Diese Fabrik, die wir durch Zufall auf dem Weg zu einem Computerladen in Málagas Industriegebiet San Luis fanden, ist völlig verlassen. Hier scheint nicht einmal ein Wachdienst zu sein, kein Schild…nichts. Unter dem blauen Himmel sieht das Gebäude enigmatisch und irgendwie gut aus. Obwohl wir in ziemlicher Eile waren, hielten wir sofort an. Schon so manche Sachen die wir ‘demnächst mal fotografieren‘ wollten, waren ‘demnächst’ auf einmal vom Erdboden verschwunden und durch ein Einkaufszentrum ersetzt worden. Das Gebäude, das offensichtlich lange nicht mehr benutzt wurde, ist in erstaunlich gutem Zustand. Wohl ein Fall von: Auf diese Backsteine können Sie bauen. Unter normalen Umständen wären wir mal kurz über die Mauer um das Ding von innen anzusehen. Aber wir wollten, weil zeitlich knapp dran, lieber ein paar Infos über die Fabrik einholen. Die Anlage steht ziemlich einsam in der Landschaft und die wenigen Leute die wir im näheren Umkreis finden konnten, so zwei oder drei vielleicht, wussten nicht genau was hier mal hergestellt wurde. Aber dann sagte uns jemand dass dies früher angeblich eine Korkenfabrik war. Es wunderte uns dass man einen 90 Meter hohen Schornstein braucht um Flaschenkorken herzustellen. Aber es ergab insofern Sinn dass es hier in Andalusien tatsächlich viele Korkeichen gibt die man, entweder mit ihrer dicken Rinde intakt oder abgeerntet, also geschält auf Feldern sieht. Zudem produziert Málaga, das seit Urzeiten ein Handelszentrum des Mittelmeers ist, seine eigenen alten Weinsorten, wie den süßen Moscatel.

Wir fanden später einige zusätzliche Informationen: Die Fabrik wird im Volksmund tatsächlich ‘La Corchera‘, also die Korkenfabrik genannt, Aber dieser Produktionszweig begann erst im Jahr 1946. Ursprünglich verarbeitete die Fabrik, die im Jahr 1930 eröffnet wurde, jedoch Zuckerrohr und Zuckerrüben. Wir hatten früher bei Fahrten ostwärts die Küste entlang Richtung Motril, schon ein, zwei Mal alte Gebäude gesehen auf denen das Wort ‘Azucarera‘ (Zuckerfabrik) stand. In de 30er Jahren gab es wohl einen größeren oder günstigeren Markt für diese Produkte. Die Fabrik in Málaga, die ursprünglich ”El Tarajal: Nuestra Señora de la Victoria‘ hieß, schlug sich, nachdem mit Zucker nicht mehr genug zu verdienen war, mit Korkenproduktion bis in die 70er Jahre durch. Dann sorgte der damals in Gang gekommene Touristenboom dafür dass Investoren ihr Geld lieber in Hotels steckten. Die Fabrik wurde noch ein paar Jahre lang als Lagerhaus für Getreide benutzt. Aber dann gab es auch dafür bald bessere Mittel und Wege.

Und das war’s: Endstation Einsamkeit. In England oder Deutschland wäre die Fabrik inzwischen wohl vom Erdboden verschwunden oder ein Industriemuseum. Vielleicht eine angesagte Adresse für Kunstausstellungen, Rockkonzerte oder DJs. In vieler Hinsicht wäre das optimal. Aber es hat auch eine gewisse Faszination, ein Industriemonument, scheinbar völlig sich selbst überlassen, in der Landschaft herumstehen zu sehen. Unser Ausflug mit unerwartetem Stopp hatte übrigens noch ein schönes Coda. Als wir mit Leuten über die Fabrik geredet hatten und noch ein paar Fotos machen wollten, kam ein junges Paar auf einem Pferd vorbeigeritten. Weil wir uns für alles Andalusische interessieren, fragten wir den Mann auf Spanisch, was für eine Art Pferd das sei? Er stoppte kurz und sagte: Ein Pferd.

In diesem Moment, lieber Leser, erschienen uns der Zen-Buddhismus und ‘Die Lehren des Don Juan’ plötzlich in greifbarer Nähe. Wir haarspalterischen Zeitgenossen hatten endlich unseren Meister gefunden. Und wir machten sogar ein Foto von unserem Guru und seiner mutmaßlichen Freundin. Viva Andalucía.

 

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