25 years after his death, Spanish flamenco singer Camarón de la Isla (1950-1992) is still an icon. In the blog are my photos of his house, his fathers forge and the bar Venta de Vargas where his career began...and my Top-10 of Camarón songs

Der Mythos um den spanischen Sänger Camarón del la Isla (1950-1992) ist 25 Jahre nach seinem Tod unvermindert. Im Artikel sind meine Fotos von seinem Geburtshaus, von der Schmiede seines Vaters und von der Bar Venta de Vargas wo seine musikalische Karriere begann. Zudem Info über eine Biografie, einen biografischen Spielfilm und meine Top-10 Lieblingslieder von Camarón. In Deutschland ist er etwas weniger bekannt, um so mehr hingegen sein Gitarrist und Weggefährte Paco de Lucía, der viele LPs mit Camarón aufnahm. Auch ich mochte anfangs lieber instrumentale Flamenco-Musik, fand den teils reibeisenhaften Flamenco-Gesang etwas gewöhnungsbedürftig. Aber um so seichter Popmusik wird, um so mehr lernt man es zu schätzen wenn jemand aus seinem tiefsten Inneren singt, ohne Rücksicht darauf ob es gerade in Mode ist. Flamenco ist eine Musik die man, ähnlich wie Blues, in einem Kontext verstehen muss. Flamenco ist eine Lebenssicht, eine Lebensart. Flamenco hat auch eine gewisse geografische Komponente, insofern dass diese Musik nachweislich in dem Gebiet um den andalusischen Fluss Guadalquivir zwischen Sevilla und Cádiz entstand. Auch hier wieder eine faszinierende Analogie zur Entstehung des Blues an den Ufern des Mississippi. Die südspanische Hafenstadt Cádiz, in deren Nähe Camarón geboren wurde, ist eine der ältesten Städte Europas, wurde vor über 3000 Jahren von den Phöniziern gegründet und wurde eine wichtige Handelsstadt, auch unter römischer Herrschaft. Ein paar Kilometer weiter entlang der Bucht von Cádiz, durch einen dünnen Landstrich verbunden, ist die Stadt San Fernando, die nur per Brücke mit dem Festland verbunden ist und auch La Isla, die Insel, genannt wird. Daher sein Künstlername. Seinen Vornamen, der Krabbe bedeutet und cama-RON ausgesprochen wird, bekam der Junge der als José Monge Cruz geboren wurde, weil er als Kind auffällig helle Haare hatte.

Spieldauer: 2 min. Location: 12. Juli 1973 beim Wallfahrtsort El Rocio
Kommentar: Flamenco im ursprünglichen Kontext einer andalusischen
Feier mit Familie & Freunden – dies ist kein Event das für Touristen oder
Plattenfirmen veranstaltet wird. Camarón (22) mit Hut und Sonnenbrille
Lied: Eine Variante vom Copla-Volkslied ‘No me llames Dolores’
.

The 2007 book by BBC journalist (and guitarist) Marcos Young is good. The biopic 'Camarón' (2005) is an amazing story, including his years with Paco de Lucía and Tomatito

Links im Bild, eine englische Biografie und ein biografischer Spielfilm, den es auch als deutsch synchronisierte Fassung gibt. Empfehlenswert, gleich mehr dazu. Im vorherigen Foto ist die LP La Leyenda del Tiempo (1979), die viele als Camaróns bestes Album sehen. Auch dazu gleich mehr Information. Ich möchte Camaróns Stimme und Musik nicht zu kurz kommen lassen, hier das erste Lied meiner Camarón Top-10 chronologisch nach Erscheinungsdatum. 1. Barrio de Santa María (1969), ein Lied von seinem Debütalbum Al verte las flores lloran (1969), oft als ‘Camaron de la Isla con la colaboracion especial de Paco de Lucia‘ zu finden. Santa María ist ein historischer Stadtteil von Cádiz, in dessen Nähe Camarón aufwuchs. In diesem Volkslied ist die Rede von ‘Bomben die Cádiz abbekommen hat’. Das bezieht sich auf die Belagerung der Stadt 1810-1812 in den napoleonischen Kriegen. Begebenheiten die den Verlauf der europäischen Geschichte entscheidend beeinflussten und mitunter in Romanen wie Sharpes Zorn (2006) von Bernard Cornwell behandelt werden. Im nächsten Lied 2. Una gitana morena (1972) kommt man auf einen zentralen Begriff in Camaróns Leben: Er stammte aus einer Roma-Familie. Hier in Andalusien bezeichenen die Leute sich selbst meist als gitano (weibl. gitana). Es geht in dem Lied also um eine dunkelhaarige Lady. Sie ist im Albaicín geboren (‘nacía en el Albaicín‘), dem ältesten Viertel der andalusischen Stadt Granada. Im Lied kommen auch die palmas (das Klatschen) und der sog. jaleo gut zu Geltung: Stimmen die mit Sprüchen wie ‘Richtig so!‘ die Musiker anfeuern, oftmals auch namentlich vorstellen, wie hier ‘Ole…Paco y Ramón‘. Das Musikstück, in einem Flamenco-Rhythmus namens Bulerias, geht ab wie eine Rakete, ein Tempo über 220 BPM (siehe Flamenco-Metronom), selten in Popmusik, höchstens mal in illustren Genres wie Death Metal zu hören.

Childhood home and place of birth of the singer Camarón de la Isla, at Carmen 29 in San Fernando. Opening times and video of the museum inside follow below. Down the road, to the left it's mile or so to the flamenco bar 'Venta de Vargas

Hier mein Foto vom Haus in dem Camarón 1950 als sechstes von acht Kindern geboren wurde: Calle Carmen 29, San Fernando. Wenn man diese Straße runtergeht, ist man in zwei Minuten am Wasser. Er wuchs in einfachen aber nicht völlig armen Verhältnissen auf. Seine Mutter, siehe Filmclip mit ihr und Camarón im Haus, war Korbmacherin: Thema vom Lied 3. Canastera (1972) vom gleichnamigen Album, mit Filmclip von einer späteren Liveversion. Sein Vater war Schmied, betrieb eine eigene Werkstatt. Camarón sagte: ‘In unserem Haus sang jeder…aber meine Mutter sang mit starker Persönlichkeit. Ich habe alles von ihr gelernt, von ihr und von den alten Sängern von der Insel die bei uns vorbeikamen. Manchmal blieb ich die ganze Nacht auf um ihnen zuzuhören. Das habe ich mein Leben lang gemacht, von den Alten gelernt, immer zurück zur Quelle’. Camarón lebte hier bis er mit fünfzehn anfing, auf Touren zu gehen. Er hatte schon mit acht Jahren angefangen öffentlich zu singen. Er und Gitarrist Paco de Lucía hatten sich kennengelernt als Paco 16, und Camarón 14 war. Es vergingen ein paar Jahre bis sie zusammen Aufnahmen machten. Dann folgte Album auf Album. Sie waren ein starkes Team, bewunderten gegenseitig ihre Fähigkeiten. Ihr Background war verschieden, Paco war ein payo, stammte nicht aus einer Roma-Familie. Pacos Vater Antonio Sánchez war Produzent, hatte Camarón früh unter Vertrag genommen, machte 1969-1977 neun LPs mit Camarón und war Autor vieler Lieder. Die Alben sind durchweg gut, ich war hin und her gerissen bei der Song-Auswahl. Ich wähle 4. Y mira que mira y mira (1977) vom Album Castillo de Arena weil ich hier erstmals jazzige Klänge höre. Paco spielt, wie auch auf seiner LP Almoraima (1976), ein Solo auf einer orientalischen Oud. Das Genre New Flamenco, das von Camarón und Paco de Lucía stark geprägt wurde, hatte begonnen. Das Lied ist eine Vorschau auf Camaróns nächstes Album das – mit einem neuen Produzenten, neuen Musikern und erstmals ohne Paco de Lucía – Flamenco revolutionieren sollte. Hier 5. Volando voy (1979), die Single mit dem Ufo auf dem Cover, vom LP-Klassiker La leyenda del tiempo.

Introducing: The flamenco strat. Classic Camarón album (incl. making-of DVD). The painted black '66 sunburst's still around. Maybe it should be behind glass in a Hard Rock Cafe

Links im Bild, La leyenda del tiempo (1979) als CD. Die Vinyl-LP im oberen Bild ist schwer zu kriegen und sündhaft teuer (50-100 Euro). Grund: Es sind nur etwa 6000 Originalexemplare im Umlauf. Das Album wurde erst im Laufe der Jahre als Klassiker und als Camaróns bestes Album gesehen. Hier das Titellied 6. La leyenda del tiempo (1979) mit Text von dem spanischen Dichter Federico García Lorca (1898-1936), plus Schlagzeug, Bass, E-Gitarre…und Synthesizer. Madre mía! Anfangs bekam die Musik eine ähnliche Ablehnung wie Dylan als er Rock statt Folk spielte. Wobei das Flamenco-Publikum sogar noch traditioneller eingestellt ist, oder zumindest war, als die Folk-Szene. Zudem war der Markt für Flamenco-LPs immer relativ klein. Die Musik wird viel im andalusischen Radio gespielt, man hört sie non-stop auf Baustellen, aber ob die Leute dann auch Zeit und Geld für LPs haben, ist eine andere Frage. Als wir zum Fotografieren in San Fernando waren, kamen mehrfach Leute und nahmen die Camarón-LP in Hand als ob sie lange keine mehr gesehen hätten. Aber man muss wahrhaftig ein bisschen verrückt sein um Schallplatten zu sammeln. Die CD ist erschwinglich, hat obendrein eine DVD mit einem guten Dokumentarfilm über die Entstehung des Albums, und ein Booklet mit Fotos und Liner Notes von dem renommierten Producer Ricardo Parchón. Er hat interessante Theorien, z. B. dass US-Militärstützpunkte in Andalusien, wie Marinebasis Rota, eine Rolle bei der Entstehung von New Flamenco spielten. Es gab unter dem Personal junge Leute die sich für die Musik ihrer andalusischen Gastheimat interessierten. Sie waren, viel häufiger als Einheimische, im Besitz von Tonbandgeräten und machten in Bars rare Aufnahmen von Flamenco-Musikern. Die Andalusier, zumindest die junge Musikszene, begannen sich ihrerseits für englische und US-Rockmusik der Soldaten zu interessieren. Und, gemäß Parchón, auch für einige andere ihrer Freizeitbeschäftigungen, z. B. Marihuana und LSD. Diese Theorie klingt nicht ganz unplausibel – in der Tat fast zu gut um wahr zu sein. Wie dem auch sei, Camarón machte nach seinem bahnbrechenden aber damals umstrittenen Klassiker erstmal eine LP ohne Synthesizer. Und tatsächlich eine gute, mit einem seiner berühmtesten Lieder 7. Como el agua (1981) vom gleichnamigen Album. Ein Beispiel für Camaróns Art, Worte mit der Silbe ‘au‘ zu verlängern: ‘Como el agua-a-au…’. Im Clip ist links die in Flamenco häufige Kistentrommel namens cajón zu sehen. Rechts, der jungen Gitarrist Tomatito, der auf La leyenda del tiempo (1979) Paco de Lucía ersetzte und danach fast immer mit Camarón spielte.

My photo of bar Venta de Vargas in San Fernando, where Camarón's career started. It dates back to 1924, with traditional Andalusian food...and lots of Camarón photos on the walls

Hier mein Foto von der berühmten Bar namens Venta de Vargas in San Fernando, nicht weit von Camaróns Haus entfernt. Ein Schlüsselort der Flamenco-Musik, gegründet im Jahr 1924. Hier sang Camarón schon im Alter von acht und lernte alte Flamenco-Sänger wie Fernando Terremoto, Manolo Caracol und La Niña de los Peines  kennen. In der Bar, an die auch ein Restaurant und ein Raum für Musik angeschlossen ist, sind Fotos von Camarón de la Isla an den Wänden. Die Barbesitzerin María Picardo war eine frühe Förderin des jungen Camarón, hier ein Foto von den beiden. Im Jahr 2005 wurde posthum ein Album mit privaten Tonbandaufnahmen von dem 16-jährigen Camarón veröffentlicht die 1967 in der Venta de Vargas gemacht wurden. Seine Stimme hat hier schon den rauen ‘alten’ Klang. Er begleitet sich selber und zeigt dass er auch ein talentierter Gitarrist war. Meistens werden Flamenco-Sänger jedoch von einem Gitarristen begleitet, was beiden mehr Konzentration ermöglicht. Diese Arbeitsteilung übernahm auch Camarón, der oftmals mit geschlossenen Augen sang und dabei wirkte als ob er auf einem anderen Planeten oder in einer Trance war. Diesen Zustand, der auch den Zuhörer erfassen kann, nennt man duende. Ein mystisch angehauchter Begriff, denn duende bedeutet eigentlich Geist oder Kobold. Wieder ein interessante Parallele zum Blues, dessen Name vom Begriff blue devils stammt, was eine melancholische Stimmung bezeichnete. Camarón de la Islas Zusammenarbeit mit Paco de Lucía ist legendär, aber ebenso seine Musik mit dem Gitarristen Tomatito – der mich zunehmend beeindruckte um so mehr ich mich in Camaróns Geschichte vertiefte. Eins ihrer schönsten Lieder zusammen ist auf Tomatitos Solo-LP, dem Titellied 8. Rosas del Amor (1987). Textausschnitt auf Deutsch: ‘Mondschein auf dunklen Wegen, ich hatte einen Traum, ich will mit dir leben, dir Rosen der Liebe geben, Rosen für deine Haare’. Info für Gitarren-Freaks: Auf diesem LP-Cover ist Tomatito mit seiner Gitarre von Hermanos Conde zu sehen, die renommierten Gitarrenbauer zählen u. a. Paco de Lucía, Al Di Meola, John Williams, Bob Dylan und Steve Howe zu ihren Kunden. Was Camaróns Gitarre anbelangt, sagte Tomatito in einem Interview: ‘Tengo guardada con mucho cariño la guitarra con la que tocaba Camarón’. Er besitzt also die Gitarre die Camarón spielte, und sie bedeutet ihm viel. Vielleicht ist es die Gitarre im nächsten Foto.

The young Camarón had a small role as guitar player in the movie El Amor Brujo (1967), about the dark magical side of flamenco mythology, based on a ballet by Manuel de Falla

Der junge Camarón de la Isla (1950-1992) ist in dem bemerkenswerten Spielfilm El Amor Brujo (1967) zu sehen. Wenn auch nur kurz. Aber die Tatsache dass er darin erscheint, ist wie ein Omen denn der Film verkörpert wie kaum ein anderer die magische Essenz von Flamenco. Der Film von Regisseur Rovira Beleta ist relativ unbekannt und schwer zu kriegen. Das Remake El Amor Brujo (1986) von Carlos Saura ist deutlich bekannter. Aber die Originalfassung ist der Kunstfilm der mich mit dem Thema von der Verschmelzung von Kunst und Realität – oder in diesem Fall Magie und Realität – etwas an Kinder des Olymp (1945) und auch The Wicker Man (1973) erinnert. Insofern das beide Filme einen dokumentarischen Charakter haben. In El Amor Brujo (1967) sind neben dem professionellen Tänzer Antonio Gades viele Gitanos aus der Roma-Gemeinde von Cádiz und Umgebung als zu sehen, so auch Cámarón de la Isla, den man ab 00:59 min. in einer Bar Gitarre spielen sieht. Leider ist auf Youtube nur der Vorspann des Films, eine Traumsequenz. Die junge Candela sieht am Strand ihren ermordeten Mann, der sie dann scheinbar als Geist verfolgt. Es wäre gut wenn die Öffentlich-rechtlichen den Film irgendwann mal mit Untertiteln im TV zeigen würden. Der Film basiert auf dem Ballett El Amor Brujo (1915) von dem spanischen Komponisten Manuel de Falla. Er interessierte sich für spanische Folklore, speziell Flamenco. Von Manuel de Falla gibt es auch interessante Ansichten über die geheimnisvolle Herkunft der Musik: Er sah Einflüsse sakraler byzantinischer Musik, sowie mittelöstlicher und indischer Musik (bei der er den Ursprung der sog. enharmonischen Verwechslung in Flamenco wähnte). Mit indischer Musik wäre eine Verbindung zur Roma-Kultur erklärbar. Paco de Lucía benannte sein Album Zyryab (1990) nach dem irakischen Dichter und Musiker Ziryab, der im 9. Jahrhundert die persische Laute (aus der später die Gitarre wurde) nach Spanien brachte. Musikforscher Domingo Manfredi sah in Flamenco zudem antike griechische und phönizische Elemente. Tatsächlich berichtete der römische Dichter Juvenal schon vor 2000 Jahren von ‘Mädchen aus Cádiz’ (puellae gaditanae) die mit bronzenen Kastagnetten Tänze am Hof des Kaisers Trajan vorführten. Die bis heute nicht ganz geklärte Herkunft macht Flamenco umso spannender.

Camarón de la Isla's father had a forge at Calle Amargura 21. The blacksmith's craft has a strong connection with Roma culture, his family were swordsmiths in the 16th century

Hier mein Foto von der Schmiede die Camaróns Vater in San Fernando betrieb. Sie liegt auf dem Weg zwischen Camaróns Haus und der Bar Venta de Vargas. Als wir eine Passantin nach dem Weg fragten, half sie und sagte, sie sei mit Camarón verwandt. Auf der Wandtafel in Calle Amargura 21 steht: ‘Camarón verbrachte seine Kindheit in der Schmiede seines Vaters Luis Monge Nuñez, der Flamenco-Gesang liebte. Camarón schürte das Feuer und begleitete seinen Eltern dabei, die Schmiedewaren in umliegenden Städten zu verkaufen’. Links neben der Schmiede ist die Bar La Montera, die auch voll mit Fotos von Camarón ist. Meine Camarón-LP La Leyenda del Tiempo machte die Runde durch die Bar. Hier kann man sich auch über Besichtigungen der Schmiede von innen (siehe Foto) erkunden. Die Verbindung von Roma-Kultur und dem Schmiedehandwerk hat quasi-mythische Konnotationen, so ist auch die Figur von Antonio im oben erwähnten Film El Amor Brujo (1967) ein Schmied. Auch in Liedern ist öfters die Rede von der fragua, der Schmiede. Es gibt Lieder, sog. martinetes, bei denen der Gesang nur von Hammer und Amboss begleitet wird, wie in Camaróns Lied Las doce acaban de dar. Ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Flamenco zu spezifischen Lebensumständen. Camaróns Geschichte reicht bis ins 16. Jahrundert, als die Monges (sprich: monches) als Schwertschmiede berühmt waren. Die LP die ich als Camarón-Hommage an die Tür steckte, ist eine gute Kompilation, auch mit gutem Foto von ihm. Was die Musik anbelangt, werde ich gleich jedoch eine noch umfassendere Kompilation empfehlen. Es ist schwer, jemandem wie Camarón, von dem es ca. 170 Lieder gibt, mit einer Top-10 gerecht zu werden. Meine nächste Auswahl ist Camaróns bekanntestes Lied – mit einem elementaren Statement: 9. Soy gitano (1989). Ich bin Gitano – Ich komme zu deiner Hochzeit und werde mein letztes Hemd mit dir teilen!‘. Das Lied komponierte Camarón mit Tomatito (José Fernández Torres), der auch aus einer Roma-Familie stammt. Das Video ist Vorschau auf einen biografischen Spielfilm.

Actor Óscar Jaenada in the titlerole of the biopic 'Camarón' (2005). The video of the above song 'Soy Gitano' gives a good overview. One of the best biopics I've ever seen

Hier ein Foto von Schauspieler Óscar Jaenada in der Rolle des Sängers Camarón de la Isla in einem Film den ich sehr empfehlen kann. Er kam gut in Spanien an, gewann mehrere Preise und ist auch auf Deutsch erhältlich. Der Spielfilm Camarón – als Flamenco Legende wurde (2005) hat beim deutschen Amazon gute Rezensionen. Ich finde momentan keinen deutschen Trailer auf Youtube aber das Video für obiges Lied ‘Soy gitano‘ fasst den Film gut zusammen. Es ist alles drin: Sein Haus, die Schmiede, die Bar Venta de Vargas…und auch gute Darstellungen von Paco de Lucía, Tomatito und Camaróns bildhübscher Ehefrau La Chispa (hier in echt), die auch aus einer Roma-Familie stammt. Sie kümmert sich heutzutage zusammen mit ihren vier Kindern darum dass die Erinnerung an Camarón und seine Musik erhalten bleibt. Sie veröffentlichte 2008 ein Buch über Camarón (334 Seiten, 200 Fotos) das zum Sammlerobjekt geworden ist. Camarón de la Isla (1950-1992) starb ziemlich jung, mit 41 Jahren an Lungenkrebs. Journalisten die wenig über Musik zu erzählen haben, lieben es, Camarons Drogenkonsum detailliert aufzulisten und seinen frühen Tod damit in Zusammenhang zu bringen. Es waren eher die vier Packungen Winston die er am Tag rauchte – aber warum soll man überhaupt nach irgendeiner Schuld suchen. Camarón ist, wie viele Künstler seiner Generation, ohne Landkarte in unerforschte Sphären vorgedrungen und hat für eine uralte Kunst neue Perspektiven geschaffen. Camarón hat Flamenco davor gerettet, ein weichgespültes Klischee für Hotelveranstaltungen zu werden. Am Ende meiner Top-10 von Camarón de la Isla ist ein Lied 10. El niño perdido / La cigarra (1996) das, bis dahin unveröffentlicht, auf der 3-CD-Kompilation Camarón Antología (1996) erschien. Sie enthält immerhin sieben Lieder meiner Top-10, und 47 andere gute Lieder. Der kurze Video-Clip vom La cigarra Medley ist in mehrerer Hinsicht eindrucksvoll. Man sieht wie Tomatito, der Camarón anbetete, sein Gitarrenspiel völlig nach dem Sänger richtet, quasi an seinen Lippen hängt. Und man sieht Camarón, Mitte der 80er Jahre, immer noch sehr gut aussehend, am Höhepunkt seiner Karriere und seiner Fähigkeiten. Als er am Ende ‘La vida, la vida, la vida es… es un contratiempo‘ – über ein von widrigen Umständen geprägtes Leben singt – erreicht er einen Punkt an dem man mit Worten nicht mehr ausdrücken kann…und steht auf. Was für ein Abschied. Hasta siempre. 

 

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Reisen auf den Spuren von Camarón de la Isla  Sein Haus in San Fernando kann auch von innen besichtigt werden, mit Fotos, Infos, Camaróns Gitarre etc. Hier ein Video mit Blick ins Museum. Das Haus ist drei Tage die Woche geöffnet. Freitags 17.000-20.00 / Samstags 11.00-14.00 und 17.00-20.00 / An Sonntagen und Feiertagen von 11.00-14.00. Letzter Eintritt ist 20 min. vor Schließungszeit. Eintritt ist kostenlos. Andere Orte, wie die legendäre Bar Venta de Vargas, die Camarón-Statue und Schmiede sind unweit und leicht zu finden. San Fernando ist nahe der berühmten Stadt Cádiz, siehe Landkarte. Man kann Besuche der Orte miteinander verbinden, auch Puerto de Santa María besuchen und schöne Orte weiter landeinwärts, wie Jerez, Arcos de la Frontera und Sevilla, siehe Karte mit mehr Überblick – alles Orte die auch Verbindungen mit Flamenco haben

Camarons Tätowierung  Er hatte auf seiner linken Hand das Tattoo von einem Magen David und einem Halbmond (siehe Foto), was auf Anhieb etwas überraschend erscheint, weil er keiner der mit diesen Symbolen verbundenen Weltreligionen angehörte. Er hatte einen christlichen Hintergrund, wie es unter Roma in Andalusien üblich ist – sie gehören meist entweder der katholischen Kirche oder freien evangelischen Gemeinden an. Vorherrschende Meinung zum Tattoo ist dass es symbolisch den Wunsch nach Frieden zwischen den Religionen ausdrückt, vielleicht mit Bezug zum Zeitalter des al-Andalus, der mittelalterlichen Epoche während der die Weltreligionen auf der iberischen Halbinsel relativ friedlich koexistierten

Bücher über Camarón und Flamenco Es gibt viel auf Spanisch, wenig auf Englisch, geschweige denn Deutsch. Oben erwähntes Buch Flamenco Legend - In Search of Camarón de la Isla (2007) ist das einzige das ich kenne. Wer sich für Camarón interessiert sollte es haben. Autor ist der englische Historiker, BBC-Journalist und Flamenco-Gitarrist Marcos Young (aka Marcos). Das Buch hat 256 Seiten, Fotos und ein Stichwortverzeichnis. Ein weiteres Buch das ich empfehlen kann, handelt generell von Flamenco, nicht spezifisch von Camarón (obwohl er erwähnt wird) und heißt Duende – A Journey in Search of Flamenco (2003) von dem in Spanien lebenden amerikanischen Autor Jason Webster.

Camarón-Hommage von Tomatito & Paco de Lucía  Es gibt auf der bis dato neusten Tomatito-LP Soy Flamenco (2013) ein eindrucksvolles Lied mit der Stimme von Camarón. Tomatito und Paco haben für eine alte Camarón-Aufnahme einen völlig neuen Soundtrack aufgenommen, hier ein Filmclip von Tomatito und Paco de Lucía im Studio beim Abmischen. Und hier mein Lieblingsfoto von Camarón mit Paco & Tomatito

Kurze Zusammenfassung meiner Empfehlungen  Für ein Muss halte ich den Spielfilm Camarón – als Flamenco Legende wurde (2005) und das Album La leyenda del tiempo (1979) dessen CD-Version eine making-of DVD und ein Booklet mit Infos & Fotos enthält. Für einen umfassenderen Blick auf seine Musik empfehle ich die chronologische 3-CD-Kompilation Camarón Antología (1996) mit 16 Seiten Booklet

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