Bonjour Tristesse (1954) is darker than the romantic book cover suggests. More like a Patricia Highsmith thriller, say, The Talented Mr. Ripley. The blogpost also looks at the 1958 movie, and a 2008 biopic about Françoise Sagan (1935-2004)

‘In jenem Sommer war ich siebzehn Jahre alt und vollkommen glücklich’. Bonjour Tristesse (1954) ist düsterer als das romantische Cover suggeriert. Der in Saint-Tropez spielende Roman erinnert mich etwas an die psychologischen Thriller von Patricia Highsmith, speziell Der talentierte Mr. Ripley (1955). Bei beiden Romanen ertappt man sich, unmoralisches Verhalten faszinierend zu finden. Françoise Sagan (1935-2004) war 18 als ihr Debütroman erschien. Er wurde schnell zum Erfolg, machte sie auch international bekannt. Im Artikel sind Infos über die Entstehung des Romans, über die Verfilmung von 1958 und den biografischen Spielfilm Sagan (2008). Infos über Kultorte der Bohème in Paris und Saint-Tropez, und über Françoise Sagans Liebe für Sportwagen und Jazz, speziell Billie Holiday. Und ein Lied das sie für Johnny Hallyday schrieb. Die junge Lady aus einer gutbürgerlich-katholischen Familie hatte in den 50er und 60er Jahren Popstar-Status in Frankreich, vergleichbar mit Brigit Bardot. Beide verkörperten die Jugend der Nachkriegszeit wie kaum jemand anders in Frankreich. Françoise Sagan – deren Name nicht wie Astronom Carl Sagan, sondern etwa wie Sag-Ä-Ä-N ausgesprochen wird – war jahrelang auf unzähligen Titelbildern von Magazinen wie Paris Match und auch deutschen Titeln wie Der Spiegel (1958). Das wäre bei Autoren auch heute der Fall wenn es einen literarischen Star im Teenage-Alter oder auch mit Mitte Zwanzig gäbe. Aber es scheint – und man muss kein Kulturpessimist sein, um das festzustellen – dass es heute so gut wie keine bahnbrechenden Romane von sehr jungen Autoren gibt. Denn in der Tat ist Bonjour Tristesse (1954) kein Hype sondern gut geschrieben, innovativ und vielschichtig, mit einer philosophischen Ebene die den Hedonismus der Erzählerin und Hauptfigur nicht nur huldigt sondern gleichzeitig in Frage stellt.

Bonjour Tristesse was considered quite outrageous. Not just the love scenes but the whole attitude of a 17 year old girl persuing her own interests - without too many regrets

Die junge Autorin von Bonjour Tristesse hieß eigentlich Françoise Quoirez, hatte sich einen Künstlernamen auf den Wunsch ihres Vaters zugelegt, der den Roman zwar mochte aber nicht wollte dass der Familienname mit einem kontroversen Buch in Verbindung kam. Der Verlag gab dem Cover der Erstausgabe damals noch eine zusätzliche Papier-Banderole mit der Aufschrift ‘Le Diable au cœur ’- Den Teufel im Herzen – was verkaufsfördernd reißerisch wirkte, aber vermutlich auch konservativen Kritikern den Wind aus dem Segel nehmen sollte, nach der Devise: Wir wollen eigentlich vor so einem unmoralischem Lebenswandel warnen! Heute wirken Passagen mit Spielereien zwischen Cécile und ihrem jungen Freund Cyril harmlos – aber das war in den 50er Jahren anders:

‘Wir kamen um sechs Uhr von der Insel zurück, und Cyril zog das Boot auf den Sand. Wir gingen durch den Fichtenwald nach Hause und erfanden, um warm zu werden, Indianerspiele und Wettrennen mit Handikap. Er holte mich regelmäßig vor dem Haus wieder ein, stürzte sich mit Siegesgeschrei auf mich, rollte mich in den Fichtennadeln, fesselte und küsste mich. Ich erinnere mich noch an den Geschmack seiner atemlosen Küsse und an das Geräusch seines Herzens, das im Takt mit den Brandungswellen am Strand gegen das meine klopfte…’ (Auszug des Romans Bonjour Tristesse von Françoise Sagan)

Aber mehr noch als die Liebesszenen, fanden ernsthafte Kritiker des Romans die Tatsache anstößig, dass die Hauptfigur Cécile knallhart bereit ist, Menschen aus dem Weg zu räumen um den Erhalt ihres Lebensstils zu sichern. Cécile spürt bei all dem nicht so sehr Reue als eine gewisse bittersüße Melancholie. Sie sagt in den Anfangszeilen des Romans: ‘Ich zögere, diesem fremden Gefühl, dessen sanfter Schmerz mich bedrückt, seinen schönen und ernsten Namen zu geben: Traurigkeit’. Die Erklärung des Romantitels Bonjour Tristesse, der zum Glück nicht in das weniger enigmatisch klingende Guten Morgen, Traurigkeit übersetzt wurde.

Sagan (real name Françoise Quoirez) wrote the novel when she was 17. She had an affinity to music especially jazz and Billy Holiday. The LP on the table is Mozart, though

Sagan hatte schon jung, mit dreizehn, vierzehn Jahren angefangen, Gedichte und Romane von Autoren wie Camus, Cocteau, Flaubert, Collette, Nietzsche, Faulkner und Hemingway zu lesen. Vor allem auch Arthur Rimbauds Gedichtband Illuminationen (1886) und Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (1913) von dessen Figur Prinzessin von Sagan sie ihren Künstlernamen nahm. In dem rebellischen Geist ihrer Romanfigur Cécile von Bonjour Tristesse spiegelt sich einiges von ihrer eigenen Persönlichkeit. Dass die junge Françoise wegen ‘mangelnder Spiritualität‘ aus dem Kloster flog, passt ins Bild, wobei es genau genommen um eine Flasche Whisky ging, die Nonnen in ihrem Nachtschrank fanden. Die 17-jährige Françoise schrieb Bonjour Tristesse (1954) im Zeitraum von sechs Wochen im Sommer 1953 in Ca­fés um die Sorbonne. Sie hätte eigentlich für ihr Abi büffeln sollen, das sie beim ersten Versuch vergeigt hatte. Mit ihrem Bruder Jacques besuchte sie abends die Jazz-Clubs von Paris. Die Stadt war in den 50ern Europas Mekka für Jazz. In legendären Clubs wie Le Tabou, Mars Club und Club Saint-Germain spielten Leute wie Miles Davis und Django Reinhardt. Sie hatte einen Bezug zu Musik, sagte in einem Interview:

‘Für mich ist beim Schreiben wichtig, einen bestimmten Rhythmus zu finden. Ich vergleiche es mit den Rhythmen von Jazz’. (Françoise Sagan 1956)

Sagan hatte Bonjour Tristesse im Geheimen geschrieben, niemandem davon erzählt. Die erste Person die das fertige Manuskript sah war Sagans Freundin Florence Malraux. Sie war beeindruckt und ermutigte sie zur Veröffentlichung. Sagan gab das Manuskript an Colette Audry, eine Schriftstellerin und Weggefährtin von Simone de Beauvoir, die sie zufällig kennengelernt hatte. Audry riet Sagan, das Ende des Romans dramatischer zu gestalten. Wer das Buch kennt, weiß was damit gemeint ist. Und sie empfahl Sagan die beiden Verlage Pons und Julliard. Dort landete das Manuskript am 6. Januar 1954. Während der Verlag Pons sich Zeit nahm, las Julliard-Verlagschef René Julliard das Manuskript über Nacht und lud Sagan bald darauf zum Gespräch ein. Bei dessen Ende hatte sie einen Buchvertrag. Und mittlerweile übrigens auch ihr Abi.

The movie, like many adaptions of famous books, was knocked by critics in 1958. But it's good. Widely considered a classic today. For instance by Peter Bradshaw from The Guardian

Bonjour Tristesse (1954) handelt von einem 17-jährigen Mädchen namens Cécile, die mit ihrem Vater Urlaub in einer Villa an der französischen Mittelmeerküste nahe Saint-Tropez macht. Ihr Vater Raymond ist vierzig, ein gut aussehender Witwer und Playboy der das Leben und die Gesellschaft von jüngeren Damen genießt. Seine Tochter hat damit keine Probleme, ist sogar sehr glücklich, in einer entspannten Bohème mit ihrem Vater und seiner 29-jährigen Freundin Elsa zu leben. Cécile hört Jazz-LPs, macht Yoga, geht Schwimmen, angelt sich einen jungen Typen namens Cyril…sie macht alles außer für ihre Examen zu lernen. Das Idyll endet jedoch als eine Freundin von Raymonds verstorbener Ehefrau auftaucht: Anne Larsen (rechts im Bild, gespielt von Deborah Kerr in der Verfilmung) ist eine elegante Modedesignerin um die Vierzig, vornehm, attraktiv und gut organisiert. Raymond (links, David Niven) verliebt sich in sie, will sie heiraten. Wobei Tochter Cécile (Mitte, Jean Seberg) zunehmend das Dolce Vita mit ihrem Vater bedroht sieht und beginnt, gegen die wohlmeinende aber dominante Anne zu intrigieren. Letztendlich mit tragischen Folgen. Der Roman ist kurz – man kann die 188 Seiten locker am Wochenende am Strand zu Ende lesen – er erzählt aber eine Geschichte die interessanter ist als die meisten Romane mit doppelt und dreimal so vielen Seiten. Damals gab es sogar einige Zweifel daran, dass der Roman wirklich von einem siebzehnjährigen Mädchen geschrieben wurde. Manche hielten das für einen Marketing-Gag hinter dem sich bald ein älterer männlicher Autor entpuppen würde. Ähnlich wie es Mary Shelley ging, als sie mit achtzehn Frankenstein (1818) schrieb.

There are various film posters, but the one by Saul Bass is the best. There's another Hitchcock connection: The script is from Arthur Laurents, who also wrote Rope (1948) for Hitch

Bonjour Tristesse wurde am 15. März 1954 veröffentlicht und entwickelte sich schnell zu einem Verkaufsschlager. Die Kritiken waren überwiegend gut, wobei negative Kritiken, die den Roman als verderblich und jugendgefährdend einstuften, die Neugier der Öffentlichkeit noch weiter anheizten. Im Mai 1954 gewann sie den renommierten Literaturpreis Prix des Critiques. Ende des Jahres war Sagan wohlhabend und weltberühmt. Bonjour Tristesse wurde 1955 in England und Amerika veröffentlicht, auch in Deutschland, siehe frühe Ullstein-Ausgabe. Es ist interessant, wie die drei Cover den Roman unterschiedlich repräsentieren: England eher romantisch, Amerika düster, Deutschland abstarkt und unbestimmt. Ein Indiz für die Vielschichtigkeit des Romans. Auch die Filmrechte wechselten für viel Geld die Hände. Wie es oft der Fall ist bei berühmten Romanen, war die Verfilmung Bonjour Tristesse (1958) nur mäßig erfolgreich. Aber der Film – oben ein Kinoposter von Saul Bass - ist gut. Er gilt mittlerweile für nicht wenige Filmkritiker, z. B. Peter Bradshaw vom Guardian, als Fünf-Sterne-Klassiker. Ein kommerzieller Schwachpunkt des Films ist vielleicht die Wahl der amerikanischen Hauptdarstellerin Jean Seberg, die ich bezaubernd finde, die aber nicht die Star-Power von jemandem wie Audrey Hepburn hatte. Angeblich wurde Hepburn für die Rolle in Betracht gezogen. Angeblich lehnte sie ab weil die Rolle nicht ihrem ‘nice girl’ Image entsprach. Für mich stiehlt Deborah Kerr, in der Rolle der Modedesignerin Anne Larsen, der jungen Cécile-Darstellerin Jean Seberg die Show. Aber die Empathie die Deborah Kerr der Rolle verleiht, trägt dazu bei, den Film um so nachdenklicher zu machen. Für die Rolle von Céciles Vater war Cary Grant im Gespräch. In dem Fall wäre der Film, dessen Drehbuch von Arthur Laurents stammt (der auch Hitchcocks Cocktail für eine Leiche schrieb) wahrscheinlich bekannter. Der Cinemascope-Farbfilm, der die Côte d’Azur in einem magisch attraktiven Licht zeigt, bedient sich einer Rahmengeschichte in Schwarzweiß um den Kontrast zwischen Ideal und Wirklichkeit zu zeigen. Der Anfang des Films ist Vorschau auf das Ende. Das Fazit der Story – innere Leere, Einsamkeit, Entfremdung – wird zum Filmbeginn durch ein Lied von der Chansonsängerin Juliette Gréco gut auf den Punkt gebracht.

Hinweis: Farbfilm mit Schwarzweiß-Intro als Rahmenhandlung
Textauszug: I live with melancholy, my friend is vague distress,
I wake up every morning and say, Bonjour tristesse…’
My smile is void of laughter, my kiss has no caress,
I’m faithful to my lover my bitter-sweet tristesse’
.

Novel and movie are set in and around Saint-Tropez, Sagan played a major part putting that place on the map of post-war pop culture. Pictured above (4th from left) at Club 55

Voilà, die bittersüße Traurigkeit ist der einzige Liebhaber dem sie treu ist. Sängerin Juliette Gréco, die mittlerweile stolze 91 Jahre ist, war eng mit Françoise Sagan befreundet. Und übrigens auch mit Miles Davis. Hier wieder die faszinierende Verbindung der französischen Künstlerszene zu Jazz. Man denke auch an den Miles Davis Soundtrack für Louis Malles Film-Noir-Klassiker Fahrstuhl zum Schafott (1958). Links, ein Foto von Sagan, Gréco und Co. im legendären Club 55 in Saint-Tropez: Gréco mit Glas, und Sagan vierte von links. Heutzutage trifft man in dem 1955 gegründeten Strandclub, den man Club ‘cinquante-cinq‘ ausgespricht, Leute wie Jay-Z, Beyoncé, Penélope Cruz…und Bono. But who came first? Sagan came first. Mit Bonjour Tristesse (1954) setzte sie Saint-Tropez auf die Landkarte der Nachkriegs-Popkultur. Noch bevor Brigitte Bardot dort den Kultfilm Und ewig lockt das Weib (1956) drehte. Bevor Louis de Funès als Gendarm von Saint-Tropez (1964) Jagd auf Nudisten und Hippies machte. Bevor Mick und Bianca Jagger dort 1971 heirateten. Bevor Pink Floyd den Ort in dem jazzigen Lied San Tropez verewigten. Dass Pink Floyd dort am 8. August 1970 auf dem Festival de Musique auftraten und dann mit Road-Crew, Kind und Kegel eine Villa mieteten und Strandurlaub machten (siehe Band-Foto), verdeutlicht den Kultstatus von Saint-Tropez. In der Verfilmung Bonjour Tristesse (1958) ist ebenfalls einiges von der Stadt zu sehen. Jean Seberg fährt mit dem Fahrad in Saint-Tropez herum (Foto unten) um die Komplizin in ihrem Plan zu treffen. Sie stoppt nahe dem Hôtel La Ponche, das früher eine Hafenkneipe für Fischerleute war und heute ein 5-Sterne Hotel ist. Es wurde zum Lieblingshotel von Gréco, Sagan und Bardot. Im Film ist auch eine Tanzszene an der Hafenpromenade von Saint-Tropez, beim Cafe de Paris, neben der Statue von Admiral Pierre Andre de Suffren. Hier eine Romanpassage von Bonjour Tristesse (1954) in der Saint-Tropez erwähnt wird.

‘Cyril war da und füllte meine Gedanken aus. Abends gingen wir oft in die Nachtlokale von Saint-Tropez; wir tanzten zu den gebrochenen Klängen einer Klarinette und sagten uns Worte der Liebe, Worte die am Abend süß und wunderbar waren, und die ich am nächsten Morgen vergessen hatte. Am Tag segelten wir an der Küste entlang. Manchmal begleitete uns mein Vater. Er schätzte Cyril sehr…’

Part of the movie was filmed in two spectacular villas 30 miles west of Saint-Tropez. But 'San Tropez' (as Pink Floyd called it) is also featured: Here's Seberg in the La Ponche district

Links, Jean Seberg im Saint-Tropez der 50er Jahre, als es noch nicht ganz so viel Tourismus gab wie heute. Hauptdrehort für den Film Bonjour Tristesse (1958) waren zwei spektakuläre Villen auf der Halbinsel Pointe de la Fossette, 40 Km westlich von Saint-Tropez, bei der Küstenstadt Le Lavandou. Eine weitere, etwas höher gelegene Villa auf La Fossette kommt ebenfalls in Film vor. Gemäß der Biografie The World and Its Double: The Life and Work of Otto Preminger (2008) von Chris Fujiwara, hatte Regisseur Preminger die Villa von Pierre Lazareff, dem Chef der Zeitung France-Soir gemietet. Der Dreh war jedoch angespannt. David Niven war, voll und ganz seinem Playboy-Image entsprechend, auf einer Party – dachte es war Feierabend – als er auf dem Filmset dringend gebraucht wurde und per Hubschrauber zurückgeholt werden musste. Preminger empfing ihn mit den Worten: Don’t walk – run! Ich konnte beim Durchblättern einer Autobiografie von Niven keine Erwähnung vom Dreh finden, was darauf hindeuten könnte dass er ihn lieber vergessen wollte. Fujiwara schreibt dass Preminger viel auf dem Filmset herumschrie, besonders Jean Seberg gegenüber. Niven und Deborah Kerr tat das Leid und sie versuchten, ihr Mut zu machen. Seberg konterte Preminger indem sie seinen Wiener-Akzent imitierte. Es ist möglich dass Preminger – der Jean Seberg auch in seinem vorherigen Film Die heilige Johanna (1957) als Hauptdarstellerin engagiert hatte – sich in die Schauspielerin verliebt hatte und enttäuscht war dass sie während dem Dreh eine Romanze mit dem jungen Rechtsanwalt Francois Moreuil begonnen hatte. Auch die Romanautorin war auf dem Filmset zu Besuch, es gibt ein Foto auf dem Sagan, Seberg & Preminger zu sehen sind. New Wave Regisseur François Truffaut mochte den Film. Ebenso Jean-Luc Godard, der Jean Seberg bald bald darauf für Außer Atem (1960) wählte.

Biopic Sagan (2008) is available dubbed into German, though not English. But French version (above) is best package. incl. booklet, movie version (118 min) and TV version (180 min)

Sehenswert ist auch der biografische Spielfilm Sagan (2008) von der Regisseurin Diane Kurys. Er ist synchronisiert erhältlich und heißt auf Deutsch Bonjour Sagan (2008). Mit Sylvie Testud, siehe auch nachfolgendes Foto, als Françoise Sagan hat der Film eine sehr überzeugende Darstellerin. Man erfährt viel über Sagans abenteuerlichen Lebensstil. Sie lebte Jahre lang mit einer Entourage von Freunden, Liebhabern und Familienmitgliedern zusammen in einem Anwesen das sie mit dem Gewinn einer einzigen Nacht im Casino gekauft hatte. Sie hatte Beziehungen mit Männern sowohl als Frauen, war zweimal verheiratet und bekam 1962 einen Sohn: Denis Westhoff, der als Berater für den Film tätig war und ein Buch über seine Mutter veröffentlichte. Ihre längste Beziehung war mit Peggy Roche (1929-1991), einer Redakteurin der Modezeitschrift Elle, im Film dargestellt von der Schauspielerin und Sängerin Jeanne Balibar. Hier ein kurzer Film-Clip mit Testud und Balibar als Sagan & Roche. (In der deutschen Fassung, die als DVD erhältlich ist, werden die Rollen von Sabine Falkenberg und Susanne Medvey gesprochen). Die beiden waren fast zwanzig Jahre liiert und der relativ frühe Tod von Peggy Roche war ein schwerer Schlag für Sagan. Die Autorin gab permanent Geld aus wie Heu, was in späteren Jahren ihres Lebens problematisch wurde, als sie weniger Bücher verkaufte und immer noch ein Vermögen für Kokain ausgab. Daraus macht der Film keinen Hehl – und daraus machte auch Françoise Sagan (1935-2004) keinen Hehl. Sie ging zeitlebens ihren eigenen Weg, und schrieb nebenbei neun Theaterstücke und zwanzig Romane, von denen acht verfilmt wurden.

Actress Sylvie Testud (above) is excellent in the title role of Sagan (2008). Those 3/4 length trousers with moccasins - or espadrilles - that was pretty well Françoise Sagan's style

Der Film schafft es, unterhaltsam zu sein und gleichzeitig den Horizont des Zuschauers zu erweitern. Ein Beispiel: In Sagan (2008) ist einiges an Archivmaterial, Schwarz-Weiß-Film von Paris in den 50er und 60er Jahren. Dabei sieht man auch einige Kultorte der Bohème, wie das Café de Flore, das in den 50ern von Simone de Beauvoir, Sartre, Hemingway, Picasso, Bardot und Sagan besucht wurde. Ebenfalls zu sehen ist das Café Les Deux Magots, wo Leute wie Albert Camus, James Joyce, Bertolt Brecht einkehrten. Ich muss gestehen, dass ich diese kultigen Orte und ihre Verbindungen erst durch den Film Sagan (2008) kennenlernte. Angesichts so vieler nützlicher Hintergrundinfos die unaufdringlich im Film untergebracht sind, fragt man sich warum es keine vergleichbaren biografischen Spielfilme über deutsche Autoren wie Heinrich Böll oder Günter Grass gibt? Der Spielfilm Sagan (2008) zeigt dass Schriftsteller und ihr zeitgeschichtlicher Kontext auf interessante Weise dargestellt werden können. Sagan selber kontextualisiert in Bonjour Tristesse zwei Autoren, teilt kleine Seitenhiebe aus gegen Henri Bergson und zitiert das irische Enfant terrible Oscar Wilde. Die Protagonistin Cécile erwähnt ihn im Zusammenhang mit ihrem Vater:

Sein einziger Fehler war, dass durch ihn meine Vorstellung von der Liebe zeitweilig eine zynische Nüchternheit erhielt, die in meinem Alter und bei meiner Erfahrung eher belustigend als imponierend wirken musste. Ich zitiere mit Vorliebe Aphorismen, zum Beispiel Oscar Wilde: Die Sünde ist der einzige lebendige Farbfleck, der in der modernen Welt existiert ‘ (Bonjour Tristesse, 1954)

Da ist es wieder, das Gefühl, nichts Neues schaffen zu können, ohne das Alte zu zerbrechen, das Gefühl dass die ‘zynische Nüchternheit’ ihren Preis hat. Illusionen zerbröckeln lässt. Sagan hat das bittersüße Gefühl der Moderne auf den Punkt gebracht ohne es zu verherrlichen, ohne es zu verurteilen: Bonjour Tristesse

 

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Wussten Sie schon? Françoise Sagan war Jazz-Fan, liebte besonders Billie Holiday. Sie sah die Sängerin auch live, als sie 1956 in Amerika war. In New York, wo Sagan auf Buch-Promotion war, durfte Holiday wegen Drogendelikten allerdings nicht auftreten. Sagan fuhr (mit ihrem Freund und Pianisten Michel Magne) fast 300 Km per Taxi nach Connecticut, wo die Sängerin in einem kleinen Country-Club auftrat. Als Holiday erfuhr dass Sagan so einen Aufwand gemacht hatte, war sie sehr berührt. Sagan schrieb ein ganzes Kapitel über Holiday und ihre Begegnung in ihrem Memoir Avec mon meilleur souvenir (1984), englischer Titel With Fondest Regards. Im biografischen Spielfilm Sagan (2008) erscheint das Lied Foolin’ Myself von Billie Holiday

Françoise Sagans Autos Auf dem Cover von Sagan (2008) ist ein Jaguar XK 120 Roadster, das erste Auto das sie sich mit dem Geld von Bonjour Tristesse kaufte. Sie liebte Cabriolets, sagte, nur so sei man in Kontakt mit der Natur. Sie nahm oft ihren Hund mit, hier ein Foto von ihr mit Schäferhund in einem Mini Cooper. Sie hatte u. a. einen Ferrari 250 GT Spider California und ein Aston Martin DB2/4 Cabrolet in dem sie einen Unfall hatte. Es gibt eine Anekdote über ihre Auto-Leidenschaft: Als sie 1968 eine Veranstaltung revolutionärer Studenten besuchte – und mit 33 schon zur alten Garde zählte – fragte der Sprecher zynisch ob Genossin Sagan mit einem Ferrari gekommen sei? Sagan antwortete darauf schlagfertig: Nein, mit einem Maserati

Sagan-Hörbuch mit Catherine Deneuve  Es gibt Bonjour Tristesse auf Deutsch als Roman (oben meine Ullstein-Ausgabe), E-Book und auch als Hörbuch auf CD. Wer Französisch spricht, könnte das Hörbuch von Catherine Deneuve interessant finden, siehe CD-Cover. Sagan und Deneuve kannten sich. Deneuve war in der Sagan-Romanverfilmung Chamade (1968), hier ein Foto von den beiden beim Filmdreh.

Zusammenfassung meiner DVD-Kaufempfehlungen Die Verfilmung Bonjour Tristesse (1958), und der auf Deutsch synchronisierte biografische Spielfilm Bonjour Sagan (2008). Wer mehr will, sollte auch die schön designte französische 2-DVD-Ausgabe auschecken (siehe obiges Foto) die den kürzeren Titel Sagan (2008) hat und neben dem 118 min. Spielfilm auch die 180 min. TV-Version enthält, plus Extras wie Audiokommentar

Sagans Lied für Johnny Hallyday  Hier ein Foto von den beiden, und das Lied Quelques cris mit Text von Sagan. Es handelt vom ‘ersten Schrei’ (le premier cris) als Baby, und dann in verschiedenen Lebensstationen: Dem Schrei einer Liebesnacht, dem Schrei des Sängers auf der Bühne etc. Am Ende: ‘Wenn ich heute nicht mehr schreie, ist es weil die Einsamkeit meine Stimme gebrochen hat’. Au revoir Françoise, au revoir Johnny

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