2014 WDR radio production about World War I memoir ‘Storm of Steel‘ (1920) by Ernst Jünger online. Introduced by German literature professor Helmuth Kiesel, who explains why Jünger‘s often dry, matter-of-fact style is still considered controversial

Eins der berühmtesten Bücher über den Ersten Weltkrieg. Nicht nur in Deutschland sondern auch international bekannt. Während Ernst Jünger (1895-1998) in Deutschland umstritten ist, genießt er im Ausland hohes Ansehen. Meine englische Ausgabe Storm of Steel vom Penguin Verlag enthält reihenweise lobende Zitate von renommierten britischen Zeitungen wie Daily Telegraph und Sunday Times. Der französische Schriftsteller André Gide wird folgendermaßen zitiert: ‘Without question the finest book on war that I know: utterly honest, truthful, in good faith‘. Das WDR-Hörspiel von 2014 ist eine interessante Produktion, genau genommen ein Doku-Hörspiel, insofern dass eine Geräuschkulisse und mehrere Sprecher darin vorkommen, aber auch aktuelle Kommentare die Ernst Jüngers Buch – das viel Berichterstattung aber wenig Meinung enthält – in einen Kontext setzen. Es wird Jünger ja mitunter vorgeworfen dass er die Kriegsereignisse zwar akribisch beschreibt, aber nie hinterfragt oder gar in Frage stellt. Bei modernen Kriegsbücher und Kriegsfilmen schwingt ja immer die Frage mit: Warum nehmen wir an diesem Irrsinn überhaupt teil? Für wen machen wir das? Wer profitiert davon? Der moderne Kommentator in dieser WDR-Hörfunkproduktion ist Helmuth Kiesel, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Heidelberg. Sein Name ist auch Teil des Hörspieltitels: ‘Professor Kiesel. In Stahlgewittern‘. Hier mag der eine oder andere Leser fragen, warum man den weltbekannten Autor Ernst Jünger nicht einfach mit seinen eigenen Worten repräsentiert? Beschreibungen hat Jünger zu Genüge.

Der Zug hielt in Bazancourt, einem Städtchen der Champagne. Wir stiegen aus. Mit ungläubiger Ehrfurcht lauschten wir den langsamen Takten des Walzwerks der Front, einer Melodie, die uns in langen Jahren Gewohnheit werden sollte. Ganz weit zerfloss der weiße Ball eines Schrapnells im grauen Dezemberhimmel. Der Atem des Kampfes wehte herüber und ließ uns seltsam erschauern. Ahnten wir, dass fast alle von uns verschlungen werden sollten an Tagen, in denen das dunkle Murren dahinten aufbrandete zu unaufhörlich rollendem Donner – der eine früher, der andere später? Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen und waren in den kurzen Ausbildungswochen zu einem großen, begeisterten Körper zusammengeschmolzen. Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch.  (Anfangszeilen von ‘In Stahlgewittern‘ Ernst Jünger)

Aber wenn man Jüngers Buch wie ein Landser-Hörspiel dramatisieren würde, gäbe es anstatt von einem Stahlgewitter ein obligatorisches Mediengewitter. Allen voran, in Zeitungen die ansonsten den öffentlich-rechtlichen Sendern vorwerfen, einen Linksdrall zu haben. Damit täte man Jünger also keinen Gefallen. Zudem erweist sich dieser Prof. Dr. Kiesel als ein Mann der Gold wert ist. Er verfügt über enormes Fachwissen über Jünger, verdeutlicht zum Beispiel beim Besuch im Deutschen Literaturarchiv Marbach die Unterschiede zwischen früheren und späteren Ausgaben des Kriegstagebuchs das erstmals 1920 veröffentlicht wurde. Darüber hinaus hat Kiesel eine sympathische Art, den Mann und sein Werk darzustellen. Eine hörenswerte Produktion, bei der man dankbar ist, dass es noch Medien gibt die unabhängig von Werbung und Klickzahlen sind. Ich wünsche nachdenkliche Unterhaltung. Vor allem wünsche ich, dass nie mehr so viele junge Leute aus aller Herren Länder solche Zeiten durchmachen müssen wie in den Stahlgewittern von Ernst Jünger.

 

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Ernst Jünger: ‘In Stahlgewittern’ als WDR-Hörspiel online Die WDR-Produktion ‘Professor Kiesel. In Stahlgewittern‘. Mit Konstantin Lindhorst (als Ernst Jünger), Ronald Kukulies (als Reimar Lenz), Helene Grass (Ansagerin), David Schütte (Musik), Ernst Jünger (im Originalton). Länge: 53 Min. Regie: Gerrit Booms. Dramaturgie: Isabel Platthaus. Eine Produktion vom Jahr 2014

Foto-Info  Mein Taschenbuch vom Penguin Verlag, 2003. Cover: Deutsche Soldaten an der Ostfront 1915

Helmuth Kiesel Es gibt über den Autor von Ernst Jünger: Die Biographie (2007) einen Eintrag bei Wikipedia

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