Unser Foto von Pattie Boyds 'Wonderful Today' (2007) und der Rückseite der LP Layla and Other Assorted Love Songs (1970)

Man ist geneigt, Büchern die über das Privatleben von Rockstars erzählen, mit Zynik zu begegnen. Aber Pattie Boyds ‘Wonderful Today‘ (2007) hat unsere Erwartungen übertroffen und ist in der Tat eins der aufschlußreichsten Bücher über die Popkultur der 60er und 70er Jahre das wir gelesen haben. Wir haben einiges dieser Art, inklusive der Autobiografie von Boyds früherem Ehemann Eric Clapton. Die Tatsache dass Clapton trotz der Scheidung eine hohe Meinung von Pattie zu haben scheint, bekräftigt den Eindruck dass ‘Wonderful Today‘ ein ehrliches aber kein revanchistisches Buch ist. Eine der für uns überraschendsten Erkenntnisse aus dem Buch ist dass Pattie es rückblickend bereut, nicht intensiver versucht zu haben, ihre vorherige Ehe mit George Harrison zu retten. Obwohl man den Eindruck bekommt dass diese Ehe, aufgrund Harrisons Drogenproblemen und seiner ehelichen Untreue (u. a. mit Ringo Starrs Ehefrau Maureen), nicht einfach war. Die ehemalige Klosterschülerin Pattie Boyd hatte mit ihrer gutgläubigen und unkomplizierten Natur scheinbar eine magnetische Wirkung auf problematische Rockstars. Wir erwarteten Anekdoten, und es gibt sie. Die notorische Unfähigkeit von Rockmusikern, alltägliche Probleme zu meistern, hat auch hunmorvolle Seiten: Dass Clapton zur Bestehung seiner Fahrprüfung einen Mann schickte der ihm etwas ähnlich sah, klingt plausibel. Auch die Warnung dass stundenlanges, tagelanges Singen von hinduistischen Mantras nicht immer hilfreich in einer Ehe ist, werden wir uns zu Herzen nehmen. Aber es überwiegen Passagen die nachdenklich stimmen. Der Buchtitel spielt auf Claptons Lied ‘Wonderful Tonight‘ an und reflektiert einen unbeschwerten Moment als Pattie vor dem Spiegel stand und ihren Mann fragte ob die Kleiderwahl in Ordnung sei? Clapton fand es ‘wonderful’ und machte ein bekanntes Lied aus dieser – ziemlich bekannten – Episode.

Im Gegensatz dazu waren die exakten Einzelheiten die Pattie Boyd über die tragische Geschichte von Claptons berühmtesten Lied Layla berichtet, vor der Veröffentlichung dieses Buchs so gut wie unbekannt. Clapton kommt in dieser Geschichte als ultra-romantischer, man könnte sagen: poetisch und fatalistisch veranlagter Mensch rüber, der durch seine damals Jahre andauernde Drogensucht nicht nur für sich selbst sondern auch für Frauen in seinem Umfeld problematisch war. Gelinde ausgedrückt.

Our photo of Pattie Boyd's book Wonderful Today (2007), back. And the LP Layla and Other Assorted Love Songs (1970)

Anscheinend traf Pattie Boyd Clapton zum ersten Mal bei einer Party die Brian Epstein, der Beatles Manager, nach einem Cream-Konzert organisiert hatte. Pattie und ihre Schwester Paula sahen Clapton später wieder bei einem Konzert mit der Band Delaney & Bonnie und gingen danach zu einer Party bei Clapton. Kurz darauf zog Patties Schwester in Claptons Haus Hurtwood Edge ein. Das Haus hatte sich zu einer Art Kommune entwickelt in der Erics damalige Band The Dominoes und auch andere Musiker lebten die gerade eine Unterkunft brauchten. Außer Paula Boyd lebte dort später auch Alice Ormsby-Gore, die junge Tochter eines englischen Lords. Alice hatte sich, ebenso wie Paula, in Clapton verliebt. Aber Claptons größte Aufmerksamkeit galt jemand anderem. Eric hatte den Dominoes eine eigene Bleibe in London besorgt. Als diese Wohnung eines Nachmittags leer war, lud er Pattie ein um ihr ein Lied vorzuspielen dass er für sie geschrieben hatte. Pattie lebte zu diesem Zeitpunkt noch mit George Harrison auf dem riesigen Landsitz Friars Park. Das Lied dass Clapton auf einer Tonbandmaschine zwei oder drei mal durchlaufen ließ, war Layla. Clapton hatte die persische Legende über die tragische Liebe von Layla und Majnun einem Buch gelesen das Ian Dallas, ein gemeinsamer Freund von Eric und Pattie, ihm gegeben hatte. Weil auch Pattie dieses Buch (ebenfalls durch Dallas) bekommen hatte, verstand sie sofort den Kontext. Eric hatte Layla zuhause in Hurtwood Edge geschrieben und vor kurzem in Miami mit den Dominoes aufgenommen, als letztes Lied der Aufnahme-Sessions. Pattie mochte das Lied, hatte aber Angst dass sämtliche Bekannten wissen würden dass Layla von ihr handelte.

Clapton scheint damals eine fast manische Art von Verehrung gegenüber Pattie gezeigt zu haben, auf die Pattie zunächst nicht einging. Clapton ging soweit dass er sogar in Friars Park auftauchte und George sagte dass er seine Frau liebe. Als Pattie klarstellte dass sie bei George bleiben würde, zog Clapton ein Päckchen aus der Tasche und sagte, wenn Pattie nicht sofort mit ihm käme, würde er mit dem darin enthaltenen Heroin anfangen. Er tat es. Für die nächsten drei Jahre verschwand Clapton so gut wie komplett aus dem öffentlichen Leben und verschanzte sich in seinem Haus Hurtwood Edge mit Alice Ormsby-Gore. Clapton war damals zwar wohlbekannt aber, in kommerzieller Hinsicht, noch nicht besonders erfolgreich. Anscheinend musste er zeitweise sogar seine Gitarren ins Pfandhaus bringen um seine Drogensucht zu finanzieren. Die beiden versanken in einer Heroinabhängigkeit von der sich Alice nie erholte. Die Aristokratin starb (und dies entnehmen wir anderen Quellen, nicht Patties Buch) im Jahr 1995 mit 42, anscheinend verarmt, an einer Überdosis.

Clapton schaffte es dennoch, wenn auch erst mehrere Jahre später, Pattie für sich zu gewinnen. Während er, zwecks therapeutischen Maßnahmen gegen seine Drogensucht, auf einem Bauernhof arbeitete, schickte er Pattie Nachrichten in selbstgeschriebener, recht eindrucksvoller Gedichtform, übrigens in Wonderful Today zu sehen. Er schrieb die Texte auf ein Buch, Steinbecks Von Mäusen und Menschen, und sprach Pattie darin mit Layla an. Pattie scheint diese ihr aufgedrängte Rolle angenommen zu  haben, denn sie unterschrieb ihre Antworten an Clapton mit dem Buchstaben L. Ihre Beziehung mit George Harrison war damals auf einem Tiefpunkt, mitunter anscheinend weil mehrere Hare Krishna Familien den Haushalt übernommen hatten und Pattie das Gefühl hatte, im eigenen Haus nichts mehr zu melden zu haben.

Clapton schaffte zwar den Absprung von Heroin, wendete sich aber bald darauf mit fast gleicher Hingabe dem Alkohol zu. Die spätere Ehe von Eric und Pattie endete trotz Versuchen mit IVF, und zu Patties großer Trauer, kinderlos. Und mit Erics scheinbar endlosen Affairen auf Konzerttourneen. Pattie merkte dass für jemanden wie Clapton, die Attraktion zu Frauen hauptsächlich im Vorgang der ‘Jagd’ zu liegen schien.

Wonderful Today enthält viele Geschichten. Clapton nimmt von 15 Kapiteln etwa drei ein, wovon wir nur einen kleinen Teil frei nacherzählt haben. Es kommt in diesem Buch so gut wie jeder Musiker der Epoche vor, von Sinatra bis Dylan, von den Beatles und den Stones bis zu Genesis. Pattie war (und ist vermutlich) mit Frauen von Musikern wie Mike Rutherford und Roger Waters und vielen anderen befreundet. Sie scheint eine Frau zu sein die von jedem in der Musikwelt gemocht und respektiert wird. Eine Passage die wir besonders gut fanden, ist als Pattie Bilanz zieht und sagt dass sie für den Großteil ihres Lebens nur die Fantasien anderer erfüllt hat. Sie sagt, als junger Mensch auf dem Cover von Vogue zu erscheinen, stärkt nicht das Selbstbewusstsein sondern unterminiert es. Weil man weiss dass dies nur eine künstliche Kreation von Fotografen und Designern ist – nicht das eigene Ich. Diese, alles in allem sympathisch wirkende Frau hat aufgehört Layla zu sein und lebt heute als Pattie Boyd.

Ads by Google

 

Mehr von uns über Clapton  Unser Post  darüber wie 461 Ocean Boulevard vor 40 Jahren entstand

Avenita Kulturmagazin