Mission bells ringing: The Chairman of the Board & Nancy with the Laughing Face

Nach seinen Anfängen in den 40er Jahren bei Columbia Records, wechselte Sinatra 1954 zu Capitol, und die Alben aus dieser Zeit werden oft als sein künstlerischer Zenith angesehen. Mit Alben wie ‘Songs for Swingin’ Lovers!‘ (1956) prägte Sinatra musikalisch und stilistisch den Mythos der 50er Jahre, Man könnte sagen, Sinatra erfand diesen Mythos: Die TV-Serie Mad Men ist Swingin’ Lovers auf Film, auch wenn die Serie ein paar Jahre später spielt. Sinatra sang über Madison Avenue bevor die Filmemacher geboren wurden. Sinatras ultra cooler Status in den 50er Jahren hat allerdings bewirkt dass seine späteren Aufnahmen und Konzerte manchmal unterschätzt werden. Ein Fehler. Denn während Swingin’ Lovers als Einzelwerk betrachtet, sein bestes Album sein mag, sind die späteren Reprise Jahre, in Hinblick auf die Liederauswahl, die Musik und seine reifere, etwas rauhere Stimme in den 60ern, und sogar noch in den 70er Jahren, als Gesamtwerk für uns das Beste von Sinatra: Das eigens von Sinatra gegründete Plattenlabel Reprise (sprich re-pries) veröffentlichte alle Aufnahmen von Sinatra ab 1961. Mit vielen unserer Lieblingslieder. Bei Sachen wie It Was A Very Good Year (hier ein Clip von Sinatra im Studio) verschmelzen Komposition, Arrangement, Text und Sinatras Stimme zu etwas epischem, zu  einer Lebensgeschichte…zu Kunst. Auch wenn Sinatra sich am Ende beschwert dass das Lied mit 4:12 Min. länger ist als der erste Akt von Hamlet.

Gut an den Reprise Jahren, die allein an Studioaufnahmen über 400 Lieder umfassen, ist auch dass Sinatra viele seiner Klassiker aus früheren Zeiten neu aufnahm. Für unseren Geschmack, oftmals mit besserer Stimme, wie Nancy with the Laughing Face das Sinatra zuerst in den 40er Jahren aufnahm aber das in späteren Fassungen, speziell in den schlichteren Liveversionen ohne Streicher, eins unserer Lieblingslieder ist. Viele von Sinatras frühen Aufnahmen, die mit seiner jüngeren, wohl noch von Bing Crosby beeinflussten Stimme,  hier und da etwas schnulzig klingen, bekommen bei späteren Aufnahmen mehr Tiefe, mehr Nachdenklichkeit. Sinatra war, damals  Ende 40, nicht mehr voll im Mainstream, sondern stand einer gigantischen Welle neuer Popkultur, wie den Beatles und den Stones gegenüber. Nicht einfach. Aber während Sinatras Plattenverkäufe etwas zurrückgingen, machte er einfach mit der Sache weiter in der er unschlagbar war: Live vor einem Publikum.

Albumklassiker: Sinatra at the Sands (1966)

Obwohl es viele Best-of CDs gibt, ist unser Tipp um die Reprise Jahre kennenzulernen, das phänomenale Live-Doppelalbum Sinatra at the Sands (1966). Viele Klassiker, wie Come Fly with Me und I’ve Got You Under My Skin mit vollem Swing-Sound, courtesy of Count Basie und einem gewissen Quincy Jones. Aber auch Stücke bei denen Sinatra zeigt dass er, wenn’s drauf ankommt, nicht viel mehr an Unterstützung benötigt als ein Piano um zu beeindrucken, wie er es hier auf One for My Baby oder Angel Eyes tut. Ein starkes Album, und ein Fall wo das digitale Format den handfesten Vorteil hat dass man die ehemals zwei LPs nicht andauernd umdrehen muss sondern, wie ein Konzert, an einem Stück, auf einer CD hören kann. Alle glorreichen 76 Minuten davon. Denn die CD enthält neben einem Booklet mit Fotos und umfangreichen Liner Notes von Stan Comyn auch den vorher nicht enthaltenen Track Luck be a Lady. Der Ort des Konzerts, das Sands Hotel das einst Howard Hughes gehörte und wo die Originalfassung des Films Ocean’s Eleven mit Sinatra gedreht wurde, ist Geschichte. Es steht heute nicht mehr. Wer mehr von diesen Zeiten mitkriegen will, kann sich für ca. 60 Euro den posthum veröffentlichten 5-Disc-Boxset Sinatra: Vegas (2006), inklusive einer exzellenten Konzert-DVD kaufen. Aber obige CD Sinatra at the Sands (1966) ist ein guter Anfang und preiswert erhältlich. Zwischen den Liedern enthält dieser Albumklassiker auch viele Kommentare, Stories und Gags von Sinatra. Mindestens einer davon verdammt gut: Über einen seiner notorischen Trinkkumpanen sagt er, wir zitieren frei und ohne Gewähr aus unserer  Erinnerung, ‘Dean Martin is stoned more often than US-Embassies’. Wirklich? Falls wir richtig gehört haben, kann der nächste der bei Frank Sinatra (12. Dez. 1915 – 14. Mai 1998) vorbeischaut, Bescheid geben dass sich, in Bezug auf amerikanische Botschaften, nicht sehr viel geändert hat.

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Wussten Sie schon? Sinatra im neuen Film Blade Runner (2017) Der Kultstatus des Sängers ist in guter Verfassung. Im neuen Film Blade Runner 2049 sind zwei Sinatra-Klassiker ziemlich ausgiebig zu hören. Erst Summer Wind, in einer Liebesszene zwischen Ryan Gosling und seiner holographischen Partnerin Joi. Das Lied beruht übrigens auf einer deutschen Komposition namens Der Sommerwind. Zweitens, das Lied One for My Baby (and One More for the Road), bei dem im Film sogar ein Hologramm vom singenden Sinatra zu sehen ist. Das Lied basiert auf dem Gespräch, oder Selbstgespräch, eines von der Liebe entäuschten Trinkers mit seinem Barkeeper. Der Film lässt es sich nicht nehmen, hier ein Produkt-Placement für den Whisky Johnnie Walker einzubauen. Soweit ich sehen konnte, war es ein Flasche Black Label.

PS. Auf obigem Foto ist eine alte spanische Single mit Sinatra und Tochter Nancy, der er das Lied Nancy with the Laughing Face widmete. Unser Bildtext, ‘mission bells ringing‘ bezieht sich auf eine Zeile vom Lied. Und Chairman of the Board nannte man Sinatra als Boss von Reprise Records.

Avenita Kulturmagazin