2001 radio documentary from German public broadcasters WDR (Westdeutscher Rundfunk) online about Lebensborn. Which is, of course, not portrayed as good. But this feature is factual rather than sensationalistic. Not quite Handmaid’s Tale

Interessante Sendung vom Westdeutschen Rundfunk über ein Thema um das sich viele Mythen ranken. Link folgt am Ende des Posts. Selbstverständlich wird beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein nationalsozialistisches Projekt wie Lebensborn e. V. in keiner Weise verherrlicht. Gleichzeitig ist das Feature sehr sachlich und ohne den melodramatischen Ton der Dokus zu solchen Themen manchmal den Wind aus den Segeln nimmt. Die Stärke des 54 Min. Features ist, dass es auf Gesprächen und dem Originalton von Leuten beruht, die persönliche Verbindungen zu Lebensborn haben – die also dort geboren wurden, oder dort als Hebammen tätig waren, oder dort ein Kind zur Welt brachten. Eine der gängigsten Mythen über Lebensborn ist dass es, grob ausgedrückt, eine Art SS-Puff war. Eine Fantasie die durch sog. Exploitation-Filme wie ‘Lebensborn – Ordered to Love’ (1961) beflügelt wurde, siehe Poster, mit Untertiteln wie ’Volunteers for Hitlers Love Camp!’ und ‘Fräuleins Forced Into Sensual Slavery!’. Der Film von Werner Klingler, mit der hübschen Schauspielerin Maria Perschy, hatte in Deutschland, siehe Poster, den Untertitel ‘Liebe auf Staatsbefehl’. Solche Filme bekamen im Laufe der 60er Jahre, wenn auch in Bahnhofskinos, ein Millionenpublikum. Aber Lebensborn-Heime gab es aus anderen Gründen:

Die 83-jährige Gertrud Bollmann war damals gerade 21, hatte ein mal mit ihrem Freund geschlafen und war sofort schwanger geworden. Da ihre Eltern immer damit gedroht hatten, sie in solch einer Situation aus dem Haus zu werfen, wollte die junge Frau abtreiben. Aber sie fand keine Möglichkeit. Schließlich war der Schwangerschaftsabbruch bei den Nationalsozialisten bei Strafe verboten. Sie erzählt: ‘Da bin ich zu unserem Hausarzt, und der hat mich dann an den Lebensborn verwiesen. Ich wusste aber gar nicht dass der Arzt ein SS-Arzt war. Und dann hatte der mir die Adresse in München gegeben, und dann habe ich dahin geschrieben. Ja, und dann habe ich die ganzen Aufnahmeunterlagen gekriegt. Und dann musste ich den Stammbaum erbringen.’ (Aus dem WDR-Radiofeature über Lebensborn)

Stichwort Stammbaum: 56 Prozent aller Aufnahmeanträge wurden abgewiesen, was nationalsozialistische Sichtweisen und Hintergedanken verdeutlicht. Aber Lebensborn war kein Tinder für Nationalsozialisten, und es war, genau genommen, auch nicht Handmaid’s Tale. Es ging in der Tat darum, unverheirateten Frauen die ein Kind erwarteten, eine – freiwillige – Möglichkeit zu bieten, ihr Kind zu gebären. Und zwar in anonymer Abgeschiedenheit von ihrem sozialen Umfeld, denn damals war ein uneheliches Kind ein großen Stigma, das viele Frauen dazu bewegte, heimlich abzutreiben. Mit einem unehelichen Baby war damals nicht nur der gute Ruf sondern auch ein etwaiger Arbeitsplatz in Gefahr. Obwohl Frauen im Lebensborn die Möglichkeit hatten, ihr Kind zur Adoption – meist an Familien von SS-Angehörigen – zu geben, war dies jedoch nicht obligatorisch. Mindestens einer der Leute die im Feature interviewt werden, wuchs nach seiner Geburt im Lebensborn bei seiner Mutter auf. Die Verhinderung von Abtreibungen beruhte natürlich nicht nur auf reiner, und schon gar nicht auf universeller Menschenliebe, sondern hatte auch den typisch nationalsozialistischen Blickwinkel von der Erhaltung und Vergrößerung des Volks etc. Dieser und viele andere Aspekte von Lebensborn werden im WDR-Feature kritisch und sachlich erörtert. Deutlich aufschlussreicher als manche Filme zu diesem Thema

Radiotipp – WDR-Feature über Lebensborn vom Jahr 2001 online Das WDR-Radiofeature ’Lebensborn – Lebenslang’ (2001). Eine Koproduktion von WDR und Radio Bremen. Autorin der Radiosendung: Dorothee Schmitz-Köster. Sprecher: Heinrich Giskes und Cornelia Boje. Technische Realisation: Sascha John. Regieassistenz: Jutta Müßener. Regie Petra Feldhoff. Redaktion: Gisela Corves. Länge: 53:52 Min.

 

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Musik und Klangcollagen im WDR-Feature Um kurz auf den interessanten Soundtrack einzugehen: Zwischen den Interviews erklingen Collagen von Reden von zwei Hauptfiguren des Dritten Reichs, die Sie sicher erraten werden. Und Ausschnitte von dem berühmten Durchhalteschlager Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei (1942) von Maria von Schmedes, und Ich schreibe meiner Mutter einen Brief von Rudi Schuricke

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