Gemma Arterton in the title role of Tess of the D'Urbervilles (2008). On the whole I find this the best adaptation of the Thomas Hardy novel so far. Though Nastassja Kinski as Tess the 1979 movie version with was pretty good too

Vor 120 Jahren wurde der ländliche Romanklassiker Tess von Thomas Hardy veröffentlicht. Für mich einer der besten Romane des 19. Jahrhunderts, mit vielen interessanten Aspekten, einer davon ist die Beschreibung Viktorianischer Doppelmoral, was Hardy damals harsche Kritik und sogar Zensur seitens seiner Verleger bescherte. Das Mädchen Tess, die für Hardy die Unschuld vom Lande darstellt, wird von zwei sehr verschiedenen Männern in den Abgrund getrieben. Eigentlich ein archetypisches Thema das schon zu Hardys Zeiten der Stoff von Volksliedern war. Aber seine Darstellung geht über Klischees hinaus, mitunter dadurch dass er als Auslöser der Katastrophe nicht nur den fiesen Landbesitzer Alec zeigt sondern auch den liberalen Pfarrerssohn Angel Clare, der mit seinem vermeintlich gutem Menschentum ebenfalls viel Schaden anrichtet. Er ist kein Vergewaltiger wie Alec, punktet aber in Sachen Doppemoral reichlich. Ein anderer Aspekt der mir an Tess (1891) gefällt, ist die Fülle an Beschreibungen von Landleben und Folklore des 19. Jahrhunderts. Damit kannte Hardy sich gut aus. Er schrieb über das ländliche Dorset in dem er aufwachsen war. Ob er selber viele Kühe gemolken hat, ist mir nicht bekannt, er hatte ja Architekt gelernt. Aber Hardy hat das Landleben genau beobachtet und Tess damit einen zeitgeschichtlich-dokumentarischen Aspekt gegeben. Zu den Orten die Hardy als Vorbild nahm und im Roman umbenannte, machte er genaue Angaben. Die umgerechnet ca. 50 km Reise die Tess auf Arbeitssuche zu einem Viktorianischen Großbauernhof unternimmt, kann man heute noch machen.

Nice Penguin paperback edition of Tess, with some 70 pages of extra material, an introduction by Margaret R. Higonnet etc. Cover: The Farmer's Daughter by John Everett Millais

Empfehlenswert, denn das südenglische Dorset ist idyllisch, und eigens organisierte Studienreisen sind ein guter Vorwand für Urlaub. Zu den Schauplätzen des Romans gehören mystische Orte wie Stonehenge. Aber Tess fährt erstmal per Pferdewagen von ihrem Heimatdorf Marlott (Vorbild war das echte Dorf Marnhull) südlich nach Stourcastle (das echte Sturminster Newton). Von da aus nimnt ein Bauer sie mit nach Weatherbury (das echte Puddletown). Die restlichen 12 km nach Kingsbere (in echt Bere Regis) geht Tess zu Fuß. Für Leute vom Land bedeuteten 50 km Entfernung damals meist, dass man einen Ort zwar vom Namen her kannte, aber noch nie da war. Tess ist überrascht, wie grün die Felder aufgrund der besseren Bewässerung durch den Fluss Froom (in echt: Frome) sind. Es gibt hier viel mehr Kühe, und Tess staunt über die polierten Messingkugeln auf ihren Hornspitzen. Auch die Felder und Höfe sind viel größer. Der Hof Talbothays auf  dem Tess ankommt, gerade als um 16 Uhr 30 die Kühe zum Melken in den Hof gerufen werden, ist mit 100 Kühen für damalige Verhältnisse riesig. Das Melk-Team besteht aus einem Dutzend Männern und Frauen plus einen Vorarbeiter. Wenn meine Milchmädchenrechnung aufgeht, musste also jeder damals um die 7 Kühe melken, zweimal am Tag.  Es gibt Ställe aber viele Kühe werden einfach im Hof gemolken. Die Frauen tragen hölzerne Trippen um ihre Schuhe vor Matsch zu schützen. Vorarbeiter Mr.Crick ist kein Tyrann sondern recht humorvoll und fleißig dabei, er melkt die schwierigeren Kühe selber. In Hardys Roman, aus dessen Originalfassung ich hier nur ein paar Seiten nacherzählt haben, stecken viele Geschichten, viel Zeitgeschichte. Ein Buch auf das ich noch öfters eingehen werden. Der Originaltext ist gemeinfrei und online. Wobei ich Buchausgaben zum Lesen bevorzuge, denn hier ist oft umfangreiches Zusatzmaterial, Kommentare etc. mit dabei, z. B. bei der Penguin Classics Ausgabe. Neben dem Roman, der auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist, gibt es verschiedene Lesungen (eine sehen Sie im obigen Foto) und eine englische BBC-Hörspielfassung die online ist und zu der gleich ein Link folgt.

 

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Reisen Für literarisch inspirierte Urlauber ist Dorchester in Dorset ein guter Startpunkt. Hier, am Stadtrand, lebte Hardy für Jahrzehnte in seinem Haus Max Gate und schrieb mehrere  Romane, auch Tess. Sein Arbeitstisch ist im Dorset County Museum zu sehen. Am idyllischsten ist jedoch dein Geburtshaus in Higher Bockhampton, 3 km außerhalb von Dorchester. Hier lebte Thomas Hardy (1840-1928) bis er 34 war und schrieb Am Grünen Rand der Welt (1874), ein Roman der wie Tess (1891) ebenfalls ein lesenswerter und verfilmter Klassiker ist. In der  Nähe von Higher Bockhampton, ca. 3 km. Richtung West Stafford, ist auch Lower Lewell Farm, das Vorbild für den Bauernhof Talbothays in Tess.

Verfilmungen Von den Verfilmungen mag ich am liebsten die BBC-Fassung Thomas Hardy’s Tess of the D’Urbervilles (2008), die es auch als synchronisierte deutsche Fassung gibt. Mit Gemma Arterton (obiges Foto) als Tess und authentischen Drehorten in Südengland, u. a. starke Szenen bei Stonehenge. Die Szene in diesem YouTube-Clip basiert auf dem Maitanz von dem Hardy in Tess eine regionale Variante beschrieb

Thomas Hardys ‘Tess’ als Hörspiel online Das BBC-Hörspiel – Teil 1 Tess Of The d’Urbervilles. Mit Claire Rushbrook (als Tess), James D’Arcy (als Angel Clare), Adam Godley (als Alec D’Urbeville), Sylvia Hallett (Musik), Isabel Watson (Geige) u. a. Produktion: 2001. Links für Teil 2 und Teil 3 und Teil 4 des Hörspiels hier

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