Vor 120 Jahren wurde der ländliche Romanklassiker Tess von Thomas Hardy veröffentlicht. Für uns einer der besten Romane des 19. Jahrhunderts, mit vielen interessanten Aspekten, einer davon ist sicher die Beschreibung Viktorianischer Doppelmoral, was Hardy damals harsche Kritik und sogar Zensur seitens seiner Verleger bescherte. Das Mädchen Tess, die für Hardy die Unschuld vom Lande darstellt, wird von zwei sehr verschiedenen Männer in den Abgrund getrieben. Eigentlich ein archetypisches Thema das schon zu Hardys Zeiten der Stoff von Volksliedern war. Aber seine Darstellung geht über Klischees hinaus, mitunter dadurch dass er als Auslöser der Katastrophe nicht nur den fiesen Landbesitzer Alec zeigt sondern auch den liberalen Pfarressohn Angel Clare, der mit seinem vermeintlich gutem Menschentum ebenfalls viel Schaden anrichtet. Er ist kein Vergewaltiger wie Alec, punktet aber in Sachen Doppemoral reichlich. Ein anderer Aspekt der uns an Tess (1891) gefällt, ist die Fülle an Beschreibungen von Landleben und Folklore des 19. Jahrhunderts. Damit kannte Hardy sich gut aus. Er schrieb über das ländliche Dorset in dem er aufwachsen war. Ob er selber viele Kühe gemolken hat, ist uns nicht bekannt, er hatte ja Architekt gelernt. Aber Hardy hat das Landleben genau beobachtet und Tess damit einen zeitgeschichtlich-dokumentarischen Aspekt gegeben. Zu den Orten die Hardy als Vorbild nahm und im Roman umbenannte, machte er genaue Angaben. Die umgerechnet ca. 50 km Reise die Tess auf Arbeitssuche  zu einem Viktorianischen Großbauernhof unternimmt, kann man heute noch machen.

Empfehlenswert, denn das südenglische Dorset ist idyllisch, und eigens organisierte Studienreisen ein guter Vorwand für Urlaub. Zu den Schauplätzen des Romans gehören mystische Orte wie Stonehenge. Aber Tess fährt erstmal per Pferdewagen von ihrem Heimatdorf Marlott (Vorbild war das echte Dorf Marnhull) südlich nach Stourcastle (das echte Sturminster Newton). Von da aus nimnt ein Bauer sie mit nach Weatherbury (das echte Puddletown). Die restlichen 12 km nach Kingsbere (in echt Bere Regis) geht Tess zu Fuß. Für Leute vom Land bedeuteten 50 km Entfernung damals meist, dass man einen Ort zwar vom Namen her kannte, aber noch nie da war. Tess ist überrascht, wie grün die Felder aufgrund der besseren Bewässerung durch den Fluss Froom (in echt: Frome) sind. Es gibt hier viel mehr Kühe, und Tess staunt über die polierten Messingkugeln auf ihren Hornspitzen. Auch die Felder und Höfe sind viel größer. Der Hof Talbothays auf  dem Tess ankommt, gerade als um 16 Uhr 30 die Kühe zum Melken in den Hof gerufen werden, ist mit 100 Kühen für damalige Verhältnisse riesig. Das Melk-Team besteht aus einem Dutzend Männern und Frauen plus einen Vorarbeiter. Wenn unsere Milchmädchenrechnung aufgeht, musste also jeder damals um die 7 Kühe melken, zweimal am Tag.  Es gibt Ställe aber viele Kühe werden einfach im Hof gemolken. Die Frauen tragen hölzerne Trippen um ihre Schuhe vor Matsch zu schützen. Vorarbeiter Mr.Crick ist kein Tyrann sondern recht humorvoll und fleißig dabei, er melkt die schwierigeren Kühe selber.

In Hardys Roman, aus dessen Originalfassung wir hier nur drei, vier Seiten nacherzählt haben, stecken viele Geschichten, viel Zeitgeschichte. Ein Buch auf das wir noch öfters eingehen werden. Der Originaltext ist gemeinfrei und online. Wobei wir persönlich mehrere englische Buchversionen besitzen und bevorzugen. Hier ist oft umfangreiches Zusatzmaterial, Kommentare etc. mit dabei, z. B. bei der Penguin Classics Ausgabe. Preiswert erhältlich. Secondhand super billig. Neben dem Roman, der auch in deutscher Übersetzung erhältlich ist, gibt es verschiedene Lesungen (eine sehen Sie im obigen Foto) und eine englsche BBC-Hörspielfassung.

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Von den drei Verfilmungen mögen wir am liebsten die BBC-Fassung Thomas Hardy’s Tess of the D’Urbervilles (2008), die auch als synchronisierte deutsche Fassung erhältlich ist. Mit Gemma Arterton als Tess und authentischen Drehorten in Südengland, u. a. eindrucksvolle Szenen bei Stonehenge. Die Szene in diesem YouTube-Clip basiert lose auf dem Maitanz von dem Hardy in Tess eine regionale Variante beschrieb. Für literarisch inspirierte Reisende ist Dorchester in Dorset ein guter Startpunkt. Hier, am Stadtrand, lebte Hardy für Jahrzehnte in seinem Haus Max Gate und schrieb mehrere  Romane, auch Tess. Sein Arbeitstisch ist im Dorset County Museum zu sehen. Am idyllischsten ist jedoch dein Geburtshaus in Higher Bockhampton, 3 km außerhalb von Dorchester. Hier lebte Thomas Hardy (1840-1928) bis er 34 war und schrieb Am Grünen Rand der Welt (1874), ein Roman der wie Tess (1891) ebenfalls ein lesenswerter und verfilmter Klassiker ist. In der  Nähe von Higher Bockhampton, ca. 3 km. Richtung West Stafford, ist auch Lower Lewell Farm, das Vorbild für den Bauernhof Talbothays in Tess. Wir freuen uns übrigens wenn Leser uns ein paar Zeilen über ihre eigenen Abenteuer in Dorset senden

Avenita Kulturmagazin