Published 80 years ago: Thomas Mann's 'Lotte in Weimar' (1939). About a meeting between Goethe and Charlotte 'Lotte' Kestner, who 44 years earlier inspired Goethe's novel 'Sorrows of Young Werther'. There's a Swiss radio dramatisation online

9. Okt. 1816 an Charlotte Kestner: ‘Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht selbst einfinde…ob ich gleich oft in Gedanken bei Ihnen gewesen. Herzlich das Beste wünschend – Goethe.’. Thomas Manns Goethe-Roman Lotte in Weimar (1939) wurde vor 80 Jahren veröffentlicht. Ein schöner Anlass, das Hörspiel vom Schweizer Radio vom Jahr 1996 auszuchecken. Link folgt am Ende des Blogposts. Eine anspruchsvolle Produktion mit renommierten Sprechern. Thomas Mann (1875-1955) hatte eine Verbindung zur Schweiz, lebte dort fünf Jahre im Exil und wurde später, gemäß seinem Wunsch, dort begraben. In der Tat, der Roman Lotte in Weimar wurde zum Großteil am Zürichsee in der Schweiz geschrieben. Im Foto, meine Ausgabe vom Fischer Verlag. Manns Roman bezieht sich im Kern auf einen Roman von Goethe, nämlich Die Leiden des jungen Werthers (1774), den er im Alter von 25 veröffentlichte. ‘Werther’ wurde von Goethes Liebe zur jungen Charlotte Buff (1753-1828) inspiriert. Thomas Mann versucht sich vorzustellen, was passierte als Charlotte Kestner, geb. Buff, 44 Jahre später auf Besuch nach Weimar kam und Goethe (1749-1832) wiedertraf. Dieses Treffen fand wirklich statt. Im Roman treffen die beiden sich allerdings erst ab dem siebten Kapitel des Buchs. Davor wird die Situation der mittlerweile 63-jährigen Charlotte ‘Lotte’ Kestner geschildert. Sie ist in gewisser Weise ein Star, denn jeder weiß dass sie das Vorbild für Charlotte in Goethes berühmten Roman war. Als sie in Weimar ankommt und im Gasthof Zum Elephanten einkehrt, wird sie aufgrund ihres Namens sofort erkannt und reihenweise von Mitgliedern des Weimarer Bildungsbürgertums ausgefragt. Dazu hat Lotte, die mittlerweile verwitwet ist, sehr gemischte Gefühle denn sie ist sich bewusst dass es bei dem ganzen Rummel nicht so sehr um sie geht, als um die Figur die Goethe geschaffen hat.

‘Himmel, Frau Hofrätin, ich muß es sagen: Werthers Lotte aus Goethes Wagen zu helfen, das ist ein Erlebnis – wie soll ich es nennen? Es ist buchenswert.’ (Aus: Lotte in Weimar, Thomas Mann, 1939)

Man stelle sich folgendes Beispiel aus der modernen Popkultur vor: Wenn man die Person treffen würde, die das Vorbild für Eric Claptons Liebeslied Layla war, also Pattie Boyd, dann würden viele Leute scharf darauf sein, mit ihr zu reden oder sie auszuquetschen. Nicht zuletzt, um später erzählen zu können: Hey, ich habe Layla getroffen! Das ‘reflected glory‘ Syndrom. Aber Lotte ist im Roman ein gutmütiger, humorvoller Mensch, und wehrt sich nur halbherzig dagegen, als Projektionsfläche für ihre Gesprächspartner zu dienen. Sie erzählt ein bisschen, aber hauptsächlich hört sie den Leuten zu die – trotz ihres enormen Interesses an Goethe – im Prinzip wie Selbstdarsteller wirken. Lotte nimmt es als Anlass, über diese Mechanismen nachzudenken – die man heute Celebrity-Kultur oder Starkult nennt. Der Ruhm hat meist für alle Beteiligten einen Preis. Als Lotte letztendlich Goethe, den Star von Weimar, nach 44 Jahren wiedersieht, ist es unvermeidlicherweise eine etwas traurige aber auch lehrreiche und bewegende Erfahrung. Vielleicht sogar ein buchenswertes Erlebnis. Ich wünsche gute Unterhaltung beim Hörspiel nach Thomas Mann…nach Johann Wolfgang von Goethe.
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Thomas Mann: ‘Lotte in Weimar’ als DRS-Hörspiel von 1996 online Das Hörspiel mit Amido Hoffmann (als Goethe), Dinah Hinz (als Lotte), Susanne Fröbe (Lottes Tochter), Susanne Fröbe (Lottes Tochter), Michael Maassen (als Mager, Personal vom Gasthof), Sara Capretti (als Adele Schopenhauer), Gillian MacDonald (als Engländerin Miss Rose Cuzzle), Martin Schneider (Riemer, Goethes Sekretär), Alexander Tschernek (als August von Goethe, Sohn), Joachim Salau (als Carl, Goethes Diener) u.a. Technik & Editing: Brigitte Dubach, Brigitte Dubach. Hörspielfassung: Brigitte Landes. Regie: Christian Jauslin. Produktion: Schweizer Radio DRS

Wussten Sie schon? Thomas Manns relativ komplexer, von langen Sätzen geprägter Schreibstil ist für amerikanische Leser, die eher zu kurzen, knappen Sätzen à la Hemingway tendieren, gewöhnungsbedürtig. Das wurde von amerikanischen Übersetzern zur Kenntnis genommen. Beispiel: Für ein Essay das Thomas Mann 1939 für das US-Magazin Esquire geschrieben hatte, teilte seine Übersetzerin Helen Lowe-Porter  – mit Manns Einverständnis – einen Satz mit 337 Wörtern in 14 kürzere Sätze auf. Size matters!

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