Die Kinoversion von Tinker, Tailor, Soldier, Spy (2011) deren auf einem Kinderreim beruhende Originaltitel spannender klingt als die deutsche Fassung, ist mit guten Kritiken in England angelaufen. Wie so oft, muss man sich in Deutschland und bei uns Spanien noch monatelang gedulden, hier ist der Filmstart anscheinend erst im Februar 2012. Das ist mir ebenso rätselhaft wie der späte deutsche Kinostart der neuen Jane Eyre (2011) Verfilmung: Bis die Sachen ins Kino kommen werden viele deutsche Fans englische DVD-Versionen mit viel Extramaterial bevorzugen oder vielleicht sogar schon besitzen. Aber Schwamm drüber. Ich habe mir stattdessen einfach mal wieder die gute alte BBC TV-Verfilmung (1979) mit Alec Guinness in der Rolle von George Smiley angesehen. Hammerhaft gut. Aufwendige Produktionen von so einem Kaliber werden mit den Jahren fast noch besser, vielleicht weil das graue London der späten 70er nicht mehr wie dröger Alltag sondern wie ein mystisches Zeitdokument erscheint: Die Autos, die Klamotten etc. Auf meinem Foto ist eine Zeitungsanzeige für den neuen Film (2011) und die Romanvorlage (1974). Sir Alec Guinness (1914-2000) spielte den Ex-MI6 Mann George Smiley mit einem Brillengestell von solch ikonischem Status dass Gary Oldman, der neue Smiley, Hunderte von Brillen ausprobierte bis er etwas fand das zu ihm und der Smiley-Figur passte. Angeblich hat Oldman, der früher mal den Hungerhaken Sid Vicious spielte, auch eine Menge englischen Kuchen gegessen um Smileys eher rundlichem Erscheinungsbild gerecht zu werden.

Whatever format you use, the thing about radio dramatisations is that they don't necessarily turn you into a couch potato. A classic like 'Tinker, Tailor...' even makes assembling Ikea flat packs bearable. Well, almost. On and off there are some of these plays are online. Listen before they get taken down

Was ich an der Figur interessant finde, ist dass sie ein kompletter Gegenentwurf zu James Bond ist. Letzterer hat die Jahrzehnte, für meinen Geschmack, nicht ganz so überstanden wie Smiley. Wahrscheinlich weil die Welt komplizierter geworden ist als sie es zu den Zeiten von good old Ian Fleming (1908-1964) war. Auftrumpfendes Gehabe und Aktionismus haben einen bitteren Beigeschmack bekommen. Im Jahr 2003 veröffentlichte der Romanautor John le Carré (geb. 1931) in der Times den Artikel ‘The United States has gone mad‘, in dem er den kommenden Irak-Kriegszug verurteilte. Aber auch le Carrés Figuren – und vielleicht sogar Ex-Spion le Carré selber – verkörpern einen Sektor der Geheimdienste der sowohl andere Staaten als auch die eigenen Bürger bespitzelt. Da steckt irgendwo ein fundamentaler Wurm drin. Manipulatives Verhalten das irgendwann vom nötigen Mittel zum Zweck, zum Selbstzweck wird und den Wald vor Bäumen  nicht mehr sieht oder sehen will. Kontraproduktiver Übereifer. Kontrollsucht die sich selbst in den Fuß schießt. Auf der BBC DVD-Version von ‘Tinker. Tailor…’ ist ein gutes, ca. 1-stündiges Doku namens The Secret Centre, in dem übrigens auch Markus Wolf, Ex-Stasi-Chef, zum Teil Vorbild für Smileys Nemesis Carla – und le Carré-Fan! – zu Wort kommt.

It's hard to top the TV series from 1979 with Alec Guinness as Smiley. But the movie Tinker Tailor Soldier Spy (2011) with Gary Oldman as Smiley was pretty good. Apparently he tried 200 pairs of glasses before he found this beauty

Aber es geht hier hauptsächlich um John le Carrés Leben und seine Erfahrungen in der Welt der Geheimdienste. Ich will dem sympathischen, nachdenklichen Mann keine Worte in den Mund legen, aber mir schienen die Beschreibungen von seiner eigenen Jugend und der vom britischen Oberspion (und Sovietspitzel) Guy Burgess, darauf hinaus zu laufen dass Geheimdienste Leute anziehen oder sogar gezielt rekrutieren, die einen kindheitsbedingten psychologischen Knacks haben. Etwas das spezifisch in manipulativen und verdeckten Tätigkeiten eine zufriedenstellende Existenz und Identität findet. Auffällig ist, anhand von le Carrés Beschreibungen, dass sein Vater und der Vater von Guy Burgess, in vieler Hinsicht Betrüger waren. Er beschreibt Burgess’ Vater als ‘…the most dreadful fellow, a kind of conman who worked the Middle East…’. Und le Carrés eigener Vater war sogar wegen Betrug sogar im Knast. Versucht also die Geheimdiensttätigkeit der Söhne das dubiose Verhalten der Väter, zwar nicht zu kopieren aber zu rechtfertigen, zu normalisieren? Das wäre ein nachvollziehbarer Versuch, den Vater nachträglich akzeptieren und lieben zu können. Nobody’s perfect. Aber wenn im Laufe der Jahre zunehmend Leute mit allzu persönlichen Motiven die Geheimdieste bevölkern, entsteht vielleicht eine Mentalität die mehr an Selbsterhalt als an der Sicherheit des eigenen Landes interessiert ist. Probleme mit denen James Bond nie zu kämpfen hatte – das  muss man ihm lassen.

 

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Le Carré: ‘Dame, König, As, Spion’ als Hörspiel online Das BBC-Hörspiel Tinker, Tailor, Soldier, Spy. Mit Simon Russell Beale (als George Smiley), Ewan Bailey (als Peter Guillam), Vera Filatova (Irina), Anthony Calf (als Jim Prideaux), Alex Jennings (als Oliver Lacon), Jamie Foreman (als Ricki Tarr), Kenneth Cranham (als Mendel), Anna Chancellor (als Ann Smiley), Ryan Watson (als Bill Roach), Maggie Steed (als Connie Sachs), Peter Majer (Magyar), Philip Fox (Roddy Martindale), John Rowe (Control), Sam Dale (als Toby Esterhase), Bill Paterson (als Percy Alleline), Philip Fox (Karla), Stephen Greif (Polyakov), Kate Layden (Mrs McCraig) u. a. Produktion von 2009. Hinweis: Das Hörspiel ist auch als CD-Set erhältlich. ’The Complete George Smiley Radio Dramas: BBC Radio 4 Full-Cast Dramatisation’ enthält dieses und 7 andere Le Carré Hörspiele.

Film-Info  Die BBC-Verfilmung Tinker, Tailer, Soldier, Spy‘ (1979) ist hier auf YouTube zu sehen

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