schwierigkeiten, auf ein anderes Medium als Papier übertragen. Sie werden sprichwörtlich Teil von einem kulturellen Gedächtnis. Wenn man digitale Informationsspeicherung als Erweiterung unserer Erinnerungsgabe ansieht, dann hat Bradbury in Fahrenheit 451 das menschliche E-Book erfunden.

Das Mädchen schien einen Augenblick zurückzuweichen, doch blieb stattdessen stehen und blickte ihn an, mit Augen so dunkel, glänzend und voller Leben waren. ‘Ach ja’, sagte er,’du bist doch die neue Nachbarin?’ ‘Und Sie sind sicher’- blickend auf seine Berufsabzeichen – ‘der Feuerwehrmann.’ ‘Dann drehte sie sich um, in die Richtung in der sie wohnten. ‘Darf ich mit Ihnen zurückgehen? Ich heiße Clarisse McClellan.’ ‘Ich bin Guy Montag’, antwortete er. ‘Was tust du hier draußen noch so spät?’ ‘Manchmal laufe ich die ganze Nacht umher und sehe dann zu, wie die Sonne aufgeht.’ Dann sagte das Mädchen nachdenklich: ‘Wissen Sie, ich habe gar keine Angst vor Ihnen.’ Er war verdutzt. ‘Weshalb solltest du Angst haben?’ ‘Viele Leute haben Angst. vor der Feuerwehr. Aber Sie sind auch nur ein Mensc’ ‘Wie lange arbeiten Sie schon bei der Feuerwehr?’ ‘Seit ich zwanzig wurde, vor zehn Jahren.’ ‘Lesen Sie jemals welche von den Büchern, die Sie verbrennen?’ Er lachte. ‘Das ist doch verboten!’ ‘Ach so, ja.’ ‘Es ist ein schöner Beruf. Montag verbrenne Millay, Mittwoch Whitman, Freitag Faulkner, brenne sie zu Asche, dann verbrenne noch die Asche. Das ist unser Motto.’ Sie gingen weiter. Das Mädchen fragte: ‘Ist es wahr, dass die Feuerwehr einst Brände bekämpfte, statt sie zu entfachen?’ ‘Nein. Die Häuser waren schon immer feuerfest, verlass dich drauf.’ (Gekürzte Romanpassage)

Found a 60s Spanish edition. Nice cover, based on Oskar Werner & Julie Christie. Above them, the suspension railway. A closer look: The numbers 451 consist of book print

Die Filmszene in der Menschen im verschneiten Wald ihre Bücher memorisieren, wird auch auf dem obigen Bild dargestellt, das von der CD von Bernard Herrmanns Soundtrack für den Film stammt. Wenn die Geschichte also kein wehleidiger Abgesang auf Bücher per se ist, könnte man sie dann vielleicht als Kritik an einem zunehmenden kulturellen dumbing down ansehen? Bradbury und Truffaut zeigen ja eine Zukunft in der Menschen mit dumpfer TV-Unterhaltung anstatt von Büchern abgespeist werden. Das Staatsprinzip namens Brot und Spiele. Das Problem bei dieser Interpretation wäre eine implizite Arroganz die meint, entscheiden zu können was Gute Kultur ist und diese gerne verordnen möchte. Man leicht dass so manches was früher als Trash oder chaotische Jugendkultur galt, ein paar Jahrzehnte später, manchmal in den Feuilletons der selben Zeitungen als Klassiker hochgejubelt wird. Oder umgekehrt. Regisseur François Truffaut – der sich nicht die Gelegenheit nehmen lässt, Dutzende von Büchern namentlich zu erwähnen, zu zitieren und von Flammen umzüngelt zu zeigen – geht damit auf folgende Weise um: Neben allgemein anerkannten Klassikern von Dickens, Austen, Melville, Tolstoy, Cervantes, Dostojewski, den Brontë-Schwestern und vielen anderen dieser Art, zeigt Truffaut auch mehrere triviale, kontroverse und sogar berüchtigte Bücher auf dem Scheiterhaufen der Diktatur. Deren Titel und Autoren überlassen wir getrost der Vorstellungskraft unserer Leser. Das Hörspiel ist eindrucksvoll gemacht, hier wird u. a. Matthew Arnolds Gedicht Dover Beach zitiert, und eins der Bücher das der an seinem Job zweifelnde Feuerwehrmann Guy Montag mit nach Hause schmuggelt, ist die Bibel.

 

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Ray Bradbury: Fahrenheit 451 als BBC-Hörspiel von 2003 online Das BBC-Hörspiel Fahrenheit 451. Mit Stephen Tomlin (als Feuerwehrmann Guy Montag), Tracy Wiles (als die  17-jährige Clarisse), Christian Rodska (als Montags Vorgesetzter Captain Beatty), Colin Rote (als Marcus), Owen Gannon (als Blake), David Hott (als Tobias), Sunny Ormonde (als Rachel), Peter Meakin (als Mason), David Hott (als Powell). Hörspielbearbeitung: David Calcutt. Regie: Rosemary Watts. Produktion von 2003

Hinweis Die MP3-Dateien bei dem gemeinnützigen Projekt namens Internet Archive (siehe Wikipedia) können angehört oder, falls erwünscht, auch herunterladen werden. Wenn Sie in der Rubrik ‘Download Options’ auf ‘MP3′ klicken, öffnet sich eine Abspielgerät und dann haben Sie beide Optionen

Ray Bradbury: Fahrenheit 451 als deutsches Hörspiel von 1994 online Das MDR-Hörspiel mit Heinrich Giskes (als Guy Montag), Conny Wolter (als Clarisse), Vadim Glowna (Hauptmann Beatty), Susanne Bard (Mildred), Rolf Hoppe (Prof. Faber), Hilmar Eichhorn (Black), Ute Loeck (Hellen), Bettina Riebesel (Conny), Friedo Solter (Granger), Wolfgang Winkler (Dr Simmons), Gert Gütschow (Prof. West), Marylu Poolman (alte Frau). Bearbeitung: Steffen Birnbaum, Wolfgang Zander, Christian Hussel. Regie: Holger Rink. 55 Min.

Film-Info Truffaut  Ein Trailer für die Verfilmung Fahrenheit 451 (1966) von Truffaut mit Kameramann Nicolas Roeg / DVD mit Extras wie Audiokommentar von Julie Christie ist im Handel erhältlich

Pic From CD with a new recording Bernard Herrman’s Fahrenheit 451 soundtrack

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