Underrated LP with one of the best Stones tracks ever, a song about a road trip. In the blog is a great live clip, info about song's origin, Ronnie's druggy inititiation into the band, book tips & clip of Keith Richards using a rare Gibson L6-S

Ein starkes LP-Cover, siehe unsere Vinyl-LP und nachfolgend das aufgeklappte Gatefold-Album. Aber das dreizehnte Stones-Album entstand in schwierigen Zeit für die Band. Keith Richards und seine Ehefrau Anita Pallenberg waren schwer heroinabhängig, ihr Leben kompliziert. Keith sieht auf dem Black and Blue Cover schon etwas mitgenommener aus als Mick. Zudem hatten die klassischen Rockbands der 70er, inklusive den Stones und Led Zeppelin, auf einmal Konkurrenz von neuen Musikrichtungen: Funk und Disco waren angesagt, ebenso Reggae…und auch Punk aus dem guten alten England. Die Sex Pistols waren erstmals November ’75 aufgetreten und bekamen viel Presse, gleichfalls die US-Punker The Ramones deren Debütalbum Februar ’76 erschien. Nicht nur der Klang der neuen Musik war aggressiver. Punk-Rocker wie Joe Strummer von The Clash hatten auch ideologische Einwände gegen die Rock-Aristokratie. Jemand wie Jagger, obwohl er damals nur Anfang 30 war, bewegte sich in Jet-Set-Kreisen und repräsentierte für Punk so etwas wie einen dekadenten Status Quo. Auch viele Musikjournalisten, immer schon ängstlich den neusten Trend zu verpassen, hatten die Stones als Schnee von gestern abgestempelt. Die Band war unter Druck. Auch weil der kompetente Gitarrist Mick Taylor nach fünf Jahren Mitgliedschaft die Band verlassen hatte. Die Stones reagierten auf die widrigen Umstände, wie so oft, mit schierem Arbeitsaufwand und dem Handwerk des Liederschreibens.

I don't love CDs the way I love vinyl but they have their uses, the car stereo or, in this case, for the photo layout, leaving more space for the books: Keith's autobiography is a must, and the Stones biography by Stephen Davis is good too

Es war keine Seltenheit dass für eine Song-Idee acht, neun Stunden ununterbrochen im Studio improvisiert wurde – nur um das Resultat dann zu verwerfen und neu anzufangen. Keith schreibt in seiner Autobiografie dass die Stones bei den Black and Blue Sessions auch an einer frühen Reggae-Version von Start Me Up arbeiteten, ca. 40 Probeaufnahmen machten, aber das Lied nicht hinkriegten. Es erschien erst Jahre später in ganz anderer Form auf dem Album Tattoo You (1981). Für Black and Blue absorbierten die Stones einiges von den neueren Musiktrends, vor allem Funk (à la James Brown) – was sich positiv in Songs wie Hot Stuff und Hey Negrita bemerkbar macht – und stampften eine Reihe von neuen Lieder aus dem Boden. Mindestens eins davon gehört zu den besten Stones-Songs aller Zeiten. Die Single Fool to Cry ist gut und erreichte die englische und US Top-10. Aber das stärkste Lied von Black and Blue ist eine Ballade über zwei Musiker auf einem romantischen Road Trip durch Amerika: Memory Hotel handelt von  einer Musikerin auf Reise zu verschiedenen Bars in denen sie singt. Zusammen mit dem Erzähler fährt sie in einem alten Pick-Up Truck durchs Land. Orte wie Boston, Baton Rouge und Baltimore werden erwähnt. Nach sieben Tagen haben die beiden Tausende von Meilen, romantische Nächte und 15 Bundesstaaten hinter sich. Aber es wird klar dass dies alles nur Erinnerungen des Erzählers sind. Er befindet sich im 22. Stock eines Hochhauses und hört seine Freunde an der Tür klopfen nachdem er sich mit einer Flasche Whiskey und Tränen in den Augen für die Nacht zurückgezogen hatte. Hier die Liveversion von Memory Motel auf YouTube, ein starker Filmclip von der Bridges to Babylon Tour 1998. Neben Mick und Keith singt Gastmusiker Dave Matthews und klingt verdammt gut. Das mythisch klingende Memory Hotel ist übrigens ein real existierender Ort, ein Hotel im Dorf Montauk auf Long Island. Die Stones hatten dort ein Haus von Andy Warhol gemietet um dort für ihre Tour of the Americas’75 zu proben. Das Memory Motel in Montauk war der einzige Ort im Dorf wo es eine Bar mit Billardtisch und einem Piano gab, und die Band war öfters dort. Angeblich schaute auch die Musikerin Carly Simon vorbei, und es ist möglich dass eine Affaire zwischen ihr und Mick eine der Inspirationen für das Lied war.

The glory of gatefold LP sleeves, I can spend about half an hour playing around with these things - before I even listen to the music. Good cover image by the Japanese-American photographer Hiro, taken at Florida's Sanibel Island beach

Der Song hat eine Deutschland-Connection: Die Aufnahmen für Memory Motel fanden am 31. März 1975 in Münchens Musicland Studio von Giorgio Moroder statt. Dort wurde auch das mit einem klassischen Stones-Gitarren-Sound ausgestattete Lied Crazy Mama aufgenommen, siehe Promo-Clip aus den Anfangszeiten des Video-Zeitalters. Keith Richards, ansonsten eher Fender Telecaster zugeneigt, spielt hier übrigens eine ziemlich seltene Gibson L6-S die in den 70ern auch von Leuten wie Carlos Santana und John McLaughlin gespielt wurde, sich aber kommerziell nicht durchsetzte und 1974 eingestellt wurde. Die Aufnahme-Sessions für Black and Blue dienten auch als Proben auf der Suche nach einem neuen Stones-Gitarristen. Unter den Leuten die vorbeikamen oder in Betracht gezogen wurden, waren Rory Gallagher, Jeff Beck…sogar Eric Clapton. Ron Wood war nicht unbedingt ein besserer Gitarrist als die anderen Kandidaten aber er passte als Person besser zur Band, vor allem zu Keith, der einen Kumpel für seinen Rock ‘n’ Roll Lebensstil wollte. In seiner Autobiografie Life (2010) schreibt er dass Ronnie Woods Einweihungszeremonie als Stones-Gitarrist darin bestand, mit Keith eine Flasche mit einer Unze (ca. 28 Gramm) pharmazeutischem, also lupenreinem Kokain vom Pharmakonzern Merck zu konsumieren. Die beiden fuhren daraufhin vom obenerwähnten Montauk, Long Island nach Woodstock wo Dylans Musiker-Kumpel The Band wohnten. Aber Keith weiß nicht genau was sie dort machten, denn Mercks-Kokaintrips, die ihn einmal 9 Tage am Stück aufblieben ließen, schreibt Keith, sind als ob jemand die Seiten von deinem Tagebuch herausgerissen hat. In diesem Fall, könnte man kommentieren, wäre Black and Blue (1976) wohl ein Teil dieser verlorenen Tagebuchseiten.

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Weitere Infos  Ausschnitt vom Doku The Rolling Stones: 1976 European Tour Documentary, siehe YouTube-Clip, zeigt die Band live und vor allem hinter den Kulissen zu Zeiten von Black and Blue

Wussten Sie schon? Das LP-Cover stammt von dem japanisch-amerikanischen Fotografen Yasuhiro Wakabayashi (auf dem Album mit Künstlernamen Hiro verzeichnet) der ansonsten für Magazine wie Harper’s Bazaar arbeitete. Foto-Location: Strand von Sanibel Island, einer Insel an der Küste Floridas

Buch-Info  Neben Life von Keith Richards, ist die Biografie Old Gods Almost Dead von Stephen Davis empfehlenswert, siehe Foto. Auf Deutsch mit anderem Cover und Titel Die Stones (2001) erschienen

Mehr von uns über die Stones  Unser Post über einen 60er Jahre LP-Klassiker von den Stones und Info über eine spektakuläre Ausstellung in 2016 mit Artefakten aus Jahrzehnten der Band-Geschichte

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